Aus Beton: Die Liebe zur Rohfassung

Am Georgenberg in Wien türmen sich die Klötze: Die Wotrubakirche als Bollwerk aus Beton. Den meisten Architekturen des „Brutalismus“ schlägt weniger Zuneigung entgegen als dem ikonischen Gotteshaus aus den 1970er-Jahren.

Beton. Die Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit am Georgenberg in Wien. Kurz: Wotrubakirche.
Beton. Die Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit am Georgenberg in Wien. Kurz: Wotrubakirche.
Beton. Die Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit am Georgenberg in Wien. Kurz: Wotrubakirche. – (c) Margherita Spiluttini/Architekturzentrum Wien, Sammlung

Architektur, die beschäftigt die Herzen. Sie lässt sie mal hüpfen. Mal rasen. Oder zumindest ein wenig pumpern, wenn man davor steht. Am Georgenberg in Wien-Mauer ist die Kirche schuld daran. Und auch der Weg, der sich leicht ansteigend zu ihr hinaufschwingt. Der Bildhauer Franz Wotruba ließ hier 152 Betonblöcke aufeinanderfallen, zu der größten Skulptur, die er geschaffen hat – zu einem Gotteshaus. Darin, darunter und rundherum entstand eine lebendige Gemeinde, die mit der „Wotrubakirche“ so verwurzelt ist wie Vegetation mit dem Wienerwald ringsum. Auch Hubert Keindl ist mit dem Bauwerk fast so lang verwachsen wie die Kirche mit dem Georgenberg, seit 1976. Und über 20 Jahre auch als Diakon.

Keindl war auch Architekt und weiß: Ein Architekt hätte eine Kirche nie so entworfen, wie sie heute dasteht. Denn sie beschleunigt die Herzen nicht nur in puncto Erhabenheit. Auch der Schreck lässt manchmal den Puls nach oben schnellen: Wenn wieder mal ein Besucher über die Stufe am Eingangstor stolpert. „Wenn man eine Kirche betritt, sich der Raum über einem öffnet, schaut doch keiner nach unten“, sagt Keindl. Aber auch seinen Entwurf einfach von hier nach dort versetzen, das wäre einem Architekten nicht so schnell eingefallen wie einem Bildhauer. Gedacht war die Kirche nämlich für einen ganz anderen Ort. Doch was die Architektur ausgelassen hat, das In-Beziehung-Treten mit der Umgebung – das haben umso leidenschaftlicher die Menschen mit ihrer Kirche übernommen.

MeerBlick. 2500 Menschen leben in Triest im IACP-Komplex, erbaut zwischen 1969 und 1982.
MeerBlick. 2500 Menschen leben in Triest im IACP-Komplex, erbaut zwischen 1969 und 1982.
MeerBlick. 2500 Menschen leben in Triest im IACP-Komplex, erbaut zwischen 1969 und 1982. – (c) Beigestellt

Bunker, Burg, Bollwerk. Heute steht die Kirche am Georgenberg so da, als hätte Wotruba an keinem anderen, keinem besseren Platz seine Betonklötze türmen, stapeln und auskragen lassen können. Obwohl die Kirche an ganz anderer Stelle das Bollwerk sein hätte sollen, als es von ihrer Initiatorin Margarethe Ottilinger angedacht war. „Gegen den Atheismus“ sollte sie sich symbolisch richten, erzählt Keindl. Und roher Beton schien da gerade adäquat, um der Kirche ihre Mission und ihren trutzigen Charakter auch deutlich anmerken zu lassen. Der damalige Leiter der Caritas, Prälat Leopold Ungar, schlug Wotruba als Gestalter vor. Zwei inhaltliche Wünsche hatte Ottilinger noch an ihn: „Wenn man vor der Kirche steht, muss man geschockt sein, damit man sich überhaupt mit ihr befasst. Und sie muss innen licht und hell sein, dass man sich zu Gott erheben kann“. Steinbach bei Mauerbach, die Heimat Ottilingers, hätte auch jene des Wotruba-Entwurfs werden sollen, als Klosterkirche der Karmeliterinnen. Das Projekt scheiterte. Wotruba sah sich nach neuen Bauplätzen um. Dort, wo Wien in den 1970ern am vehementesten wuchs, jenseits der Donau, so erzählt Keindl, wollte er sein Werk jedenfalls nicht so gern sehen.

Lieber oben am Georgenberg. Wo sich der Wienerwald allmählich sein Terrain zurückholte, eine Kaserne, die 1949 abgerissen wurde, hatte es ihm abgerungen. Architekt Fritz Gerhard Mayr unterstützte Wotruba schließlich bei der Umsetzung, die 1974 begann. Und das mit der Schock-Wirkung, zwar nicht immer im Sinne Ottilingers, dürfte ganz gut funktioniert haben – bis heute. Denn Architekt Mayr sorgte auf seine Art dafür, dass sich Jahrzehnte später das Herzblut der Gemeinde plötzlich wieder erhitzte: Mayr wetterte gegen geplante, sanfte bauliche Veränderungen im Umfeld. Einen gläsernen Lift etwa. Einige Gemeindemitglieder waren schon gar nicht mehr in die Verlegenheit gekommen, an der Eingangsstufe zu stolpern. Vor allem die Älteren oder jene im Rollstuhl kamen gar nicht so weit. Viele Herzen klopften vor Aufregung, als das Bundesdenkmal zunächst mündlich seinen Sanktus gab, dann wieder verwehrte. Und man schließlich das „Ja“ vor dem Bundesverwaltungsgericht erstreiten musste. Jetzt wird der Lift gebaut.

