Wulff: „Das Christentum gehört zur Türkei“

Der deutsche Präsident Wulff forderte in Ankara mehr Religionsfreiheit und bessere Integration türkischer Einwanderer in Deutschland. Seehofers Thesen mangelnder Integrationsfähigkeit der Türken kritisierte er.

(c) AP (Burhan Ozbilici)

Istanbul. Die Reise eines deutschen Politikers in die Türkei ist nicht leicht: Da gibt es auf türkischer Seite das Gefühl, bei den Verhandlungen um die EU-Mitgliedschaft anders als die anderen behandelt zu werden. Im Falle von Deutschland lässt sich das an Angela Merkels immer wieder vorgebrachter Idee von der „privilegierten Partnerschaft“ festmachen. Dazu kommen neuerdings all die Irrungen der deutschen „Integrationsdebatte“, inklusive der gedruckten Ausführungen eines Thilo Sarrazin über die niedrigere Intelligenz türkischer Einwanderer.

Der neue deutsche Bundespräsident Christian Wulff hat es aber leichter. In der Türkei ist sehr wohl aufgefallen, dass er als niedersächsischer Ministerpräsident mit Aygül Özkan erstmals in Deutschland eine Frau türkischer Herkunft zur Ministerin gekürt hat. Auch dass Wulff in einer Rede als Bundespräsident gesagt hat, der Islam sei ein Teil Deutschlands, kam gut an.

Zu Beginn seines Besuches setzte sich Wulff von der These des CSU-Chefs Horst Seehofer von der mangelnden Integrationsfähigkeit der Türken ab. In einem Interview in der türkischen Massenzeitung „Hürriyet“ wandte sich Wulff gegen „solche Arten von Pauschalurteilen“, ohne allerdings Seehofer beim Namen zu nennen.

Zugleich forderte Wulff, dass Kinder türkischer Herkunft in Deutschland früh Deutsch lernen. Hier widerspricht ihm auch Ankara nicht. Allerdings merkte der türkische Präsident Abdullah Gül an, dass man mit der Integration keine Politik betreiben solle.

 

„In die Gesellschaft einfügen“

In seiner Rede vor dem türkischen Parlament forderte Wulff eine bessere Integration der Migranten in Deutschland: „Als ihr aller Präsident fordere ich, dass jeder Zugewanderte sich mit gutem Willen aktiv in die Gesellschaft einfügt.“ Dazu würden die Achtung der Verfassung und der Werte wie Menschenwürde, freie Meinungsäußerung, Gleichberechtigung von Mann und Frau und der religiös neutrale Staat gehören.

Die wachsende Zahl von Moscheen in Deutschland sei ein Zeichen dafür, dass Muslime ihren Glauben in einem würdigen Rahmen praktizieren könnten, sagte Wulff. Dasselbe fordere er auch für Christen in islamischen Ländern. „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“ Es war die erste Rede eines deutschen Bundespräsidenten vor dem türkischen Parlament.

 

Mit Kopftuch über roten Teppich

Wulffs Besuch wurde in der Türkei aber auch im Zeichen einer anderen Debatte gesehen, die mit Deutschland nichts zu tun hat: Gestern trat die kopftuchtrangende Präsidentengattin Hayrünnisa Gül erstmals bei einem offiziellen Staatsakt in der Türkei auf. Wegen des Laizismus-Prinzips der türkischen Verfassung hatte Gül seine Frau bisher nie mitgenommen.

Doch seit in einem Referendum im September die kemalistische Justiz stark geschwächt wurde, wurde das Kopftuchverbot aufgeweicht. Hayrünnisa Gül, die man vor anderthalb Jahrzehnten wegen ihres Kopftuches nicht in die Istanbuler Universität ließ, schritt nun als First Lady mit Bettina Wulff an einer Ehrenformation vorbei über den roten Teppich.

Auf einen Blick

Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff ist derzeit auf Staatsbesuch in der Türkei. Zuletzt waren in Deutschland die Wogen der Migrationsdebatte hochgegangen. Deshalb wurde Wulffs Rede vor dem Parlament in Ankara mit besonderer Spannung erwartet. Der Präsident forderte eine bessere Integration der Migranten. Er wies auch darauf hin, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei und ein würdiger Rahmen zur Religionsausübung gegeben sein müsse. Das gelte auch für Christen in der Türkei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2010)

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