Eine kleine Schulrevolution

LichtblickeEs ist ein Keim der Veränderung mitten im Regelschulwesen: Eine Gruppe von jungen Lehrern setzt mit einer Mittelschule in Wien-Brigittenau ein neues Lernkonzept um.

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(c) Bernadette Bayrhammer

Benjamins schönster Moment der Woche war, als er die Mathematikaufgaben schneller fertig gemacht hat als erwartet. Szabolcs ist stolz auf seine Mitarbeit. Elmira hat dem Flüchtlingsbuben Daniel geholfen, der seit einigen Wochen in der Klasse sitzt. Azamat nimmt sich vor, nächste Woche nicht zu spät zu kommen. Abubakar hat gelernt, was ein Zahlenstrahl ist, und fühlt sich in der Klasse super. Es ist Freitagmittag, und wie jeden Freitag lümmeln die 22 Schüler der 1d an ihren Tischen, kauen an ihren Stiften, grübeln nach, während sie die elf Fragen beantworten die ihnen die Lehrerinnen Claudia Müllauer (31) und Olivia Markl (32) ausgeteilt haben. Was war mein schönster Moment in dieser Woche? Was ist mir gut gelungen? Was habe ich gelernt? Wem habe ich geholfen? Was werde ich nächste Woche anders machen? Wie fühle ich mich?

Auf manchen Zetteln steht zwar immer noch bei fast jeder Frage: Turnen. Mehr Turnen. Und wieder Turnen. Bei anderen Antworten hapert es grammatikalisch, das mit der Groß- und Kleinschreibung scheint ein gröberes Thema zu sein. Aber klar ist: Dreieinhalb Monate nach Schulstart haben sich die Schüler inzwischen daran gewöhnt, dass sie hier permanent dazu angehalten werden, sich selbst Gedanken zu machen – nicht nur an Freitagen, sondern laufend, während der Woche, in Einzelgesprächen: Wie es ihnen geht und warum. Was sie schon können, wo es noch hakt. Was sie sich vornehmen, und was ihnen beim Lernen helfen könnte.

Dass die Schüler selbstständig denken, selbstständig lernen – und letztlich auch handeln: Das ist seit diesem Herbst das oberste Ziel in der Wiener Mittelschule Leipziger Platz in der Brigittenau. Genauer gesagt: im dritten Stock der Gründerzeitschule. Dort, wo sich die vier ersten Klassen befinden. Fünf ehemalige Fellows der Initiative Teach for Austria, die Uni-Absolventen für zwei Jahre in herausfordernde Schulen schickt, haben sich überlegt, wie Schule besser gelingen kann. Gemeinsam mit sieben Lehrern, die schon zuvor hier unterrichtet haben, setzen sie das nun in den ersten Klassen am Leipziger Platz um. Der Titel des Projekts, das auch in den kommenden Jahrgängen verwirklicht werden soll: „Wir machen Schule.“

 

Weniger erklären, mehr erfragen

Ideen dafür haben sich Markl, Müllauer und ihre Mitstreiter in den vergangenen zwei Jahren unter anderem von einer ganzen Reihe anderer Schulen geholt: angefangen mit der Evangelischen Schule Berlin Zentrum bis zur Lernwerkstatt Brigittenau. „Wir erfinden das Rad nicht neu“, sagt Müllauer. Was hier passiert: Unter dem wohlwollenden Blick der Schulaufsicht reizen sie aus, was in einer Mittelschule möglich ist – ganz ohne Schulreform. Die Schüler lernen fächerübergreifend, sie arbeiten ein Viertel der Zeit selbstständig, Lesen ist ein Schwerpunkt. Jede Lehrerin – in der 1d neben Müllauer und Markl auch Julia Brosch (31) – hat ihre Bezugskinder, deren Entwicklung sie besonders im Blick hat. Und es wird dauernd gefragt: Damit die Schüler selbst draufkommen, was sie können, wollen, brauchen. „Weniger erklären, mehr erfragen“, steht im Lehrerzimmer auf einem Plakat aus dem Coaching zu potenzialfokussierter Pädagogik, das die Lehrer nebenbei besuchen.

Es ist nicht immer leicht – auch nicht für die Kinder, die aus der Volksschule an genauere Vorgaben gewöhnt waren und die am Anfang regelrecht Widerstand zeigten. Ihnen sei langweilig. Wann fange man jetzt endlich an zu lernen? Und warum müssten sie dauernd entscheiden, was passieren soll? Einer, der damit recht gut umgehen kann, ist Benjamin, mit zwölf Jahren einer der älteren in der 1d und ziemlich eloquent. „In der Volksschule haben sie uns einfach gesagt, was wir wie machen sollen“, sagt er. „Hier ist es besser. Es ist anstrengend, aber es macht mehr Spaß, wenn du selbst denken musst und nicht immer gesagt kriegst, was du machen musst.“ Und so sitzt er bei Mathematik, obwohl die anderen schon im hinteren Teil der Klasse Ball spielen. „Ich hatte gerade Lust.“

