Von irgendwo für überall

Ein Allerweltsstuhl für das Museum: der Monobloc, ein internationaler Botschafter der Gleichförmigkeit.

Ding und Unding. Anonymer Stapelstuhl „Cuba“. Aus Kunststoff, von unbekannter Herkunft.
Ding und Unding. Anonymer Stapelstuhl „Cuba“. Aus Kunststoff, von unbekannter Herkunft.
Ding und Unding. Anonymer Stapelstuhl „Cuba“. Aus Kunststoff, von unbekannter Herkunft. – (c) J. LINDEMANN

Vieles für wenige. Design ist ziemlich ungerecht. Denn Design kostet. Wenn man es eher als Lifestyle-Kategorie versteht als im Sinne von Viktor Papaneks „Design for the Real World“. Auf den Modellen, die uns die Designmöbelhersteller jedes Jahr in die Schauräume stellen, sitzt der allerkleinste Bruchteil der Menschheit. Der Großteil nimmt Platz auf Boden, Baumstumpf, Bierkiste, Gehsteigkante. Oder ein bisschen höher noch, ­auf einem der Millionen simplen Plastikstühle, die gemeinsam mit Globalisierung und Wegwerfgesellschaft die Welt überzogen haben: der Monobloc. Er bügelt seit den 1970er-Jahren die Gestaltung global von gleich auf gleicher. Mit einem herkömmlichen Designbegriff hat der Monobloc so viel zu tun wie ein Plastiksackerl mit einer Handtasche. Das Billig-Aussehen steht Objekten, die in der Lifestyle-Blase zirkulieren, nun mal nicht ganz so gut. Und doch ist es Design. Auch und gerade, weil er ein Fall von Nicht-Design ist, wie manche behaupten. Und deshalb ist es auch ein Designmuseum, jenes von Vitra, in Weil am Rhein, das die Geschichte des Allerweltsstuhls visuell und auch in ein paar Worten erzählt: in der Ausstellung „Monobloc. Ein Stuhl für die Welt“.

„Panton Chair“
„Panton Chair“
„Panton Chair“ – (c) Beigestellt


Ein Stuhl aus einem Stück – aus einem Kunststoffguss, das ist die globale Form der Design-Demokratie. Ikea, das war die skandinavisch-europäische Variante, für die man zumindest einen respektablen Kofferraum brauchte. Mit dem Monobloc kostete Sitzen plötzlich kaum mehr als ein umgefallener Baumstamm oder ein Stein am Wegesrand. Während Diskont-Möbelhäuser ästhetische Designauffälligkeiten jedoch regelmäßig in den Mainstream saugen, entzieht sich der weiße Kunststoffstuhl jeglicher Beurteilung. Auch in der Hinsicht auf Raum und Zeit. Denn beides kann man am simplen Plastikstuhl nicht ablesen. Es scheint, als wäre er immer dagewesen. Und überall sowieso. Kultureller Kontext? Der Monobloc existiert jenseits davon. Ein Stuhl für jeden. Und für alles. Für die Hochzeitsgesellschaft im Jemen genauso wie für die Grillparty im Wiener Schrebergarten. In einem Teil der Welt ist er billig genug, um ihn schön gestapelt im Gartenhütterl auch verrotten zu lassen. In anderen Teilen der Welt wird er durchaus wertgeschätzt und gepflegt.

Vorbild. Der „Panton Chair“ und der „Bofinger“-Stuhl gelten als Vorläufer des Monobloc. – (c) Beigestellt

Serienreife. Die Umwelt ist voll von anonymen Dingen. Hydranten, Feuerzeugen, Kanalgittern. Objekte, die keine Autoren zu haben scheinen. Auch den Monobloc formte die Anonymität. Obwohl: Bei den Versuchen, ihn zu erfinden, waren auch Namen involviert. Sogar von Designern, die heute durchaus als namhaft gelten. Geformt wird der Stuhl aus einem einzigen Material, und das in kürzester Zeit. Zwei Minuten braucht es heute nicht einmal, um einen Stuhl zu produzieren, der ewig nicht verwittert. Schon seit den 1920er-Jahren waren Designer hochmotiviert, die Gestaltungsaufgabe „Stuhl aus einem Stück“ zu knacken. Doch erst ab den 1950er-Jahren wurden die Experimente realistisch, die Entwürfe serienreif. Zu den ersten aus Kunststoff und aus einem Guss gehörte etwa der „Panton Chair“ von Verner Panton, ein Designklassiker, den Vitra noch produziert. Auch der „Bofinger“-Stuhl des Architekten Helmut Bätzner gehörte zu den Vorläufern des Plastik-Allerweltsstuhls. Der „Fauteuil 300“ des französischen Ingenieurs Henry Massonnet gilt als Urtyp des erschwinglichen Kunststoffstuhls. Sie alle sind im Vitra Design Museum zu sehen, genauso wie zeitgenössische Interpretationen: Martino Gamper machte extra für die Ausstellung den „Monothron“ daraus. 

Tipp

„Monobloc. Ein Stuhl für die Welt“. Eine Ausstellung im Vitra Design Museum, Schaudepot. Noch bis 18. 6. 2017. www.design-museum.de

 

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