Der Kampf des Fritz M. gegen Adolf Hitler

Der ehemalige Verleger und "Presse"-Chef Fritz Molden, bald 89, erzählt, wie er als Jugendlicher sein Leben riskiert und im Untergrund Widerstandszellen gegen die Nazis organisiert hat.

Kampf Fritz gegen Adolf
Kampf Fritz gegen Adolf
Fritz Molden – (c) Presse Fabry

Sie wollen mit mir über Mut reden?“, fragt Fritz Molden in seiner Bauernstube in Alpbach. „Mut ist immer mit Dummheit verbunden. Bei mir war das sicher der Fall.“ Schalkhaft und selbstironisch schimmert der Charme dieses fast 89-jährigen Mannes, der wie kaum ein anderer Österreicher den Nazis die Stirn geboten hat. An einem klaren Tiroler Frühlingstag erzählt er noch einmal die Geschichte seiner Jugend.

Fritz Molden war zehn, als Nationalsozialisten den Ständestaat-Kanzler Engelbert Dollfuß ermordeten. Das prägte sein Weltbild, mehr noch formte ihn seine Familie. Bruder Otto war beim Freikorps, Vater Ernst stellvertretender Chefredakteur der „Presse“, die Nazis hassten ihn für seine monatlichen Radiovorträge. Beide verhaftete die Gestapo schon am Tag des Anschlusses, am 13. März 1938, an Ottos 20. Geburtstag, den die Moldens gerade in ihrer Döblinger Wohnung in der Osterleitengasse feierten. Und die Mutter, die Dichterin Paula von Preradović, verprügelten die Nazis. Der kleine Fritz Molden, noch keine 14 Jahre alt, musste zusehen. Das Motiv für seinen Kampf gegen die NS-Diktatur brannte sich früh ein. „Es war die Ablehnung des Bösen“, sagt Molden, dem Pathos sonst fremd scheint.

Mit 14 verhaftet.
Am 7. Oktober 1938 ist der Gymnasiast dabei, als sich in Wien erstmals spontan öffentlicher Widerstand gegen die Nazis regt. Tausende Jugendliche folgen dem Aufruf ihrer Pfarren zur Rosenkranz-Andacht in St. Stephan. Und dann geht es mit Kardinal Innitzer, der Hitler sechs Monate zuvor noch seine unglückselige Aufwartung im Hotel Imperial gemacht hat, durch. Er hält eine angriffslustige Rede, eilt zum Tor und ruft: „Unser Führer heißt Jesus Christus“. Durch die Innenstadt hallt das streng verbotene Dollfuß-Lied.

HJ und SA reagieren am Abend darauf mit voller Härte. Fritz Molden hält sich mit ein paar Freunden wieder auf dem Stephansplatz auf. „Wir haben uns gedacht, es gibt jetzt jeden Tag so ein Theater“, erinnert er sich. In dieser Nacht muss sich Innitzer in der Dachkammer des Erzbischöflichen Palais vor dem Nazi-Mob verstecken. Und Molden landet mit 14 Jahren im Gestapo-Hauptquartier auf dem Morzin-Platz. Er sollte noch öfter verhaftet werden.

Im August 1941 will Molden mit einem Fischerboot von Holland nach England übersetzen, um sich der österreichischen Legion gegen Hitler anzuschließen. Das waghalsige Unternehmen scheitert. Irgendjemand verpfeift ihn. Nach seiner Rückkehr muss Molden ins Gefängnis. „Sie haben mich sieben Stunden lang auf den Zehen stehen lassen. Wenn ich mit den Fersen den Boden berührte, schlugen sie mich.“ Ärgeres habe er nicht erlebt. „Aber meine Mutter haben sie später arg gefoltert.“


Todeszelle. Acht Jahre Haft beantragt der Staatsanwalt. Um den 17-jährigen Burschen zu brechen, steckt ihn die Gestapo vor der Urteilsverkündung zu drei Häftlingen in die Todeszelle. Molden sieht heute noch den Bauern vor sich, der einen englischen Fallschirmspringer kurz beherbergt und mit Proviant versorgt hat. Eines Tages wird der Burgenländer aus Moldens Zelle abgeholt und hingerichtet. „Es war schrecklich.“