 

Mitten in der Regelschule statt privat

Eigentlich war ja nicht geplant, das am Leipziger Platz umzusetzen, erzählt Olivia Markl. Die studierte Politikwissenschaftlerin war es, die vor zwei Jahren die Idee zu einer eigenen Schule hatte. „Der Gedanke war: So viele tolle Lehrer können im bestehenden System nicht ihr Potenzial entfalten. Wenn wir das ändern, können wir für die Kinder so viel mehr erreichen.“ Sie habe monatelang den Stadtschulrat genervt, bis – über die Arbeiterkammer und Gemeinderätin Tanja Wehsely (SPÖ) – die Idee aufkam, es statt mit einer eigenen Schule doch hier zu probieren. Und Markl ist jetzt froh, dass es so gekommen ist. „Wenn ich die nächste Alternativschule mache, erreiche ich nicht die Kinder, die ich erreichen will. Ich will zeigen, dass es an einer städtischen Pflichtschule funktionieren kann.“

Tatsächlich ist „Wir machen Schule“ jetzt ein Keim der Veränderung mitten im Regelschulwesen, mehr noch: in einer Schule, die nicht gerade die einfachsten Voraussetzungen hat. Kein einziger Schüler in der 1d hat Deutsch als Muttersprache, kein einziger hat Eltern mit Uni-Abschluss. Dafür gibt es viele Mütter und Väter, die sehr viel arbeiten, um die Familie durchzubringen – was nicht automatisch bedeutet, dass sie keinen Wert auf die Bildung ihrer Kinder legen, aber: „Bei unseren Schülern ist die Selbstständigkeit so zentral, weil die Eltern nicht immer die Möglichkeit haben, ihnen die Wege zu eröffnen, die österreichische Kinder aus gebildeten Familien haben“, sagt Müllauer. „Sie sind noch viel mehr Schmiede ihres eigenen Glücks.“ Das ist mit der Grund, warum sich Bildungspolitikerin Tanja Wehsely so dafür einsetzte, das Projekt in ihren Bezirk zu holen: „Alles, was mir unterkommt, was unseren Kindern mehr Chancen gibt, ist mir sehr recht.“

 

Zeichen für Veränderung von außen

„Wenn der Stadtschulrat etwas hat, was er jemandem aufs Aug' drücken will, kommt er zu mir“, sagt Direktorin Johanna Kirchmayer halb in Scherz. „Weil er weiß: Ich mach' es.“ Kirchmayer ist eine resolute Brigittenauerin, seit 20 Jahren leitet sie die Schule. Sie weiß, dass es Veränderungen braucht im System. „Sonst hätten wir nicht die Probleme, die wir haben.“ Und vielleicht wird ihre Schule, vielleicht wird auch sie als Direktorin, mit diesem Projekt ja zum Vorbild für andere. Bis sie im Jahr 2017 in Pension geht, soll es sich eingespielt haben. Drei der vier Jahrgänge sollten dann nach dem neuen Konzept funktionieren, die meisten Pädagogen dann bereits Teil von „Wir machen Schule“ sein.

Sie werden etwas mehr Vorlaufzeit haben als die Lehrer des ersten Jahrgangs. Die erfuhren vor einem Dreivierteljahr, was geplant sei, und wurden von Kirchmayer vor die Wahl gestellt: Entweder mitmachen – oder sich etwas anderes suchen. „Für mich persönlich war klar, dass ich mitmache“, sagt Sophie Huber (24), die jetzt die 1c unterrichtet. Auch, wenn da die Befürchtung war, dass das viel zusätzliche Arbeit werde. Tatsächlich erfordere das Projekt viel mehr Kommunikation untereinander, sagt ihre Kollegin Sabine Weyermeyer-Maierhofer. Es mache natürlich einen Unterschied, ob man eine Aufgabe benotet oder detailliertes Feedback auf die Arbeitspläne gebe. Und es sei bisweilen anstrengend, die Schüler zur Eigenständigkeit zu bringen. Aber es sei der absolut richtige Weg. „Es war sowieso nie ganz schlüssig, warum wir ihnen Wissen vorkauen sollen, das sie gleich nach der Schularbeit wieder vergessen.“

Die Idee sei grundsätzlich sehr gut aufgenommen worden, sagt Claudia Müllauer. „Ich habe mir anfangs schon Gedanken gemacht, wie wir aufgenommen werden, weil wir ja ein Zeichen von Veränderung von außen sind.“ Die Begegnungen mit den Lehrern am Standort seien aber durchwegs positiv gewesen. Auch, dass sie – ursprünglich Politologin und Islamwissenschaftlerin, inzwischen nebenbei im Lehramtsstudium – nicht ernst genommen werden könnte, habe sich als unberechtigt herausgestellt. „Es ist nicht alles Sonnenschein“, sagt sie. „Es ist ein ständiges Ausverhandeln.“ Aber eine Schule sei kein einheitlicher Block: Es gebe Lehrer, die es nicht erwarten können, endlich Teil des Projekts zu sein. Und andere, die erst einmal abwarten.

