Olympia-Skispringen: Ammann bleibt ein Goldkind

Der Schweizer Simon Ammann holt sich mit zwei großartigen Sprüngen souverän Gold. Gregor Schlierenzauer gewinnt Bronze hinter Adam Malysz. Morgenstern, Kofler und Loitzl enttäuschen.

Simon Ammann
Simon Ammann
(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)

Simon Ammann hat wieder einmal mit allen Katz und Maus gespielt. Den Grundstein zu seinem dritten Olympiasieg legte der 28-jährige Schweizer gestern nämlich nicht im ersten und zweiten Durchgang, in denen er jeweils Bestmarke sprang, sondern bereits im Probedurchgang. Dort landete er bei 108,5 Metern, setzte sich auf die Ski und griff dramatisch mit der linken Hand in den Schnee. Spektakulärer kann man der Jury nicht weismachen, dass der Anlauf verkürzt werden muss. Und das Schlitzohr bekam, was er wollte. Es wurde mit dem Anlauf um eine Luke runter gegangen. Und jeder im Feld weiß: Je kürzer der Anlauf, umso besser kann Ammann seine Stärken, seinen explosiven Absprung, ausspielen.

Ammann hat sich somit selbst das Drehbuch zu seinem Triumph geschrieben. Und natürlich setzte er im Wettkampf zwei lupenreine Telemark. Das Gerede im Vorfeld, er müsse weiter springen als die Österreicher, weil sein Aufsprung nicht so gut sei: Alles nur Psychotricks. Das gehört eben zum „Know how" der Skispringer dazu. Genauso wie seine wohl überlegte Terminplanung. Entgegen der ÖSV-Adler hatte er auf die Bewerbe in Willingen „dankend" verzichtet.

Und so schrieb die Plaudertasche im Springerzirkus wieder ein neues Kapitel seiner Erfolgsgeschichte. War er 2002 wegen seines Aussehens und der dicken Hornbrille als „Harry Potter" gefeiert worden, so ist Simon Ammann heute ein anerkannter Springer. Dass man just ihn bei der Akkreditierung noch mit einem Freiwilligen verwechselt hatte, nahm Ammann niemandem übel. Diese Form der Aufregung gehört zu Olympia dazu. Wie die positiven Erinnerungen an Salt Lake City, sie hatten ihn seitdem nicht mehr losgelassen. „Diese Emotionen, diese Euphorie - vor allem die Feier. Die war super. Jetzt gibt es wieder ein großes Fest."

In Whistler Mountain stand das Goldkind wieder im Olympia-Rampenlicht. Diesmal musste er sich um die Aufmerksamkeit der Medien nicht mehr sorgen. 2002 war kein Schweizer Journalist bei der Schanze gestanden, als er erstmals Gold gewonnen hat. Das hat sich schlagartig geändert. Nun wird er auf Schritt und Tritt begleitet. Ammann nimmt das vollkommen gelassen. „Ich finde es schön. So weiß meine Familie und meine Freundin immer, wie es mir geht. Und ich muss keine Postkarten mehr schreiben. . ."

Schlierenzauer und die Nerven

Im Lager der Österreicher war nach dem ersten Durchgang die Enttäuschung nicht zu verhehlen. Still waren alle davon gestapft, eine bittere Abfuhr drohte zum Auftakt. Während Kofler (19.), Loitzl (11.) und Morgenstern (8.) dem Druck nicht standhalten konnten und zurückfielen, behielt Schlierenzauer die Nerven. Bei seiner Olympia-Premiere gewann der 20-Jährige mit Sprüngen auf 101,5 und 106 Meter Bronze. Damit ging für ihn „ein Kindheitstraum in Erfüllung. Es war mein großes Ziel, bei Olympia auf dem Podest zu stehen."

Aber der Gold-Traum ist in Whistler noch nicht geplatzt. Auch wenn der große Favorit nun Ammann heißt. Drei Goldmedaillen bei Olympia gewannen vor ihm nur Jens Weißflog und Matti Nykänen, der aber hat sogar vier in der Tasche. Ammann springt wie seine Vorgänger in einer anderen Liga.

Goldrausch

Am kommenden Samstag (20.30 Uhr) wartet der Bewerb von der Großschanze. 2006 setzte sich in Turin Morgenstern um 0,1 Punkte gegen seinen Zimmerkollegen Andreas Kofler durch. „Neid", betonen beide, habe es nie gegeben. Mit dem Tourneesieg meldete sich der 25-jährige Stubaier in der Springer-Elite zurück. „Ich habe meine sieben Zwetschken beisammen", sagt Kofler, der sich im angemieteten Haus in Alta Vista das Zimmer nun mit Schlierenzauer teilt.

Wenn ihm der Rummel aber zu groß wird und er dringend Abwechslung braucht, bricht der Tiroler zu einem Waldlauf auf. Dass ihm da einer der ortsansässigen Bären über den Weg läuft, befürchtet er nicht. „Ich glaube nicht, dass ich ihm sonderlich schmecken würde. . ." ?

 

Endstand:

1. Simon Ammann (SUI) 276,5 Punkte (105,0 m/108,0 m)

2. Adam Malysz (POL) 269,5 (103,5/105,0)

3. Gregor Schlierenzauer (AUT) 268,0 (101,5/106,5)

4. Janne Ahonen (FIN) 263,0 (102,0/104,0)

5. Michael Uhrmann (GER) 262,5 (103,5/102,0)

6. Robert Kranjec (SLO) 259,5 (102,0/102,5)

7. Peter Prevc (SLO) 259,0 (100,0/104,5)

8. Thomas Morgenstern (AUT) 258,5 (102,0/101,5)

9. Anders Jacobsen (NOR) 257,0 ( 99,5/104,0)

10. Martin Schmitt (GER) 256,0 ( 99,5/103,5)

11. Wolfgang Loitzl (AUT) 255,0 (100,0/102,5)

12. Roman Koudelka (CZE) 252,0 (101,5/100,5)

. Tom Hilde (NOR) 252,0 (100,0/101,5)

14. Jakub Janda (CZE) 250,5 (101,0/ 99,5)

15. Daiki Ito (JPN) 249,5 (100,5/100,0)

Weiter (Auswahl):

17. Noriaki Kasai (JPN) 244,5 ( 99,0/100,5)

19. Andreas Kofler (AUT) 241,5 ( 98,0/ 98,5)

23. Björn Einar Romören (NOR) 235,0 ( 98,5/ 96,0)

("Die Presse", Printausgabe vom 14. Februar 2010)

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