Der Fluchtweg der Nazis durch den Vatikan

Ranghohe Nazis konnten entlang der Rattenlinie der Nachkriegsjustiz entkommen. Etliche erhielten von den Amerikanern einen „Persilschein“ und wurden von der CIA als Spione gegen die Sowjets angeworben. Über die Recherche zum Fall Otto Wächter.

Der Vatikan als Fluchthelfer hoher Nazis.
Der Vatikan als Fluchthelfer hoher Nazis.
Der Vatikan als Fluchthelfer hoher Nazis. – (c) Getty Images (Marcel Germain)

Ich war ein kleiner Teil jener Welt, in der Wächter sich bewegte.“ Diese Worte überraschen mich. Gesagt hat sie mein Nachbar und Freund, David Cornwell, der als der Autor John le Carré bekannt ist. Ich habe ihn über die Welt der Spionage während des Kalten Krieges befragt, in der sich Otto Wächter, ein hoher österreichischer Nazi, im Sommer 1949 in Rom bewegte.

Wächter ist vor einigen Jahren in mein Leben getreten. Ich habe für mein Buch „Rückkehr nach Lemberg“ über die Geschichte meines Großvaters recherchiert sowie über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wächter, der 1923 der NSDAP beitrat, flüchtete 1934 wegen seiner Beteiligung an der Ermordung von Kanzler Dollfuß aus Wien. Nach dem Anschluss kam er nach Wien zurück und stieg in der Partei auf, zuerst wurde er Staatskommissar in der Hofburg, dann Gouverneur von Krakau, wo er den Befehl zur Errichtung des Krakauer Ghettos gab, und 1942 wurde er in Lemberg zum Gouverneur des Distrikts Galizien ernannt. An jenem Tag, als der Krieg endete, verschwand er von der Bildfläche, angeklagt wegen Massenmordes an Polen und an Juden, gesucht von den Amerikanern, den Polen und den Sowjets. Er tauchte erst wieder im Juli 1949 auf, tot, auf einem Seziertisch in einem Spital im Vatikan.

Es war ein Rätsel, wie Wächter es geschafft hatte, vier Jahre lang der Justiz zu entkommen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2019)

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