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Materialmix

Ein unübliches Parfum widmet die japanische Avantgardemarke Comme des Garçons dem Baustoff Beton: „Concrete“ ist tatsächlich in einen mit Beton überzogenen Flakon gefasst und soll auch olfaktorisch den Dualismus aus Konstruktion und De­­struktion widerspiegeln. Experimentell!

Roher Beton. „Brutalismus“ wäre der Begriff, um die Wotrubakirche stilistisch in die Reihe anderer Bauwerke einzuordnen. Das französische „betón brut“ ist die etymologische Grundlage dafür. Doch die Bedeutung von „brutal“ darf da natürlich auch gern mitschwingen, allein der Anmutung wegen. Liebe war da eher nicht das Gefühl, das den meisten Bauten aus rohem Beton entgegenschlug. Im Kanon der Architekturrezeption wurden die Bauten derart unbeliebt, dass eine Online-Plattform sogar begann, laut „SOS Brutalismus“ zu rufen. Wie auch eine gleichnamige Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt. Ab 5. Mai ist diese – adaptiert mit Österreich-Schwerpunkt – im Wiener Architekturzentrum (AzW) zu sehen. Artenschutz steht da auch ein bisschen auf dem Programm, denn viele der Beton-Architekturen sind lang nicht so nachhaltig in den Herzen verwurzelt wie die Wotrubakirche. Am Georgenberg hat sich die Gemeinde längst die architektonischen Merkwürdigkeiten ihrer Kirche liebevoll angeeignet. Nicht nur die Stufe am Eingang, auch die schlechte Akustik. „Der Raum klingt am besten, wenn er voll ist mit Menschen, deren Kleidung den Schall absorbiert“, sagt Keindl. Jedenfalls: „So eine Kirche wurde zuvor nie gebaut. Und wird auch so nie wieder gebaut werden. Sie ist in jeder Hinsicht ein Unikat“. Eine nackt-rohe Kirchenskulptur, fraktal zerklüftet mit Hang zur räumlichen Nischenbildung durch asymmetrische Vor- und Zurücksprünge. Die Folge einer gestalterischen Logik, in der „Nutzung“ nie eine Kategorie war. Auch für den neuen Pfarrer in Mauer wurde das spürbar, als er zum ersten Mal vom Altar aus auf einen Betonblock schaute. Und die Kirchengemeinde dafür nur in den Augenwinkeln sah. „Der Altar steht an der engsten Stelle der Kirche“, sagt Keindl. Vier Kerzenständer aus Bronze. Ein Abguss eines Kreuzes, das Wotruba für eine Kirche in Bruchsal gestaltet hatte. Ein schlichter Tabernakel. Der Rest ist Glas und Beton. So manche Klötze sollen sogar nicht nur das Gewicht der anderen tragen, sondern auch bestimmte Bedeutungen, artikuliert angeblich vom Bildhauer Wotruba selbst. „Doch nichts davon ist wirklich verifizierbar“, sagt Keindl. „Außer dass die „Verwitterung des Materials als Teil der Gestaltung mit angelegt war. Wotruba hat sich Beton in unterschiedlichster Form angeschaut. Von der Gartenmauer bis zum Flak-Turm“.

Afrika. Ein „Betonmonster“ namens „La Pyramide“ in Abidjan, Elfenbeinküste.
Afrika. Ein „Betonmonster“ namens „La Pyramide“ in Abidjan, Elfenbeinküste.
Afrika. Ein „Betonmonster“ namens „La Pyramide“ in Abidjan, Elfenbeinküste. – (c) Beigestellt

Ausstellung. Als Betonbau kann man es auch schlimmer erwischen als die Umgebung auf dem Georgenberg, mit Blick über Wien. Doch meist wird dem „Brutalismus“ eher die Godzilla-Haltung nachgesagt: Sie stampft rein, egal, was sich da für Umgebung und Kontext hält. Und auch der unnahbare Bunker-Gestus war nicht unbedingt die Charme-Offensive, die Herzen öffnet. „Rettet die Betonmonster“ schreiben sich nicht allzu viele Architekturliebhaber auf die Fahnen. Dafür umso leidenschaftlicher die Initiative „SOS Brutalismus“, die inzwischen fast 1000 Gebäude listet, die sich in rohem Beton zwischen 1953 und 1979 auf allen Kontinenten verortet haben, aber nicht verewigt. Denn vielen davon droht der Abriss. Die Ausstellung „SOS Brutalismus“ zeigt ab 5. Mai im AzW einige internationale und auch österreichische Beispiele – vom Kongress-Zentrum in Bad Gastein bis zum Kulturzentrum im Mattersburg, die sich zum Teil in der Wahrnehmung der Menschen, der Wertschätzung der Experten und im Architektur-Diskurs überhaupt erst behaupten müssen.

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Tipp

Das Buch „SOS Brutalismus“, bei Park Books erschienen, sowie eine Ausstellung im AzW (ab 4. 5.) im Wiener MQ zeigen Beispiele des Brutalismus. www.azw.at

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