Heute vor... im Juli: Gaspanik in Berlin

In dicken Wolken quoll Gas aus der Erde, stürzte sich auf die Menschen, suchte sich Eingangspforten in ihre Körper.

Neue Freie Presse am 31. Juli 1929

Eine endlose Straße in Berlin-Wilmersdorf, zwischen den schnurgeraden Häuserfronten, die mit preußischer Strammheit nebeneinander stehen, eine Lücke, ein unverbautes Grundstück. Hier stand früher eine Reizgasfabrik. Auf dem Gelände, das staubig und trostlos ist, wie eben ein richtiger Bauplatz in einer Großstadt, sind Arbeiter mit Grabungen beschäftigt. Plötzlich klirrt ein Spaten gegen ein paar Glasflaschen, die mit Erde bedeckt sind. “Scherben bedeuten Glück!” lacht vielleicht ein Arbeiter zu seinem Kameraden hinüber. Aber schon verzerrt sich sein Gesicht, er taumelt, greift mit beiden Händen in die Luft, ihm wird übel. Panik auf dem Bauplatz. Die Arbeiter stieben nach allen Richtungen davon, husten krampfhaft, schützen mit vorgehaltenen Händen die schmerzenden Augen. In dicken Wolken quillt Gas aus der Erde, stürzt sich auf die Menschen, sucht sich Eingangspforten in ihre Körper, dringt ihnen in den Mund, Nase, Ohren, Augen, verqualmt ihnen den Atem, treibt mit ihren Tränendrüsen ein umbarmherziges Spiel. Und die Gaswolke wälzt sich auf die Straße hinaus, breitet sich aus, daß jener Alarmruf, der noch vor ein paar Wochen nichts anderes war als der Titel eines leidenschaftlich umstrittenen Theaterstückes, nun plötzlich grausige Wirklichkeit geworden zu sein scheint: “Giftgas über Berlin.”

Glücklicherweise aber behält das Theater diesmal vor dem Leben doch einen Vorsprung. Denn es handelt sich nicht um tödliches Giftgas, sondern nur um Tränengas. Immerhin gehört auch Tränengas nicht gerade zu den Annehmlichkeiten des Daseins. Nun stellt sich heraus, daß auf dem Grundstück hunderttausend Tränengasflaschen aus der Kriegszeit vergraben sind. Man hat dieses Reizgas damals zur Prüfung der Gasmasken verwendet. Fürchterlich, nicht zu fassender Gedanke, wenn in jenen Gasfläschchen nicht Tränengas, sondern jenes solide, seiner Wirkung sichere Giftgas eingekapselt gewesen wäre, das zu den mörderischesten Waffen des Weltkriegs gehörte und im Zukunftskrieg, vor dem die Menschheit hoffentlich durch ein barmherziges Schicksal verschont werden wird, eine noch viel ausgiebigere Rolle spielen würde.

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