 

Erfolge und Lob im Mitteilungsheft

Etwas später an diesem Freitag zählt Müllauer mit Abubakar (11) im Gang vor dem Klassenzimmer Zettel. Die Kinder haben darauf die Namen von Mitschülern geschrieben, die ihnen in der vergangenen Woche besonders positiv aufgefallen sind und warum. „Warum, glaubst du, steht da so oft dein Name?“, fragt Müllauer. „Weil ich vielen anderen geholfen habe“, sagt er, ein aufgeweckter kleiner Bursche, der in den vergangenen Tagen eine regelrechte Lerngruppe um sich geschart hat. „Lieber Abubakar! Weil du so hilfsbereit bist, haben viele Kinder dich nominiert“, steht denn auch auf dem grünen Zettel, den er wenig später ausgehändigt bekommt. Die Zettel, die es für besonders gute Mitarbeit gibt, für eine bestimmte Anzahl Plus, für den guten Umgang mit schwierigen Situationen, sind ein weiteres Element, mit dem die Schüler der 1d (positives) Feedback bekommen. Und eines, das über das Mitteilungsheft auch bis zu den Eltern gelangt. Die einzubinden, ist für die Lehrerinnen zentral. „Mit 50 Prozent funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut. Bei 50 Prozent muss man dran sein“, sagt Claudia Müllauer. Sie telefoniert immer wieder mit Müttern und Vätern. Sie schreibt viele SMS – bei Problemen, aber auch bei Erfolgen. Und sie trägt weit mehr ins Mitteilungsheft ein als Testtemine oder schlechtes Benehmen. „Benjamin hat heute sehr fleißig im Geschichteunterricht mitgearbeitet“, steht da etwa. Oder: „Sie haben einen sehr hilfsbereiten Sohn.“

Für Benjamins Mutter, Tanja Ilić, ist das ungewohnt – aber gut. „In der Volksschule ist nicht viel darüber gesprochen worden, wie es läuft und was man besser machen kann. Jetzt gibt es laufend Kontakt, wir setzen uns zusammen, über das Mitteilungsheft bekomme ich auch gute Nachrichten mit.“ Abubakars Vater, Islam Salatajev, selbst aus einer tschetschenischen Lehrerfamilie, ist dankbar, dass hier einiges anders läuft als anderswo. „Wir setzen uns zusammen, ich erfahre, was Abubakar kann und macht, und ich erzähle, was mir wichtig erscheint“, sagt er. „Und mein Sohn ist motiviert, er ist interessiert, er geht gern in die Schule. Das liegt daran, dass die Lehrerinnen einen guten Job machen.“

 

„Wir freuen uns, sie freuen sich“

„Es ist sicher eine idealistische Aufgabe, aber eine extrem lohnende Arbeit“, sagt Claudia Müllauer auf die Frage, warum sie sich das alles antut. Natürlich gebe es nach wie vor Sorgenkinder, auch Sorgenfächer, Deutsch ganz besonders. „Die Früchte dieser Arbeit erntet man nicht am Anfang. Aber allein in den ersten drei Monaten ist schon so viel passiert.“ Da ist Adrian, der am ersten Schultag zu spät und mit langem Gesicht in die Klasse schlurfte und einen ernüchternden Wunsch fürs Schuljahr äußerte: Nicht wieder sitzen bleiben. Jetzt hängt an der „Erfolgewand“ ein Zettel von ihm: „Ich freue mich, dass ich in dieser Schule bin.“ Ein anderer Bub hat mit Olivia Markl über Wochen hinweg Strategien erarbeitet, wie er seine Genervtheit überwinden kann. Und Emmanuel, der Deutsch nach schlechten Erfahrungen in der Volksschule gehasst hat, liebt das Fach zwar immer noch nicht – hat aber trotzdem gerade einen der besten Tests der ganzen Klasse abgeliefert.

„Eigentlich ist das ein Grund, um seine Eltern anzurufen“, sagt Müllauer und nimmt ihr Telefon zur Hand. „Die freuen sich, wir freuen uns, die Kinder freuen sich – alle freuen sich.“ Auch so kann Schule sein.

AUF EINEN BLICK

Wir machen Schule. Fünf ehemalige Fellows der Initiative Teach for Austria setzen gemeinsam mit der Wiener Mittelschule Leipziger Platz ein neues Lernkonzept um. Selbstständigkeit steht im Fokus, vernetztes Denken und sinnerfassendes Lesen sind weitere Schwerpunkte. Schule, Bezirk, Stadtschulrat, Arbeiterkammer und Elternvertreter begleiten das Projekt in einer Steuerungsgruppe. Die AK finanziert ein Coaching zu potenzialfokussierter Pädagogik, das alle zwölf Lehrerinnen und Lehrer der ersten Klassen nebenbei besuchen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2015)

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