Nach ein paar Monaten im Jugendgefängnis Liesing, wo er auch Dunkelhaft ertragen muss, kommt Molden in ein Strafbataillon, das in den Pripjat-Sümpfen bei Kiew ukrainische Partisanen jagen soll. Überlebensrate: zehn Prozent. Fast jeden Tag versinkt ein Kamerad für immer. Molden kassiert einen Streifschuss, landet im Lazarett. Das ist sein Glück, er trifft auf einen anständigen Arzt, darf zur Erholung zurück in die Etappe. Dort beschließt Molden, sich Widerstandszellen in der Wehrmacht anzuschließen, knüpft erste Kontakte in Berlin, wird in einer Einheit mit Gleichgesinnten nach Italien bugsiert. Die Gruppe fliegt auf, Molden geht in den Untergrund. Italienische Partisanen exekutieren ihn beinahe, ein Pfarrer rettet ihn. In Bologna verurteilt ihn das Feldgericht 1012 in Abwesenheit zum Tode.

Über die Berge flüchtet der 18-Jährige in die Schweiz, eine lebensgefährliche Route. Doch keinen Augenblick denkt er daran, dort das Kriegsende abzuwarten. Der eidgenössische Nachrichtendienst versorgt ihn mit gefälschten Papieren. Denn der junge Gast verspricht militärische Informationen. Im Sommer 1944 nimmt Molden in Bern mit Allen Welsh Dulles Kontakt auf, dem späteren CIA-Chef und seinem künftigen Schwiegervater. Molden wird zum vielleicht wichtigsten Verbindungsmann zwischen den Alliierten und dem Widerstand O5, den er vernetzen soll. Zwischen September 1944 und Mai 1945 reist er unter falschem Namen in deutscher Uniform sieben Mal nach Wien und zwölf Mal nach Innsbruck. Einmal erkennt ihn ein Schulfreund auf der Kärntner Straße. Doch Molden entgegnet kühl, dass eine Verwechslung vorliege.


Ohne Gift. Er weiß, was ihn erwartet, wenn die Nazis ihn erwischen. Andere Widerstandskämpfer führen Gift mit sich, Molden nicht. Was er im Fall seiner Ergreifung gemacht hätte? „Ein Vaterunser beten.“ Die Nazis suchen ihn, inhaftieren seine Mutter und foltern sie. „Wo ist der Fritzi?“, fragen sie die Mutter, die sie zu Recht verdächtigen, mit dem Sohn in Kontakt zu stehen. Molden trifft sie bei seinen heimlichen Wien-Besuchen. Doch Preradović, die spätere Autorin der Bundeshymne, verrät ihren Buben nicht. Trotz der Misshandlungen. „Manche glauben, sie ist daran gestorben. Nach dem Krieg wurde sie operiert, sie lebte noch bis 1951, immer krank.“ Ob er je die Peinigerin seiner Mutter ausfindig machte? „Ich hatte andere Sorgen“, sagt Molden. Auf Rache hat er es nie abgesehen. Warum diese Versöhnlichkeit? Seine Erklärung ist unsentimental. „Wir haben gewonnen, da kann man leicht versöhnlich sein.“


Pralles Leben. Mut, bisweilen Übermut zeigt Fritz Molden auch nach 1945. Er führt ein pralles Leben, es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen: Zunächst holt ihn Karl Gruber, der erste Außenminister der Zweiten Republik, als Berater. Dann, 1946, ruft ihn sein Vater Ernst Molden als Redakteur in die „Presse“, in die er 1950 nach zweijährigem Intermezzo zurückkehrt, als Verlagsdirektor. Im selben Jahr stampft er die „Wochenpresse“ aus dem Boden, acht Jahre später den „Express“. Mit 34 ist Molden Wiens Zeitungskönig. Hans Dichand bietet ihm 50 Prozent der „Krone“ an, doch Molden ist seinem Partner beim „Express“, dem späteren SP-Justizminister Christian Broda, im Wort. Mit 40 wirft der ehemalige Widerständler sein Imperium hin und baut ein neues auf. Er verkauft seine Zeitungen und gründet einen Buchverlag, den er zum fünftgrößten im deutschsprachigen Raum hochjagt. 1982 dann der Absturz, der Konkurs. Doch Molden steht wieder auf.

Der Mut hat ihn nie verlassen. Bis heute nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)

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