„Sehnsucht nach einer Großmacht Russland“

Der Soziologe Lew Gudkow, Chef des Meinungsforschungsinstituts Levada, über die patriotische Aufwallung der Russen in der Ukraine-Krise.

Presse: Was hat Sie als Meinungsforscher denn zuletzt am meisten erstaunt?

Lew Gudkow: Am interessantesten ist der riesige Anstieg in der Zustimmung für Wladimir Putin und Premier Dmitrij Medwedjew. Eigentlich konträr zur Entwicklung der vergangenen zwei Jahre. Nach einem von Patriotismus und Nationalismus gestützten Hoch während des Georgien-Kriegs 2008 sank die Zustimmung kontinuierlich. Erst die Ereignisse auf dem Kiewer Maidan führten zum plötzlichen Anstieg.

Worauf führen Sie das zurück?

Zweifellos hängt dies mit der Ukraine zusammen. Dahinter steht aber ganz sicher auch die beispiellose und noch nie da gewesene Propaganda in den Staatsmedien. So etwas gab es auch während der Sowjetunion nicht.

Warum nicht?

Damals war der Einfluss des Fernsehens viel geringer. Jetzt gibt es auf fast allen Kanälen rund um die Uhr Nachrichten. Das Internet als alternative Stimme der Gesellschaft hat fast nur in den Großstädten Bedeutung. Der Großteil der Bevölkerung lebt aber auf dem Land. Dadurch kann die Propaganda einen derart starken Effekt entfalten.

Was ist der Grund für diese Propagandawalze?

Für Putin war der Maidan eine Bedrohung. Zudem hätte eine mögliche Integration der Ukraine in Europa die gesamte Ideologie, auf die sich das Regime beruft, untergraben. Dazu gehört, dass Russland eine dominante Rolle in der Welt oder zumindest im postsowjetischen Raum spielt. Für den Kreml stellte sich also die Aufgabe, die Demokratiebewegung in der Ukraine zu diskreditieren. Das machen die russischen Medien. Die Anhänger des Maidan werden als Faschisten und Nationalisten bezeichnet.

Ist diese Reaktion speziell russisch? Könnte eine solche Propaganda auch in anderen Ländern zu ähnlichen Resultaten führen?

In Russland handelt es sich um eine Wiederauferstehung von Mythen, die bis in die Sowjetunion und ins Zarenreich zurückreichen. Wir Soziologen haben die Frustration in der Gesellschaft, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zusammenhängt, die Bewahrung der Sowjetmythen unterschätzt. Dazu zählt die Sehnsucht nach einer Großmacht Russland.

Was hat sich geändert? Vor zwei Jahren gab es in Moskau ja das Gefühl von Aufbruch.

Die Unzufriedenheit mit der Regierung in der Gesellschaft ist geblieben und wird auch anhalten. Diese Einstellung ist jedoch durch die Auswirkungen der Propaganda zugedeckt worden. Das hat zu einem geradezu unheimlichen Anstieg des Patriotismus geführt. Die Folgen der Propaganda – und ich würde fast sagen, das ist eine Art Bruch Russlands mit dem Weg der Modernisierung – könnten noch eine ganze Generation anhalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2014)

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