Riechstoff: Neues Stadtbild

Den Berliner Zeitgeist will ein Duft gleichen Namens einfangen: Sekt auf Eis statt Millésime-Champagner.

Zeitgeist von Schwarzlose
Zeitgeist von Schwarzlose
Zeitgeist von Schwarzlose

Der erste Vorstoß eines neuen Berliner Parfumanbieters im alten "Schwarzlose"-Gewand vor etwa einem Jahr war eine bemerkenswerte und schöne Geschichte, die auch in diesem Zusammenhang schon erzählt wurde (nämlich hier): Zwei Kreativunternehmer und eine Parfumeurin (die IFF-Nase Véronique Nyberg, mit der ich mich letztens über die Komposition "Invictus" für Paco Rabanne unterhielt - nachzulesen hier) machen gemeinsame Sache, revitalisieren eine "Sleeping Beauty" im Bereich der exklusiven Parfumerie und wollen Berlinerische Hipness und ein bisschen Twenties-Chic unter einen Hut bringen.

Bei den ersten Düften ist das auch wunderbar gelungen, "Treffpunkt 8 Uhr" zum Beispiel oder "1A-33" sind schöne, altmodische, nicht ganz alltägliche Düfte, die zu Recht in Nischenparfumerien beheimatet sind und aus der Menge der Allerweltdüfte angenehm herausstechen.

Mit dem soeben lancierten Nachzügler "Zeitgeist" haben sich die "Schwarzlose"-Macher nun aber offenbar umorientiert. Vielleicht hat man sich auch einfach nur ein etwas zu ambitioniertes Programm vorgenommen, denn das Parfum sollte sowohl "Sexiness" als auch "Veränderlichkeit" und "Avantgarde" darstellen.

Was dieser "Zeitgeist" auf jeden Fall nicht mehr will: nostalgisch sein. Und was er damit verspielt: die überraschende Andersartigkeit der bisherigen "Schwarzlose"-Düfte. Die "Sexiness" ist nämlich eher eine von Sekt-auf-Eis in irgendeiner Mitte-Loft schlürfenden Menschen abgespulte Sinnlichkeit als die betuliche Verruchtheit von Millésime-Champagner in Kristall-Schalen.

Aber vielleicht trifft genau diese weniger komplexe, weniger ungewöhnliche, weniger extravagante Komposition den Berliner Zeitgeist besser als die bisherigen "Schwarzlose"-Düfte, die eben eher in einem Alexander-Döblin-Berlin angesiedelt waren als in einem Helene-Hegemann-Berlin.

Vielleicht brauchte es ja diese Stadtbild-Adjustierung im Sinne der realitätsbezogenen Stimmigkeit. Mit dem Berlin der Roaring Twenties hat die Stadt an der Spree ja schließlich auch nicht mehr viel zu tun. Bleibt nur die Frage, wie Helene Hegemann und ihren Romanfiguren dieser Duft gefallen würde.

 

"Zeitgeist" von Schwarzlose Berlin, 50 ml um 125 Euro. Informationen über Bezugsquellen in Österreich auf www.schwarzloseberlin.com

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