Biophilie im Design: Wälder an Wänden

Josef Frank, Tord Boontje, Patricia Urquiola - Die Liebe zur Natur ist ganz natürlich. Manche Designer drücken Biophilie in ihren Entwürfen noch ein wenig drastischer aus als andere.

Wiese. "Eternal Summer", von Tord Boontje für Kvadrat.
Wiese. "Eternal Summer", von Tord Boontje für Kvadrat.
Wiese. "Eternal Summer", von Tord Boontje für Kvadrat. – Angela Moore

Spätestens seit Josef Frank weiß man: Blumen, Pflanzen, Wälder, Dschungel. All das soll nicht nur dort wachsen, wo es in Erde wurzeln kann, in seiner natürlichen Umgebung. Oder verpflanzt in eine andere in die Gärten, damit sich die Menschen daran erfreuen. Sondern organische Formen sollen sich als gestalterisches Konzept auch im Lebensraum der Menschen festkrallen: Sogar an den Fassaden der Häuser dürfen sich in manchen Architekturen der Gegenwart wieder ganz zaghaft Ornamente kräuseln.

Doch in den Innenräumen war die Natur in den vergangenen Jahrzehnten in der Gestaltung ohnehin lebendiger. Bei den Textilmustern, die Josef Frank, der nach Schweden emigriert ist, für den Hersteller Svensk Tenn entwarf, verheißen schon die Namen üppigste Vegetation: "Hawaii", "Amazonas", "Brazil". Die Liebe zur Natur sowie die Überzeugung, dass es keine höhere Form der Eleganz gibt, rankt sich als roter Faden durch das Designverständnis des Architekten.

Vogelwelt.
Vogelwelt.
Vogelwelt. "Gröna Fåglar", Textilmuster von Josef Frank. – Beigestellt
Natürliche Offenheit. Einer der Gestalter, die heute noch mit einer besonderen Sensibilität für die Ästhetik der Natur beeindrucken, ist Tord Boontje. Der Niederländer lässt Wälder an Wänden wachsen, Dickicht sich auf Vorhängen verzweigen, Blätter und Blumen in die Dreidimensionalität der Räume ranken. Stühle hat er schon entworfen, die wirken, als wären sie in einem Blumenbeet gewachsen. Tapeten und Vorhangstoffe entwickelt, die aussehen, als hätte sie Boontje aus dem Regenwald abgepaust. In einem Londoner Spital ließ er an den Fenstern einen Kräutergarten wachsen.

So, dass den Patienten genügend Privatsphäre bleibt, aber auch eine Atmosphäre entstehen kann, die positiv auf die Menschen und ihre Gesundung einwirkt: "Herbal Medley" nannte der Designer den Blüten- und Blättermix aus den Silhouetten von 24 Kräutern. Organische Formen, formale Analogien zur Natur all das wirkt nicht nur ästhetisch in den Raum, sondern tiefer: in das Wesen des Menschen und seinen evolutionären Ursprung. Blätter, Zweige, Wassertropfen, Blüten Boontje ist überzeugt, wie er erzählt, dass kein Design, keine Formen, die Menschen hervorbringen, überwältigender sein könnten als jene, die die Natur entstehen lässt.

Bodendecker.
Bodendecker.
Bodendecker. "Crochet", von Patricia Urquiola für Paola Lenti. – Beigestellt
Bei Boontje kann es auch passieren, dass er nach einem Waldspaziergang mit einer neuen Entwurfsidee nach Hause kommt. Wie bei "Garland", einer Leuchte, die er für Artecnica gestaltet hat. Dabei umkräuseln Blumen kunstvoll das Leuchtmittel in der Mitte. Im Portfolio des Designers finden sich zuhauf Namen, die auf Natur, Garten oder Botanik referieren. Dazu gehört auch "Blossom", ein Luster, den Boontje für Swarovski entworfen hat. Ihn beschreibt er selbst als "gefrorenen blühenden Ast nach einem Eissturm". Vor allem Moroso, der italienische Hersteller, ist eine der Adressen, an denen der biophile Zugang des Designers regelmäßig auf fruchtbaren Boden fällt.

Auch die spanische Designerin Patricia Urquiola hat bei Moroso eine Gestaltungsheimat gefunden. Dort darf auch ein anderer natürlicher Zugang gestalterisch seinen Lauf nehmen: der Hang zur Farbe. Eine Tendenz, die minimalistische Ansätze im Design in ihren Entwürfen gern ignorieren. Urquiola forciert dagegen die Buntheit: Wie etwa in der Outdoor-Kollektion "Tropicalia", die auch Farben intensiv strahlen lässt. So wie die bunten Blüten in der Natur nach Aufmerksamkeit heischen, nach jener der Tiere und der Insekten. Grundlage für die Sessel war der Entwurf "Antibodi", ein Konzept, in dem Blüten sogar formal explizit eine Rolle spielen sie formen die Struktur und den Sitzkomfort der Chaiselongue gleichzeitig.

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