Kriegsängste in der Hafenstadt Odessa

In der Schwarzmeerstadt Odessa stehen pro- und antirussische Kräfte einander gegenüber. Furcht vor Krim-Szenario wächst. Immerhin haben für Samstag beide Protestgruppen zu einer Stadtparksäuberungsaktion aufgerufen.

Ukrainian Coast Guard vessels are docked in the Black Sea port of Odessa
Ukrainian Coast Guard vessels are docked in the Black Sea port of Odessa
Ukrainian Coast Guard vessels are docked in the Black Sea port of Odessa – (c) REUTERS (STRINGER)

Odessa. Andrei hat sich schon alles im Kopf zurechtgelegt. „Wenn der Krieg kommt, ist das Wichtigste eingekauft“, sagt er. Trinkwasserflaschen, Babynahrung, Medikamente und Grundnahrungsmittel. Noch wartet der IT-Spezialist, der in der ukrainischen Schwarzmeerstadt Odessa lebt, aber ab, schaut fern, liest Internetportale. „Wir alle haben Angst, aber man sieht es uns nicht an, wir leben den Alltag“, sagt Andrei, und seine Frau fügt hinzu, sie traue sich nicht einmal mehr im eigenen Land die ukrainische Flagge aus dem Fenster zu hängen. Sie wolle keine Pflastersteine ins Kinderzimmer fliegen sehen, die Mehrheit sei halt prorussisch hier, sagt sie. Der Aufstand auf dem Kiewer Maidan habe sie verändert, erst nach der Annexion der Krim wisse sie bestimmt, dass sie Ukrainerin sei. „Als Letztes gehe ich zum Polizeiposten und bitte um eine Waffe, damit ich die Familie verteidigen kann“, sagt Andrzej dann. Er wird still, nachdenklich.

Witali dagegen ist eine fröhliche Natur. „Wir warten auf Stabilität“, meint er fast locker. Dennoch meint er: „Alles hat sich verändert in den vergangenen drei Wochen. Der Regionalverwalter ist neu, die Regierung in Kiew ebenso und nun ist auch noch die Krim weg.“ Immerhin sei es den Ukrainern gelungen, einen Raketenkreuzer in den Hafen von Odessa umzuleiten. Den „Ukrainern“, sagt Witali und zeigt damit gleich, wo seine Sympathie liegt – bei Putin. Dennoch fragt auch er sich: Soll die Ukraine zur EU oder zu Russland? Er habe Angst, dass es auch in Odessa bald Krieg gebe, sagt er zum Abschied.

Am Kaffeestand bei der Potjomkin-Treppe hoch über dem Hafen meinen später zwei Frauen, wenn nun die Krim weg sei, würden diesen Sommer eben mehr Touristen nach Odessa ans Schwarze Meer kommen. Galgenhumor mischt sich mit diffusen Ängsten. Die Odessa-Seite der ukrainischen Tageszeitung „Sewodnia“ berichtet gar von einem Psychologenteam, das den Bewohnern der Millionenstadt beistehe.

Auf den ersten Blick ist davon in der Stadt wenig zu bemerken. Fröhliche Teenies skaten auf der Meerpromenade, die Jeunesse Dorée feiert jeden Abend in den Clubs, Matrosen aus Rumänien und Georgien grasen die nahen Geschäfte ab und lächeln den lokalen Schönheiten zu. Doch seit der lokale prorussische Separatistenführer Antoni Dawidtschenko vor ein paar Tagen festgenommen und nach Kiew überstellt wurde und seine Anhänger einen Sturm auf die Geheimdienstbüros versucht haben, sind die Spannungen gewachsen. Dazu kommen die täglichen Berichte aus der Krim, die die Machtlosigkeit des ukrainischen Staates demonstrieren. Sowie Anleitungen in den Medien, welche Notvorräte man für den Fall eines Krieges anlegen sollte.

(c) Die Presse

 

„Habt keine Angst!“

„Russland kriegt große Probleme mit China“, beschwört deshalb beim allabendlichen Protest der europafreundlichen Pro-Ukrainer unter der Statue des Stadtarchitekten Duc de Richelieu ein Redner die rund 200 Zuhörer. Ein tragbarer Generator liefert den Strom fürs Mikrofon; neben einem alten weißen Lada sammelt eine Frau Spendengelder für die ukrainische Armee. Kaum hat die Rede über Russlands Probleme in Sibirien begonnen, schwärmen vier Zehnergruppen junger Männer in Tarnanzügen aus und bewachen sämtliche Zufahrtswege.

