Rauch zum Schutz vor Bakterien und Geistern

Rund um Weihnachten finden die Raunächte statt. Bis heute räuchern am 24. Dezember daher viele Familien ihr Haus aus. Ursprünglich ein heidnischer, ein keltischer Brauch, findet er immer mehr Anhänger. Besuch in Dietach bei Heidi Enthofer, wo eine alte Tradition neu belebt wird.

(c) Stanislav Jenis

Die Geschichte beginnt vor fast 10.000 Jahren bei unseren Vorfahren. An den Lagerfeuern sollen sie gesessen sein, nach erfolgreicher Jagd – und danach instinktiv die richtigen Kräuter in die Glut geworfen haben. Lungenkraut, das beim Atmen hilft, oder Wacholder, der die Luft desinfiziert.

Mehrere Jahrtausende später sitzt Heidi Enthofer in ihrem Haus in Dietach, Oberösterreich, an ihrem großen Holztisch und erzählt die Lagerfeuergeschichte. Vor ihr stehen Schraubgläser, die sie mit beschrifteten Stickern beklebt hat: Lavendel, Schafgarbe, Rose, Baldrian.

Sie legt ein kleines Gitter mit ein bisschen getrocknetem Lavendel über ein kleines Gefäß, in dem ein Teelicht brennt. Schnell steigt etwas Rauch auf, aber es riecht auch leicht verbrannt. „Das ist die einfachste Methode“, sagt Enthofer. „Aber mit der arbeite ich nicht.“

Wenn Weihnachten naht, dann ist das für manche mit einer alten Tradition verbunden: dem Räuchern. Ursprünglich ein keltischer Brauch hat sich das Räuchern über Jahrhunderte hinweg erhalten. Zu Weihnachten zieht die Familie durch das Haus und räuchert die Zimmer. Der Familienälteste geht voraus und hält die Räucherpfanne, in der Weihrauch glüht. Zum Segen und Schutz der Familie.

Rauchnacht wird zur Raunacht

Denn der 24. Dezember ist eine Raunacht. Was vermutlich von Rauchnacht kommt. Entstanden sind diese Nächte, als vom Mond- auf den Sonnenkalender umgestellt wurde. Weil der Sonnenkalender mehr Tage als der Mondkalender hatte, gab es zwölf Raunächte. Sie begannen vor Weihnachten und endetet um den oder am 6. Jänner. Darüber gibt es keine Einigkeit. Auch über die Zahl wird gestritten. Fest steht: „Es war die Zeit zwischen der Zeit“, sagt Heidi Enthofer. Um sie gut zu überstehen, wurde geräuchert.

Das Räuchern, sagt Enthofer, sei so alt wie die Menschheit selbst. Geräuchert wurde und wird, um Keime zu töten, Gerüche zu verbessern, schlechte Energien zu vertreiben und zum Wohlbefinden. Das ganze Jahr über, auch bei Geburt und Tod. Mittlerweile wird dieses alte Wissen, wie so viele andere Traditionen, von Jungen und Älteren wiederentdeckt. 19- bis 20-Jährige, junge Mütter, ältere Frauen und ein paar Herren nehmen regelmäßig an Heidi Enthofers Holzküchentisch Platz, wenn sie in einem Workshop über den heilbringenden Rauch erzählt. Anders als viele es zu Weihnachten kennen, räuchert Enthofer nicht mit Weihrauch, sondern mit Fichtenharz.

Sand aus der Sandkiste

Zweiter Versuch: Vor uns steht ein Tongefäß, das die vierfache Mutter Enthofer mit Sand auffüllt. Den hat sie kurz davor aus der Sandkiste ihrer Kinder geholt. „Es gibt auch speziellen Räuchersand, aber den braucht es gar nicht.“ Dann nimmt sie ein Stück Räucherkohle, legt etwas Beifuß und Wacholder drauf und zündet es an. Dieses Mal riecht es schon weniger verbrannt. Mit dieser Methode, sagt sie, wird Räuchern eigentlich überall gezeigt. Doch auch so arbeite sie nicht.

Zum Räuchern und den Kräutern ist Enthofer durch ihre Kinder gekommen. Als Mutter habe sie bemerkt, wie wenig Bezug Kinder heutzutage zur Natur haben. Es folgte eine Ausbildung zur Natur- und Kräuterpädagogin für Kinder, mittlerweile unterrichtet sie Heilkräuterpädagogik am Wifi. Diese Ausbildungskurse, sagt Enthofer, seien österreichweit zum Teil über ein Jahr ausgebucht. Mit Wartelisten von bis zu 60 Personen. Auf ihrer Facebook-Seite „Altes Wissen“ folgen ihr 10.000 Menschen.

