Gusenbauer: Der (zu) gelassene Genosse Bonvivant

Er ist klug, umgänglich, ein politischer Kopf seit seiner Jugend. Und dennoch ist er unbeliebt, vor allem in der eigenen Partei. Wie tickt Alfred Gusenbauer? Und was macht er falsch?

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Gewohnt aufgeregt titelte die bunte Zeitung „Österreich“ in ihrer noch bunteren Beilage: „iPhone-Affäre um Gusenbauer“. Man sieht den Kanzler mit dem Trend-Handy aus den USA. Der ungeheure Verdacht: Gusenbauer könnte das Mobiltelefon illegal freigeschaltet haben, da das Handy zu diesem Zeitpunkt in Österreich noch nicht erhältlich war.

Das ist freilich noch eine der harmloseren Vorhaltungen, die sich der Regierungschef so bieten lassen muss. Seit er SPÖ-Chef ist, erst recht seit er Kanzler ist, wird Gusenbauer kritisiert, verhöhnt, belächelt. Vom politischen Gegner, von den Medien, von den eigenen Funktionären. Das alles verhältnismäßig locker wegzustecken, ist eine der größten Stärken des Alfred Gusenbauer. Krisen sitzt er aus, laut wird er nie, auch intern nicht, Kritik prallt an ihm ab. Ein Buddha im Bundeskanzleramt.

Doch der dicke Panzer, den er sich zugelegt hat, hindert ihn auch daran, feine Strömungen wahrzunehmen. Noch nie war ein SPÖ-Vorsitzender in seiner Partei so unbeliebt. Die Gründe dafür sind nicht nur gebrochene Wahlversprechen oder die enttäuschende Pensionserhöhung. Gusenbauer regiert mit einem ausgewählten Kreis langjähriger Vertrauter aus Jungsozialisten-Tagen – Doris Bures, Josef Cap, Maria Berger, Werner Faymann, Josef Kalina, Erwin Buchinger. Die Genossen in den Ländern, in der Gewerkschaft, sie fühlen sich ausgeschlossen. Gusenbauers Vorbild Bruno Kreisky hatte noch das „Teile und herrsche“-Prinzip angewandt, bei der Minister-Auswahl etwa war von jedem Flügel etwas dabei.

Und dann wäre da noch Gusenbauers hedonistischer, von vielen als protzig empfundener Lebensstil: Gutes Essen, sehr guter Wein, Urlaube in Lech und Marbella (wobei er dort in einem Nebenort logiert). Gusenbauer teilt das Schicksal vieler Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen: Die Zurückgebliebenen in der „Arbeiterklasse“ reagieren mit Neid, die „Upper-class“ sieht in ihm den Parvenu. Gusenbauers Unglück ist zum Teil aber auch hausgemacht: Die Upgrading-Äffäre, der „Gesudere“-Sager, das darf einem Profi nicht passieren. Und sich 34-mal mit Blaulicht-Eskorte durch das Land chauffieren zu lassen, wie die „Vorarlberger Nachrichten“ berichten, zeugt auch nicht gerade von politischem Feingefühl.

Alfred Gusenbauer ist ein kluger, belesener Mann. Es gibt nichts, wo er sich nicht auskennt: Geschichte, Fußball, Literatur, Oper, überall ist er firm. Allerdings wird ihm auch das – was an Bruno Kreisky so faszinierte – negativ ausgelegt. Gusenbauer gilt als Besserwisser, der es nicht nötig habe, sich außerhalb seines engsten Zirkels etwas sagen zu lassen.

Der engste Zirkel, das sind Josef Kalina, Josef Cap, Kabinettschef Johannes Schnizer, Außenpolitik-Berater Bernhard Wrabetz, Pressesprecher Stefan Pöttler, Kanzleramtsministerin Doris Bures. Gusenbauer moderiert mehr als er regiert, im Ministerrat lässt er die Diskussionen laufen, gibt selten etwas vor, Streit hasst er.

Gusenbauer ist einer, der dem bürgerlichen Lager durchaus wohlwollend gegenüber steht. Er buhlt dort auch um Anerkennung. „Er ist immer sehr freundlich und zugänglich, bringt auch ein Geschenk mit, wenn einer von uns Geburtstag hat“, erzählt ein ÖVP-Mann aus dem Ministerrat. Das mag mit Gusenbauers Sozialisation im ländlichen Ybbs und in der katholischen Kirche zu tun haben, mit seiner Zeit als Jugendfunktionär und in der parteiübergreifenden Friedensbewegung. „Ich habe diesen Haufen zusammengehalten“, sagt er im Buch „Die Wege entstehen im Gehen“.


Gusenbauer und die Lords

Ebenso bezeichnend seine Erinnerung an seine Lehrjahre im Europarat: „Ich habe dort die skurrilsten Leute kennen gelernt, konservative englische Lords, die bei mir mit großer Begeisterung im Sozialausschuss mitgearbeitet haben. Da war etwa Baronesse Hooper, eine ältere Dame, sehr distinguiert, aber sozial engagiert, nicht das, was man intellektuell brillant nennen würde, aber sie hatte ein gutes Herz. Dank Leuten wir ihr habe ich begonnen, auch mit Konservativen Mehrheiten zu finden.“

In diesem Interview-Buch zählt er – typisch Gusenbauer – stolz auf, was er schon immer alles gekonnt und gewusst, wen er aller gekannt hat. Wie der kleine Bub, der der Mama aufschneiderisch von seinen Abenteuern erzählt. „Ich meinte zu Schlögl, ich mache den Bundesgeschäftsführer und er den Parteivorsitzenden, und irgendwie werde ich (!) es schon halbwegs hinbekommen“, so Gusenbauer über die Zeit des SPÖ-Interregnums Anfang 2000.

Gusenbauers Leichtlebigkeit trügt jedoch, er versteht sie als Belohnung. Grundsätzlich ist er sehr diszipliniert. Um sechs Uhr morgens joggt er durch Wien, danach folgt im Kanzleramt die Zeitungslektüre, erst die nationalen, dann die internationalen – „Neue Zürcher“, „Le Monde“, „Guardian“, „El Pais“. Sein Lieblingsblatt ist der „Economist“. Danach: Besprechung mit seinem Stab. Dann: Termine mit Beamten, Botschaftern, Unternehmern, mit SPÖ-Geschäftsführer Kalina. Gusenbauer absolviert auch unzählige Abendtermine – vom Journalisten-Geburtstag bis zur Theater-Premiere. Was ihm den zweifelhaften Titel „Seitenblicke-Kanzler“ einbrachte.

ZUR PERSON

Alfred Gusenbauer (48) war SJ-Chef, ab 1990 in der AK tätig. Mitglied des Europarats (1991 – 1999), ab 1993 Nationalrat. 1999 wird er Landesgeschäftsführer der SPÖ-NÖ, 2000 kurz SP-Bundesgeschäftsführer, dann SPÖ-Chef.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2008)

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