Sonja Hammerschmid: Ausreißerin zwischen Rot und Schwarz

Die neue Bildungsministerin machte nie ein Hehl aus ihren politischen Ambitionen. Schulpolitisch ist die Ex-Rektorin geprägt von ihrer Herkunft – bei Uni-Themen steht sie der ÖVP näher.

 Quereinsteigerin Sonja Hammerschmid folgt Gabriele Heinisch-Hosek als Bildungsministerin nach. Sie stand zuletzt fünfeinhalb Jahre lang an der Spitze der Veterinärmedizinischen Universität.
 Quereinsteigerin Sonja Hammerschmid folgt Gabriele Heinisch-Hosek als Bildungsministerin nach. Sie stand zuletzt fünfeinhalb Jahre lang an der Spitze der Veterinärmedizinischen Universität.
Quereinsteigerin Sonja Hammerschmid folgt Gabriele Heinisch-Hosek als Bildungsministerin nach. Sie stand zuletzt fünfeinhalb Jahre lang an der Spitze der Veterinärmedizinischen Universität. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Noch bevor Sonja Hammerschmid ihren Job als Rektorenchefin antrat, machte es den Eindruck, als wäre sie schon wieder auf dem Sprung in eine andere Funktion. Ja, Politik interessiere sie, sagte sie in ihrem ersten Fernsehinterview. Ob daraus etwas werde, müsse man die Parteien fragen. „Mich reizt Neues, ich will gestalten“, sagte Hammerschmid und machte damit aus ihren politischen Ambitionen auch kein Hehl.

Jetzt hat die bisherige Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität Wien ihr Ziel tatsächlich erreicht und ist als Bildungsministerin in der Politik angelangt – nach nicht einmal einem halben Jahr an der Spitze der Uni-Chefs. Fast wäre ihr das schon früher gelungen, allerdings in den Reihen der ÖVP: Denn als Reinhold Mitterlehner im Sommer 2014 die Volkspartei übernahm, war die promovierte Biologin kurzzeitig als Forschungsstaatssekretärin im Gespräch.

Sonja Hammerschmid: Uni-Rektorin als Bildungsministerin

Diese Anekdote offenbart neben der Zielstrebigkeit gleich zwei weitere Charakteristika der Quereinsteigerin: Die 47-Jährige ist bestens vernetzt – Reinhold Mitterlehner beispielsweise kennt sie schon aus ihrer Zeit beim Austria-Wirtschaftsservice. Und ihre Positionen passen nicht wirklich in das klassische Parteienschema.

 

Für Zugangsbeschränkungen

Generell galt Hammerschmid immer als eher SPÖ-nahe. „Ideologisch bin ich ein Arbeiterkind. SPÖ, ÖVP, aber auch Neos haben Themen, die mich ansprechen“, formulierte sie es selbst in den „Oberösterreichischen Nachrichten“. So dürfte sie in schulpolitischen Themen auf SPÖ-Linie sein, auch geprägt von ihrer Kindheit in einer Arbeiterfamilie im oberösterreichischen Mühlviertel. Sie sei „eine statistische Ausreißerin“, weil ihre Laufbahn so anders verlief als jene ihrer Eltern, schrieb sie unlängst in der „Presse am Sonntag“.

Ihre Bildungskarriere in Volksschule und Hauptschule schildert sie so: „Wir lebten die Gesamtschule mit gleichen Bildungschancen, wenngleich damals niemand den Begriff verwendete oder an die damit verbundene politische Ideologisierung dachte.“ Es sei aber weniger der Schultyp gewesen, der ihr ihre Chancen eröffnet habe, als vielmehr ihre Lehrer.

Was die Hochschulpolitik angeht, decken sich die Positionen der Ex-Rektorin dagegen eher mit jenen der ÖVP. Sie ist für Zugangsbeschränkungen – obwohl sie einst selbst am Aufnahmetest an der Angewandten scheiterte. Und sie hat auch nichts gegen moderate Studiengebühren. An ihrer eigenen Hochschule hat sie – als das kurzzeitig gesetzlich möglich war – sogar autonom welche eingehoben. „Der freie Hochschulzugang kann [. . .] nicht wiedergutmachen, was vom Schulsystem verabsäumt wurde“, schrieb sie in der „Presse“.

Wenn die SPÖ riskiert, dass Hammerschmid als Bildungsministerin künftig die Hochschulthemen mit dem Wissenschaftsminister verhandelt, könnte sich eine Chance ergeben. Mit roten Zugeständnissen im Uni-Bereich könnten sich einige bildungspolitische Pattstellungen auflösen. Auch mit ihrer wirtschaftsfreundlichen Einstellung – Hammerschmid arbeitete früher an Förderprogrammen für Unternehmensgründungen – könnte sie ein Signal an die ÖVP sein.

Wie es um Rückhalt in der SPÖ steht, bleibt abzuwarten. Der ist für Quereinsteiger generell wichtig – und noch mehr in einem bekanntermaßen schwierigen Ressort wie dem der Bildung. Man denke an Hammerschmids Vor-Vorgängerin, Claudia Schmied (SPÖ), der genau dieser Rückhalt vor allem in den Konfrontationen mit der Gewerkschaft fehlte. Es wird spannend, wie Hammerschmid mit dem Gegenwind zurechtkommt. Zumindest hat die künftige Ministerin den Lehrern, die ihrer Vorgängerin, Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), stets fehlende Wertschätzung vorwarfen, vorab Rosen gestreut: Das sei „eine der anspruchvollsten Aufgaben, die es in unserer Gesellschaft gibt. Warum tun wir uns so schwer, ihnen den nötigen Respekt zu zollen?“

In einem männerdominierten Umfeld – wie es ja auch die Lehrergewerkschaft ist – kann sich Hammerschmid jedenfalls durchsetzen. 2010 wurde sie als zweite Frau in Österreich an die Spitze einer Universität gewählt – auch, wenn die Optik nicht ganz glücklich war, weil sie zuvor im Uni-Rat gesessen war. Im Dezember wählten sie ihre Rektorenkollegen zu ihrer ersten Präsidentin. In dieser Funktion trat sie zwar nicht so leise auf wie ihr Vorgänger, Heinrich Schmidinger, wirklich laut war aber auch sie nicht.

 

„Symbol für kreative Wege“

Als „Symbol für neue kreative Wege“, bezeichnete sie Neokanzler Christian Kern (SPÖ). Die wird es auch brauchen. Vor allem beim Budget. Mehr als eine halbe Milliarde Euro fehlt dem Bildungsministerium allein heuer. Konkrete Ideen für eine budgetäre Neuaufstellung stehen noch aus. Zweiter großer Brocken wird die Bildungsreform, die trotz medienwirksamer Präsentation vor einem halben Jahr noch längst nicht beschlossen ist. Hammerschmid wird einige Durchsetzungskraft brauchen, um die uneinigen Verhandler noch zu einigermaßen herzeigbaren Kompromissen zu bewegen.

Dass sich etwas ändern muss, ist ihr klar – wenn sie es zuletzt auch recht blumig formulierte. „Egal in welcher Schulstufe, das Augenmerk meiner Lehrer galt immer den individuellen Stärken. Niemand hielt sich unnötig mit meinen Defiziten auf. Was logisch klingt, ist leider in unserem Schulsystem nicht selbstverständlich, wo durch das verbissene Beheben von Schwächen Chancen verbaut werden und Talente verkommen.“

In einem internen E-Mail an die Uni-Angehörigen verabschiedet sich Hammerschmid übrigens mit „Wehmut“. Sie stelle ihr weiteres Tun in den Dienst der Republik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2016)

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