Ministerin und Mutter: Ursula von der Leyen über Kinder und Karriere

Die deutsche Verteidigungsministerin hat sechs Geschwister und sieben Kinder. Für das Buch von Anneliese Rohrer und Birgit Fenderl sprach sie offen über ihre Erfahrungen.

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Aus dem Album: Ursula von der Leyen, Ehemann Heiko und die sieben Kinder (v. l.) Donata, Egmont, David, Victoria, Sophie, Johanna, Gracia im Jänner 2005. – JOCHEN LUEBKE / AFP / picturedes

Eines der zentralen Themen heute ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Töchter von heute sind die Mütter von morgen. Viele Mütter legen ihr Hauptaugenmerk, ob aus Neigung oder Notwendigkeit, auf Arbeit, Beruf oder Karriere. Welche Konsequenzen hat das Ihrer Meinung nach für die Töchter?
Ursula von der Leyen: Ich habe zweierlei Erfahrungen: die eine als Tochter, die andere als Mutter. Ich komme aus einem Elternhaus mit sieben Kindern. Meine Mutter hatte in Germanistik promoviert und zwei Jahre als Journalistin gearbeitet. Dann kam das erste Kind, meine Eltern zogen nach Luxemburg, später nach Brüssel und es war selbstverständlich, dass damit die Berufstätigkeit meiner Mutter endete.
Nach und nach wurden sechs weitere Kinder geboren. Meine Eltern führten eine sehr glückliche Ehe. Mein Vater war ein wunderbarer Vater, der zwar viel unterwegs war, aber wenn er zu Hause war, dann sehr präsent. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem die unterschwellige Erwartung meiner Eltern an die Töchter wie die Söhne war: Es ist ganz wichtig, dass ihr einen guten Studienabschluss macht. Meine kleine Schwester ist mit 11 Jahren gestorben. Ich war damals 13 Jahre alt. Von da an war ich das einzige Mädchen. Aber es galt für mich als Tochter genauso wie für die fünf Brüder: ein guter Abschluss. Nach meinem Medizinstudium war ich gerade jung verheiratet und in der ersten Anstellung. 1987 erwartete ich das erste Kind, und es gab zwei Reaktionen: Im Krankenhaus war es die Enttäuschung, dass ich schwanger war. „Oh, wie schade, mit der haben wir noch so viel vorgehabt.“ Dieses „Auf die können wir jetzt verzichten“ hat mich sehr gekränkt. Und dann gab es die Erwartung in meinem privaten Umfeld, nicht von meinem Mann, aber von anderen: „Ah, jetzt kriegst du ein Kind, jetzt bleibst du zu Hause.“ Beides ist so nicht eingetreten. Ich weiß noch, wie mich das schlechte Gewissen zerrissen hat. Es gab damals weder einen Kindergarten, geschweige denn Kitaplätze. So habe ich versucht, mit einer Tagesmutter sowohl den Anforderungen der Klinik gerecht zu werden als auch der wachsenden Kinderzahl. Das Schlimmste im Rückblick war das schlechte Gewissen. Und wenn ich etwas der jungen Generation ersparen könnte, dann wäre es vor allem das schlechte Gewissen. Denn ich weiß heute mit meiner ganzen Erfahrung, dass es egal ist, ob die Eltern zu Hause sind, berufstätig oder auf welche Weise sie sich beides untereinander aufteilen. Entscheidend ist, dass sie mit ihrer Lebenssituation zufrieden sind. Eine Mutter, die zu Hause und frustriert ist, ist keine gute Mutter. Eine Mutter, die zerrissen ist und ausgebrannt in ihrem Beruf, ist auch keine gute Mutter.
Umgekehrt, wer wirklich gerne zu Hause bleiben möchte, ohne latentem Vorwurf, wird eine zugewandte, gute Mutter sein. Wer seinen Beruf liebt, den werden die Kinder auch als eine zufriedene, glückliche und damit auch zugewandte Mutter erleben. Gleiches gilt für die Väter.

Also ist das im Grunde eine Frage der gesellschaftlichen Einstellung?
Das ist richtig. Ich habe dieses schlechte Gewissen ja auch nur gegen der gesellschaftlichen Umgebung gehabt. Die zweite Erfahrung – und sie ist fast die wichtigere – habe ich nach der Geburt des dritten Kindes und nach unserem Umzug in die USA, nach Stanford, Kalifornien, gemacht. Dort war die Haltung völlig anders: „Ah, ihr seid beide Ärzte, ihr habt drei Kinder, toll, ihr müsst ja sicher beide viel arbeiten, um die ganzen Kosten für Schule und Ausbildung hinzubekommen, wie können wir euch helfen?“ Es gab Kinderbetreuung und man konnte sogar auswählen. Es wurde vom Vater genauso erwartet, dass er sich in der Schule engagiert und sich freie Zeit für Schulaktivitäten loseist, wie von der Mutter. Mein Mann und ich haben das als echte Befreiung empfunden. Wir haben gemerkt, was es bedeutet, wenn die Gesellschaft unterstützend ist. Die Aufgaben bleiben anstrengend, aber es wachsen ungeahnte Kräfte, wenn man ein unterstützendes Umfeld hat.

Welche Konsequenzen hatte das für Sie?
Das hat eigentlich meine gesamte politische Haltung geprägt, insbesondere als Familienministerin. Es war mir wichtig, dass sich die gesellschaftliche Tonalität ändert. Dass man Respekt vor jungen Vätern und Müttern hat. Sie geben ihr Bestes, nämlich Kinder zu erziehen und ihren Lebensunterhalt verdienen zu wollen. Also besser kann es ja eigentlich nicht sein. Die Frage ist, wie können wir als Gesellschaft da helfen. Und das sind jene Elemente gewesen, die dann politisch zu Elterngeld, Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, familienfreundliche Arbeitszeiten und all den anderen Themen geführt haben.

Gibt es da Fortschritte, gibt es eine veränderte Mentalität?
In Deutschland hat sich vieles deutlich verbessert. Inzwischen haben wir das breit akzeptierte Elterngeld und insbesondere die Vatermonate haben das Bild und Selbstverständnis junger Väter verändert. Es gibt den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Im Regierungsprogramm steht jetzt sogar der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule, Unternehmen haben ausgefeilte Arbeitszeitmodelle für Familien verankert. Was hätte ich vor zwölf Jahren für diese Einstellung gegeben? Natürlich ist man noch lange nicht am Ziel, aber es ändert sich etwas. Das ist er Punkt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2018)

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