„Das Wissen um Heilkräuter ist total gefragt“, sagt sie. Hinter ihr hängen Kräuterbüschel, die sie zum Trocknen aufgehängt hat. Beifuß, Lavendel, Salbei, Berufskraut. Seit Jahren feiert sie die Jahreskreisfeste der Kelten, in deren Nähe später zum Teil die katholischen Feiertage gelegt wurden. Winter- und Sommersonnenwende, das Erste-Mai-Fest, also die Walpurgisnacht (in der Nacht auf den 1. Mai). An solchen Tagen ist ihr Haus immer voll.

Gefährliches Wissen

Trotzdem bietet sie so etwas nicht bei sich im Ort an. Um Gerede gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Das ist halt ein Wissen, für das Frauen 2000 Jahre lang verteufelt wurden“, sagt sie. „Es sind heidnische Bräuche.“ Dabei hat Enthofer einen eher bodenständigen Zugang. Von Hokuspokus will sie nichts wissen und neumodische Hexenkulte „brauch ich nicht“. Ihres ist das Heilen mit Kräutern. Salbei, der Gerüchte neutralisiert. Engelwurz, die Ängste vertreibt, Johanniskraut, das die Stimmung hebt. Und eben Wacholder, der desinfizierend wirkt. „In Krankenhäusern wurden im Ersten Weltkrieg mit Wacholderrauch die Zimmer desinfiziert, weil er keimtötend wirkt“, sagt sie.

Sie holt eine handgroße Muschel hervor. Im Esoterikgeschäft wird so etwas um 20 Euro verkauft. Sie kauft diese Dekomuscheln um drei Euro bei Amazon. Nun zeigt sie ihre Räuchermethode. Vor dem Räuchern müssen die Kräuter (sie mischt Beifuß, Johanniskraut, Engelwurz, Wacholder und Ringelblume) mit einem Mörser zerkleinert werden. Da sie keine Rauchkohle verwendet, mengt sie Fichtenharz bei. Die Mischung wird in die Muschel gegeben und angezündet. Sofort bildet sich Rauch.

Mit der Muschel lässt sie einen von Zimmer zu Zimmer gehen. Gut in die Ecken hinein. „Manchmal reagieren Partner aggressiv aufs Räuchern“, erzählt sie. Enthofer empfiehlt daher, gleich das Fenster zu öffnen. Sie stellt die Muschel auf den Tisch, ein wohliger Geruch macht sie breit. Aber anders als der Duft von Kräutern, den man sonst kennt. Rauchiger, harziger, aber nicht verbrannt, daran muss man sich erst gewöhnen. Während die Rauchschwaden aufsteigen, reden wir. Wie alte Feste ihre Spuren im Alltag hinterlassen haben, von Frau Holle als Synonym für Mutter Erde und von einem slowakischen Fruchtbarkeitsfest.

Stimmungsaufhellende Mischung

Zum Abschied gibt sie die eben verrauchte Kräutermischung mit. Der Kräuterrauch (eine stimmungsaufhellende Mischung) hat aufgeputscht. Der nasse Nebel, der seit Tagen über Österreich hängt, ist ein wenig vergessen. Vielleicht ist es den Menschen am Lagerfeuer ähnlich ergangen. Damals, vor 10.000 Jahren.

Workshops

1. Kurs: „Räuchern mit heimischen Kräutern – Räucherrituale und Raunachtsbräuche“, am 17. Dezember bei Heidi Enthofer, 4407 Dietach in Oberösterreich, www.jahreskreis.at

2. Kurs: Einführung in verschiedene Räuchertechniken, am 14. Dezember bei Claudia Fischer & Silvia Gabriel, Dauer: 9.30 bis 17.30 Uhr Feelgood-Akademie, Ried in der Riedmark in Oberösterreich, Anmeldungen im Sekretariat bei Maria Plotz 0650/981 113 9, www.energiewandlung.at

3. Kurs: „Räuchern, wie geht das?“Raunächte und Vollmond, Basisworkshop, 6. Jänner 2015, bei Peter Pavlik, 2620 Raglitz in Niederösterreich, www.engelrauch.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2014)

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