Kind aus USA nach Wien „entführt“: Aufregung um zwangsweise Rückführung

Ein Neunjähriger wurde Donnerstagfrüh nach gerichtlicher Anordnung in seiner Wiener Wohnung von drei Polizisten gepackt und gegen seinen Willen zum Flughafen gebracht. Seine Mutter wirft dem Vater vor, das Kind aus den USA entführt zu haben.

Die Polizisten beim Abholen des Kindes
Die Polizisten beim Abholen des Kindes
Die Polizisten beim Abholen des Kindes

Für den neunjährigen Amerikaner A. (Name der Redaktion bekannt) gab es am frühen Donnerstagmorgen ein äußerst bitteres Erwachen. Auf gerichtliche Anordnung kamen drei Gerichtsvollzieher und vier Polizisten, um den Buben zum Flug in die USA abzuholen. Von dort war er durch seinen Vater gegen den Willen der Mutter nach Österreich gebracht worden, was nach internationalem Recht einer Kindesentführung gleichkommt. Auch wenn Österreich dazu verpflichtet ist, gerichtlich angeordnete Rückführungen umzusetzen, kritisiert Anwalt Marco Nademleinsky die Vorgangsweise der Behörden massiv: „Das war völlig klar rechtswidrig“, sagt Nademleinsky zur „Presse“.

Auf einem Foto von Donnerstagfrüh ist zu erkennen, wie drei Polizisten den Buben an Armen und Beinen packen und von einem Sofa heben, auf dem der Kleine offenbar gerade noch mit seiner Decke gesessen war. „Rechtlich kann nur der Gerichtsvollzieher Gewalt ausüben“, erläutert Nademleinsky. Die Kindesabnahme ist nämlich keine Polizeiangelegenheit, sondern Gerichtssache. Die Polizei hätte in so einem Fall nur für die allgemeine Sicherheit zu sorgen - also beispielsweise eine aufgebrachte Menschenmenge zurückzuhalten.

Der Anwalt bezweifelt allerdings auch, dass gegen A. überhaupt Gewalt hätte ausgeübt werden dürfen. Denn die Kindesrückführung muss mit dem Kindeswohl vereinbar sein. Der Bub spricht nur Englisch und geht in Wien in die Schule; ihm wurde offenbar nicht erklärt, worum es eigentlich ging. Nach gerichts- und behördeninternen Richtlinien sollte zur Zwangsvollstreckung ein psychologischer Sachverständiger beigezogen werden, was offenbar nicht geschehen ist. Idealerweise kommt der andere Elternteil und überzeugt das Kind davon, dass es mitkommen soll.

Vater fühlt sich von Mutter bedroht

Das hat die Mutter von A. unterlassen, möglicherweise deshalb, weil sie Schwierigkeiten hätte, in die USA zurückzukehren. Die Frau sei Thailänderin und halte sich ohne Aufenthaltserlaubnis in den USA auf, so Nademleinsky. Anlass für die Abreise des Vaters mit dem Kind war, dass der Mann sich von ihr in seinem Leben bedroht fühlte. Auf Anfrage der „Presse“ will die Anwaltskanzlei, die für die Mutter die Rückführentscheidung des Bezirksgerichts Innere Stadt erwirkt hat, „kein Statement“ abgeben.

Während das Kind auf den Flughafen gebracht wurde, setzte Nademleinsky alle Hebel in Bewegung, um die Rückführung abzubrechen. Laut Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ) darf die Rückführung nicht gegen den ernsthaften Willen des Kindes erfolgen. Der Rechtsanwalt hat sich deshalb nochmals an Gericht und an das Justizministerium gewandt, um den Abtransport in die USA im letzten Moment zu stoppen.

An der Verpflichtung, das Kind - schonend - in die USA zurückzubringen, scheint langfristig allerdings kein Zweifel zu bestehen. Nach bereits zwei Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs im Fall A. ist die rechtliche Situation aus österreichischer Sicht hinreichend geklärt. Bis Donnerstagabend gelang es A.s Vater nicht herauszufinden, wo sich sein Sohn aufhielt.

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