Afghanistan: Die Rückkehr der Taliban-Tyrannei

Die Islamisten beherrschen wieder weite Teile des Landes und führen sogar gegen Kinder Krieg.

(c) EPA (S. Sabawoon)

Atifa Bibi Husainai sieht zum Weinen aus. Ihre linke Gesichtshälfte ist verschrumpelt und von tiefen Narben durchzogen. Das Auge ist geschwollen, Teile des Lids fehlen, das macht den Augapfel übernatürlich groß. Deutlich sieht man die Furchen, die sich in das Weiße und die Pupille hineinfressen. Atifa Bibi ist 14 Jahre alt, aber ihre Zukunft hat sie hinter sich.

Es war Säure, die das kleine Mädchen derart verunstaltet hat. Geschüttet auf sie und fünf ihrer Freundinnen, als sie in Kandahar auf dem Weg in die Schule waren. Das störte einige fanatische Islamisten. Eines Morgens im November 2008 warteten sie mit dem Säurebehälter auf die Mädchen.

Atifa Bibi ist kein Einzelfall. Die Taliban, Radikale, die sich als Vertreter der wahren islamischen Lehre sehen, gewinnen in Afghanistan langsam wieder Oberwasser und fühlen sich stark genug, gegen jene vorzugehen, die sich nicht an die Scharia halten. Etwa kleine Mädchen, die nach islamischem Recht keine Schulen besuchen dürfen.

 

Gesprengte Schulen

„Dutzende Schülerinnen kommen nicht mehr, weil sie um ihre Sicherheit fürchten und auf der Straße von Buben bedroht werden“, erzählte ein Lehrer aus Kandahar der Nachrichtenagentur Reuters. Asif Nang, ein Sprecher des Unterrichtsministeriums, hat die Zahlen: „172 Schüler und Lehrer sind in den vergangenen acht Monaten bei Angriffen verletzt, 138 getötet worden.“ In 651 Schulen im ganzen Land ist die Angst so groß, dass Unterricht nur noch sporadisch stattfindet. In 122 weiteren Schulen findet überhaupt keiner mehr statt, weil die Taliban die Gebäude sprengten.

Acht Jahre nach dem erfolgreichen Krieg der USA gegen die Gotteskämpfer als Vergeltung für die Anschläge vom 11. September 2001 verliert die „International Security Assistance Force“ immer größere Teile Afghanistans an die Taliban und gerät immer öfter in deren Visier, wie mehrere Anschläge am Wochenende zeigten. Das „International Council on Security and Development“ spricht in einer aktuellen Studie von einer „Renaissance“ der Taliban. Die Gruppe sei schon wieder in 72 Prozent des Landes vertreten, vor allem im Süden und Osten kontrolliere sie Ortschaften und ganze Städte.

Die Taliban breiten sich auch ins benachbarte Pakistan aus, wo sie etwa das Swat-Tal im Nordwesten übernommen haben. Das einst als „Schweiz des Ostens“ bezeichnete Tal, das eine beliebte Touristenattraktion war, sei binnen eines Jahres zu einem „Tal des Terrors“ geworden, berichten US-Medien. In den vergangenen Monaten hätten die Taliban 180 Schulen zerstört; Dutzende Lehrer und Politiker wurden ermordet und ihre Leichen auf den Hauptplätzen der Ortschaften als Mahnung ausgelegt.

 

30.000 neue US-Soldaten

In Afghanistan sind es nicht nur die Taliban, die für Instabilität sorgen. Ihnen zur Seite stehen mächtige Drogenbarone, die von der Instabilität profitieren. Unter den Augen der Nato-Truppen ist das Land zum größten Opium-Produzenten der Welt geworden. Die Vereinten Nationen schrieben in einem Bericht im November, dass die Drogen „die Kriegsmaschinerie der Taliban finanzieren“. Nicht zu knapp: 100 Millionen Dollar sollen die Islamisten allein vergangenes Jahr an Schutzgeldzahlungen und durch eigene Drogenproduktion eingenommen haben.

Die 41 Nationen (darunter alle 26 Nato-Mitglieder), die etwas mehr als 50.000 Soldaten in einem Land acht Mal so groß wie Österreich stationiert haben, stehen der Ausbreitung weitgehend hilflos gegenüber. Mit welcher Verzweiflung man kämpft zeigt der umstrittene Befehl von Nato-Oberbefehlshaber John Craddock, der Drogenhändler auch ohne Beweise für Terror-Verwicklungen töten lassen will.

Wie im Wahlkampf angekündigt, macht der neue US-Präsident Barack Obama Afghanistan zur neuen Hauptaufgabe seiner Regierung. Bis zu 30.000 zusätzliche Soldaten will das Pentagon aus dem Irak in das Land umschichten. Dann soll die Gewaltherrschaft der Taliban und der Scharia endgültig beendet werden.

Für Atifa Bibi kommt das zu spät. Die 14-jährige bleibt fürs Leben gezeichnet. Nur sehen tut es derzeit niemand: Wegen der Taliban muss sie eine Burka tragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2009)

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