„Habt keine Angst!“, macht später ein Sowjetveteran der Menge Mut. Wenn es damals gelungen sei, die Faschisten zu besiegen, so habe die Ukraine auch gegen Russland eine Chance. Bis zu 15.000 Proeuropäer seien es jeweils am Wochenende, erzählt ein Angehöriger der Selbstverteidigungsgruppen vor dem geschossenen Restaurant Boulevard, die Prorussen könnten dagegen mit maximal 5000 Demonstranten an arbeitsfreien Tagen rechnen, sagt der Mann.

„Krieg gibt es hier keinen“, meint Gennadi, der lange Jahre bei der Sowjetarmee gedient hat und nun seine Pension mit Taxifahrten durch die Stadt aufbessert. Gennadi hat sich ein paar englische Floskeln eingeprägt, doch ernste Gespräche führt er auf Russisch. Die Ukraine habe ja gar keine Armee, sagt der Rentner, und ohne Armee gebe es auch keinen Krieg. „Für die paar Panzer, die sie haben, fehlt ihnen das Benzin“, höhnt er auf der Fahrt zum Bahnhof. Und überhaupt sei Odessa schon immer eine russische Stadt gewesen. „Stalin machte sie ukrainisch, genauso wie Chruschtschow die Krim später den Ukrainern schenkte“, sagt Gennadi. So wie sich die Krim für den Anschluss an Russland entschieden habe, könnte es nun eben auch Odessa tun, meint er.

 

Prorussische Maidan-Kopie

Odessas Russland-Freunde haben sich in ausreichender Entfernung den Stadtpark Kulikowo-Feld beim Bahnhof für ihre Proteste auserkoren. Auch sie treffen sich täglich um 18 Uhr. Doch die als Hauptorganisatorin auftretende Narodnaja Druschyna (deutsch: Volksverein) hat dort vor Monatsfrist die beinahe exakte Kopie des Kiewer Maidan im Kleinformat hingestellt. Auch in Odessa gibt es ein Zeltlager zu Füßen eines Gewerkschaftshauses, es gibt martialische Selbstverteidigungsgruppen und eine Bühne. Daneben steht die Hauptattraktion: Auf einem Großbildfernseher wird der gerade aus dem ukrainischen Kabelnetz verbannte russische Propagandasender Rossija 24 per Satellit gezeigt.

Sergej Marchel will im Gespräch mit der „Presse“ nichts von Separatismus wissen. „Wir sind auch keine Kollaborateure des Okkupanten“, wettert der Mittfünfziger in der roten Windjacke im streng bewachten Stabszelt. Wenn bei einer Demo ein paar Leute „Russland! Russland!“ schreien, so sei das eben Meinungsfreiheit, doch das Ziel sei nur, mehr Kompetenzen für die ganze Südostukraine zu erhalten, säuselt Marchel.

Die Vermutung, sein Zeltlager werde von Russland finanziell unterstützt, weist er von sich: „Wir sind zwar russischsprachig, aber nicht prorussisch“, sagt er. Marchel sieht natürlich mehr Demonstranten auf seiner Seite als bei den Proeuropäern. „Am vergangenen Sonntag waren wir 25.000, aber die ukrainische Presse zählte nur 5000“, klagt er.

Immerhin haben für Samstag beide Protestgruppen zu einer Stadtparksäuberungsaktion aufgerufen. „Wir wollen zeigen, dass wir keine Faschisten sind“, erzählt Julia Balatskaja, eine proeuropäische Demokratieaktivistin auf einer Fahrt zum Versammlungsort beim Bahnhof. Kleine Schritte sollen die Bewohner von Odessa wieder zusammenbringen, sagt die junge Geschäftsfrau. Auch Julia Balatskaja will Stabilität, doch nicht nach Putins Diktat. Sie hat sich deshalb dem Automaidan angeschlossen, einer motorisierten Gruppe von Proeuropäern.

 

„Gebt mir eine andere Arbeit!“

Der Automaidan fährt hupend durch die Stadt und propagiert einen Boykott der Lukoil-Tankstellen. Ein gutes Dutzend Autos mit ukrainischen Flaggen fährt bei den russischen Verteilerstationen vor, Aktivisten springen aus den Autos und kleben die Tanksäulen voll. „Kauf nicht beim Okkupanten!“ steht auf den Klebern mit russischer Flagge, Kalaschnikow und Putin mit Hitler-Bart. „Dummköpfe! Hier droht Krieg und ihr klebt meine Tankstelle voll!“, schimpft ein junger Angestellter. „Dann gebt mir doch eine andere Arbeit!“, ruft er in Richtung eines beflaggten teuren Mittelklassewagen.

Aleksandr Ostanenko sagt, er könne viele Forderungen des pro-russischen Zeltlagers auf dem Kulikowo-Feld selbst unterschreiben. Das Problem sei aber, dass diese „großteils einfach sowjetnostalgischen Demonstranten“ in einer Kriegssituation Putin unterstützten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2014)

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