Reportage: "Selbstverteidiger" gegen Oligarchen

Aktionen der Separatisten richten sich immer öfter gegen einflussreiche Unternehmer der Ostukraine.

(c) APA/EPA/ROMAN PILIPEY (ROMAN PILIPEY)

Solange in Jenakiewo brauner Rauch aus dem Schlot des metallurgischen Kombinats steigt, ist die Welt noch in Ordnung. Im Eingangsbereich der Fabrik schwingen Pappeln im Wind, das Werkstor öffnet und schließt sich, Arbeiter in grauen Overalls und mit weißen Helmen auf dem Kopf gehen ein und aus. „Ruhig und friedlich“ sei es hier, sagt der Sprecher Dmitrij Muraschko, ein Mann im grauen Anzug, der in einer Limousine den Metallurgen-Prospekt herangefahren kommt.

Am Sonntag war es weniger ruhig und friedlich in Jenakiewo. 500 Demonstranten drangen in das Fabriksgelände ein. Eine Kundgebung für die Opfer von Odessa, gegen die Regierung in Kiew und die Armee, die sie in die Ostukraine geschickt hat. Jenakiewo, 50 Kilometer von Donezk entfernt, liegt mitten in dem Gebiet, in dem sich die ukrainische Armee und bewaffnete Aktivisten der „Donezker Volksrepublik“ Gefechte liefern. Doch dann war plötzlich von Arbeitsniederlegung die Rede, von Selbstverteidigung und dem Referendum. Dem Direktor des Betriebs gelang es, die Demonstranten nach Hause zu schicken. „In der Freizeit steht es den Arbeitern frei, Meetings zu besuchen. Versammlungen in der Fabrik sind nicht gestattet“, sagt Muraschko. Das Werk, das 7000 Arbeiter beschäftigt, läuft Tag und Nacht. „Wir sind ein Garant für die Stabilität der Stadt.“

Um Stabilität geht es auch Rinat Achmetow: Ihm gehört das Kombinat, eines der vielen Unternehmen in seinem Mischkonzern System Capital Management. Achmetow ist der reichste Ukrainer, mit einem geschätzten Vermögen von mehr als acht Milliarden Euro. Er besitzt Schächte, Elektrizitätswerke, Stahlwerke, eine Bank, Medien und den Fußballklub Schachtjor Donezk. Er hat Viktor Janukowitsch, der aus Jenakiewo stammt, zum Präsidenten gemacht. Achmetow gilt als der wahre Herr des Donbass. Janukowitsch ist geflohen, Achmetow ist noch immer da. Der Unternehmer hat sich von seinem früheren politischen Ziehsohn rechtzeitig losgesagt. Offiziell unterstützt er den Neubeginn in Kiew, doch hat er auch gute Kontakte in den Kreml. „Achmetow tritt für die territoriale Einheit der Ukraine ein“, sagt Muraschko. Die Leute gestern auf dem Fabriksgelände, die wollten etwas anderes.

Einen Tag später fehlt von den Aufwieglern jede Spur. Doch die Aktion zeigt, dass die Oligarchen, lange Jahre uneingeschränkte Herren des Donbass, nicht mehr unantastbar sind. Sie gelten den Separatisten als Vertreter der alten Ordnung. Umso mehr, wenn sie für die Einheit des Landes auftreten.

Auch auf den Straßen Jenakiewos überwiegen die Anhänger der Abspaltung. „Wir haben bisher Kiew ernährt, jetzt werden wir uns selbst versorgen“, sagt ein Mann im schwarzen Trainingsanzug. „In Achmetows Schächten wird man entlassen, wenn man Versammlungen besucht“, sagt ein Schachtarbeiter, der eine Arbeiterwehr im Kombinat organisieren will. In Zeiten wie diesen müsse man zur Selbstverteidigung greifen, Jenakiewo vor der Armee schützen, die jeden Moment einfallen könne. Auf eine Arbeiterin, die die Ukraine verteidigt, gehen sofort Kolleginnen los: „Dann hau doch ab!“

 

Sicherheit der Mitarbeiter in Gefahr

Auch die Unternehmen anderer Großindustrieller sind zum Ziel von Protesten geworden. Die Privatbank von Igor Kolomojski hat seit Montag ihre Filialen in den Gebieten Lugansk und Donezk geschlossen. Aus Sicherheitsgründen: Mitarbeiter seien eingeschüchtert und überfallen worden. Kolomojski wurde von der neuen Kiewer Regierung zum Gouverneur von Dnjepropetrowsk bestellt. In Donezk munkelt man, dass er mit seinem Geld die Kämpfer des hier so gefürchteten Rechten Sektors unterstütze. Auch Sergej Taruta, neuer Gouverneur der Region und Chef des Konzerns Industrieunion Donbass, ist den Besetzern ein Dorn im Auge. Seinen Amtssitz haben sie kurzerhand eingenommen. Die Lokalherren sollten im Namen Kiews für Ordnung im Osten sorgen. Doch im Donbass scheint diese Strategie der Befriedung nicht mehr zu wirken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2014)

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