Zwischennutzung: Jetzt oder nie

Zwischennutzung statt leerer Flächen: In Wien strotzen manche Quadratmeter nur so vor Ideen. Vorübergehend zumindest. Text: Porträts:

(c) Christine Pichler

In der Marxergasse 24 im dritten Wiener Gemeindebezirk steht eine Immobilie, der man ihre Entstehungszeit recht deutlich ansehen will (die 1970er-Jahre nämlich). Die Büros des Bundesrechenzentrums waren einmal hier. Jetzt bevölkern Start-ups, Vereine, Forschungsgruppen, Einzelunternehmer die Etagen des Bürogebäudes. Oder auch einmal Kinder das Babycafé oder die Grätzelbewohner das Erdgeschoß, das allen offen steht.

Ideenmix. Clemens Helm, User, und Margot Deerenberg, Initiatorin, vor dem Packhaus.
Ideenmix. Clemens Helm, User, und Margot Deerenberg, Initiatorin, vor dem Packhaus.
Ideenmix. Clemens Helm, User, und Margot Deerenberg, Initiatorin, vor dem Packhaus. – (c) Christine Pichler

Alternativen. „Leere Gebäude sind ungenutzte Ressourcen“, sagt Margot Deerenberg vom Verein Paradocks, der das Zwischennutzungsprojekt in dem Bürohaus, Packhaus genannt, initiiert hat und betreibt. Am Anfang des Projekts stand ein Open Call; inzwischen füllen fast 250 Menschen das Gebäude auf sechs Etagen mit Ideen, Engagement und Kreativität. Einer von ihnen ist Clemens Helm, einer der Gründer des Start-ups Chillbill, das antrat, die Buchhaltung zu vereinfachen – ein klassisches Beispiel für die Nutzer des Projekts. Es seien User, nicht Mieter, die das Packhaus und die Idee dahinter beleben würden, erklärt Deerenberg. Diese User nutzen mit dem Packhaus eine Immobilie, die dem Unternehmen Conwert gehört – Conwert wird die Immobilie früher oder später wieder selbst nutzen; bei großen Projekten ist allerdings eine längere Vorlaufzeit vor dem (Um-)Baubeginn die Regel. Durch die Zwischennutzung verfällt das Gebäude zwischenzeitlich nicht und macht den Standort in kreativer Hinsicht attraktiv; auch beim Packhaus ist die Gestaltung der Immobilie ungewöhnlich – ein Bewegungsraum, eine Fahrradwerkstatt, ein Fotostudio, guter Kaffee und gesundes Mittagessen gehören hier dazu, genauso wie Pop-up-Märkte und regelmäßige Ausstellungen. „Aber auch dieses Jetzt-oder-nie-Gefühl ist Teil des Ganzen“, sagt Deerenberg: „Ein Gefühl, das viel stärker ist, als es die Nostalgie je sein könnte, wenn das Projekt irgendwann seinem Ablaufdatum entgegensieht.“

Dort, wo die Stadt Wien bei lauter Stadtentwicklung ein paar Zwischenräume übrig gelassen hat, hat sich das Mobile Stadtlabor einen provisorischen Standort gesucht: an einem Punkt, an dem sich Autobahntrasse, strategische Stadtentwicklungsziele und offene Experimentierfelder überschneiden. Neu Marx heißt das Marketing-Toponym der Gegend am Rand des dritten Wiener Gemeindebezirks; für den Standort, der sich zur Südosttangente hinstreckt, wurde einmal ein neuer ORF-Standort konzipiert – daraus wurde bekanntlich nichts, dafür übergab die Wiener Standortentwicklung WSE-Studierenden der Technischen Universität einen Teil des leeren, weiten Areals.

Anpacken. Peter Fattinger und Studierende des Design.Build.Studio in Neu Marx.
Anpacken. Peter Fattinger und Studierende des Design.Build.Studio in Neu Marx.
Anpacken. Peter Fattinger und Studierende des Design.Build.Studio in Neu Marx. – (c) Christine Pichler

Freifläche. Openmarx heißt der modular aufgebaute temporäre Campus, den Studierende des Design.Build.Studio von Peter Fattinger an der Technischen Universität konzipiert, entworfen, verwirklicht und vergangene Woche eröffnet haben – in Kooperation mit dem Future.Lab der Fakultät für Architektur und Raumplanung. Das Mobile Stadtlabor, stets auf der Suche nach stadtentwicklerisch interessanten Standorten, stand davor am Karlsplatz, direkt an der Technischen Universität also. Nun geht es unweit des Media Quarter Marx vor Anker. Allerdings sollen bei dem Studierendenprojekt in St. Marx nicht nur stadtentwicklerische Linien aufeinandertreffen, sondern auch akademische Theorie und Praxis. Der Kern des Campus soll zum Ort der Begegnung und des Know-how-Transfers werden, aber auch des Feierns und Lernens. Dafür vorgesehen sind eine Werkstatt, eine Gemeinschaftsküche, Seminarräume sowie Freizeitmodule, die den öffentlichen Raum dazwischen aktiv nutzbar machen sollen. Anrainer – dazu gehören auch die Bewohner eines Flüchtlingsheims – und Experten sollen sich hier austauschen, nicht nur über die theoretischen Fragen des Raumes.

