Raumgeschichten: Der Charme des Dazwischen

Das Souterrain eines gründerzeitlichen Wohnhauses im vierten Wiener Gemeindebezirk ist neuer Fixpunkt des theatercombinats. Gespielt wird jedoch in Zwischenorten.

Claudia Bosse
Claudia Bosse
Claudia Bosse – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Manchmal findet man Räume, die man gar nicht sucht. Manchmal sucht man bestimmte Räume und findet dafür ganz andere. Manchmal entwickelt man zuerst die Konzepte für Räume, und dann wiederum findet man die Räume, die zu den Konzepten passen.“ Das erlebt die Regisseurin Claudia Bosse eigentlich laufend, denn die Arbeiten und Aufführungen ihres theatercombinats können nicht bloß dort stattfinden, wo es Bühnentechnik und institutionalisierten Aufführungsbetrieb gibt. Bosse ist dadurch stets auf der Suche nach Architekturen, denen sie Stücke und Inszenierungen einschreibt oder aus denen sich solche ergeben. Zuletzt war das in der Zollamtskantine in Wien, in dem großen, bald abbruchreifen Kasten nahe der Südosttangente, der Fall. Und bald im Tanzquartier im MQ, wo die international bekannte Theatermacherin das Stück „what about catastrophes?“ aufführt.

Das Experimentieren mit Räumen und die praktische Vorstellungskraft halfen auch weiter, als es galt, eine neue, fixe Homebase für das theatercombinat zu finden und zu adaptieren: Nach dem notwendig gewordenen Auszug aus den Räumlichkeiten im dritten Bezirk – in einem alten Uni-Anatomiegebäude – stießen Bosse und ihre Truppe auf ein nacktes, großes Souterrain eines Gründerzeithauses in der Mommsengasse. Im vierten Bezirk, nicht zu nahe beim Hauptbahnhof, um die Bauarbeiten zu spüren, und schon dort, wo sich ein wenig Grätzelatmosphäre entwickelt. „Wir haben ziemlich intensiv gesucht, sind viel herumgefahren, haben Makler kontaktiert, Objekte recherchiert und sind letztlich im Internet fündig geworden – in der Rubrik ,Diverses‘.“

Ausschlaggebend für die Wahl der halb unter Straßenniveau liegenden Räumlichkeiten, die man von der Gasse über eine Holzstiege betritt, war der großzügige Grundriss. „Die Räume haben Potenzial, weil sie gut aufgeteilt sind. Es gibt hier diese Trennung von zwei Sphären und trotzdem eine Verbindung“, beschreibt Bosse die Location, in deren einer Hälfte sie an Bildern für ihre Produktionen arbeitet: eine Ateliersituation, die sich füllt und sich kurz vor einer Aufführung wieder leert. In der anderen Hälfte ist alles Organisatorische untergebracht, Schreibtische, Archiv. „Das Büro schrumpft und bläht sich immer wieder auf – je nach Arbeitsphase.“

 

Saniert und improvisiert

Dazwischen bildet ein kleiner schmaler Gang die Verbindung, der in einen höhlenartigen Vorraum mit selbst gebauten Bänken führt, die schon einmal in einem Stück Einsatz fanden. Das hier ist ein Ort, an dem man kreativ arbeitet und sich auch trifft: „lesSouterrains“ werden auch für kleinere Veranstaltungen genutzt, für Vorträge, Labors, Diskussionen.

Die Räumlichkeiten waren ganz roh, als Bosse sie übernahm, „wir mussten grundrenovieren“. Den Putz runter, eine Heizung einbauen, neuen Boden verlegen. Jetzt ist der Eindruck lässig improvisiert, halb Verputz, halb freigelegtes Ziegelwerk. Sich auf einen Raum einzustellen ist Bosse vertraut, sie sucht überall nach Übergangsorten, die sich fürs Theater eignen. Zwischennutzung bringt zwar nie perfekte Bedingungen mit sich, aber spannende: „In der Zollamtskantine etwa gab es kein Wasser. Aber es gibt immer den Charme des Zwischenzustands.“

2009 nutzte das theatercombinat die Atmosphäre der Ankerbrotfabrik, ein Jahr lang arbeitete man in dem Räumen des früheren Amts für Eich- und Vermessungswesen am Hamerlingpark, bevor es nun zu einem Luxusobjekt mit Seniorenresidenz mutiert. „Die Agentur für Zwischennutzung hat uns immer wieder geholfen“, sagt Bosse. Nur einmal biss sie sich die Zähne aus: „Ich war damals sehr interessiert, für eine Shakespeare-Arbeit in die Sofiensäle im abgebrannten Zustand hineinzukommen. Das war aber komplett unmöglich.“

OBJEKT & PERSON

Im Souterrain (lesSouterrains) der Mommsengasse 23 in 1040 arbeitet Claudia Bosse mit dem theatercombinat. Die Regisseurin ist international mit Inszenierungen, Installationen, Interventionen im öffentlichen Raum präsent. Das nächste Stück findet ausnahmsweise nicht an einem Zwischennutzungsort statt, „what about catastrophes?“ hat am 10. 4. Uraufführung im Tanzquartier im MQ in Wien, weitere Aufführungen bis 13.4. www.theatercombinat.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2014)

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