Lange Zeit, für 140 Jahre, hatte die österreichische Post ihre Zentrale in der Wiener Innenstadt. Jetzt ist das Gebäude nur mehr die Alte Post. Und auch das nicht für immer: Der Eigentümer Wertinvest tüftelt mit Architekten daran, wie der riesigen Immobilie bald neue Nutzungen – und vor allem auch Renditen – abgewonnen werden können: Eine Lokalitätenmischung aus Hotel, Wohnungen und Büros soll hier einziehen. Irgendwann. Bis dahin darf die Alte Post – wie im Moment gerade – etwa die Zentrale des Filmfestivals Viennale sein; auch die Kunstmesse Parallel oder das Take-Modefestival der Austrian Fashion Association nutzten zuletzt den kolossalen Bau als Dreh- und Angelpunkt ihrer Veranstaltungen.

Enthusiasmus. Thomas de Martin in seinem Büro.
Enthusiasmus. Thomas de Martin in seinem Büro.
Enthusiasmus. Thomas de Martin in seinem Büro. – (c) Christine Pichler

Experimentierfeld. Oder es werden, wie ab 11. November wieder, bei der Adresse an der Dominikanerbastei lokale und regionale Lebensmittelproduzenten ihre Köstlichkeiten stapeln. Unter dem Namen Markterei findet ein kulinarisch-stilbewusstes Marktevent statt, das schon in einem Park, auf dem Wiener Badeschiff oder in der ehemaligen Anker-Brotfabrik – ebenfalls ein Firmengrund, umgewandelt in Kreativareal – gastiert und jetzt mit der Alten Post eine Quasi-Markthalle als vorübergehendes Zuhause gefunden hat. Initiiert hat das Projekt Thomas de Martin, der beim Vernetzen die Fäden gern selbst in der Hand hat. Sein eigenes Büro ist – wenn schon, denn schon – ebenfalls Zwischennutzer, in der Schwarzenbergstraße 5 im ersten Bezirk. Dort saß einmal ein Verlag. Jetzt hat sich rund um de Martin quasi ein begehbares Kreativnetzwerk in den Büroräumlichkeiten aufgespannt: Konzeptionisten, Designer, Texter, Fotografen, Filmer arbeiten in den Büros. Noch bis 2018 läuft das dortige Zwischennutzungsprojekt, Vermieter ist die Bundesimmobiliengesellschaft. „Durch die kreative Zwischennutzung von leer stehenden Flächen wird immer Nährboden für Neues geschaffen. Und was wichtig ist: Akteure aus Kunst und Kreativwirtschaft bekommen zu günstigen Konditionen ein weites Experimentierfeld“, sagt de Martin.

 

Rund um die Bäume des Praters wird es dichter: Das Projekt Viertel Zwei füllt Flächen rund um das Wiener Grün mit Wohnungen, Büros, Studentenapartments. In der angrenzenden Krieau drehen sich dort, wo früher Pferde im Kreis gelaufen sind, unterdessen die Gedanken auch um die denkmalgeschützten Reste der Vergangenheit – um die Trabrennbahn: Manche Pferde wurde schon umgesiedelt aus ihren Ställen. Denn die neuen Siedler stehen bereits vor den Toren.

 

Pionierarbeit. Stallmeister im Prater: Die Macher von Nest, Lukas Böckle, Magdalena Greis, Angie Schmied und Manuel Oberaufner (v. l.).
Pionierarbeit. Stallmeister im Prater: Die Macher von Nest, Lukas Böckle, Magdalena Greis, Angie Schmied und Manuel Oberaufner (v. l.).
Pionierarbeit. Stallmeister im Prater: Die Macher von Nest, Lukas Böckle, Magdalena Greis, Angie Schmied und Manuel Oberaufner (v. l.). – (c) Christine Pichler

Dorfcharakter. Noch sind es Pioniere, wie Angie Schmied, Lukas Böckle, Magdalena Greis und Manuel Oberaufner sagen. Zusammen betreiben sie Nest, eine Agentur für Leerstandsmanagement. Sie bringen leere Quadratmeter, deren Eigentümer und vorübergehende Nutzer für Zwischennutzungsprojekte zusammen. So wurden schon mehrere leer stehende Immobilien in Wien von der Agentur mit kreativen Zwischennutzungswilligen befüllt (bezeichnende Projektnamen unter anderem: Banküberfall, Birdhouse, Zugvogel). Das Projekt in der Krieau heißt per Arbeitstitel Creau und soll ein „kreatives Dorf“ werden, in dem die Prinzipien der Gemeinwohlökonomie gelten. Das steht auf den Konzeptpapieren: In Werkstätten und Ateliers entstehen Kunst und Ideen; Designmärkte und Pop-up-Shop verkaufen schöne Dinge; Musik und Kultur zieht Publikum an; das Areal selbst lädt zu Freizeitaktivitäten ein. „Das Schöne an der Zwischennutzung ist, wie erfinderisch die Nutzer werden, gestalterisch, aber auch in ihrer Arbeitsweise. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die sich aus den Räumen auf das Denken überträgt“, sagt Schmied. „Wir begleiten in der Pionierphase den Aufbau der Community. Es soll ein Ort der Vielfalt sein, der für möglichst viele Menschen einen Mehrwert darstellt.“ Auf fast einem Hektar Fläche können die Pioniere in der Krieau nun ihr Werk verrichten, und das einmal bis Ende September 2017 – was danach passiert, ist noch nicht fixiert.

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