Luster: Die Krönung der Räume

Auch Architekturen tragen Schmuck: Vor allem, wenn kunstvolle Luster von der Decke baumeln. In historischen Formen oder in ganz neuen gestalterischen Interpretationen.

Interaktiv. „Breath of Light“ heißt die Installation, die Vasku & Klug für Preciosa kreierten.
Interaktiv. „Breath of Light“ heißt die Installation, die Vasku & Klug für Preciosa kreierten.
Interaktiv. „Breath of Light“ heißt die Installation, die Vasku & Klug für Preciosa kreierten. – (c) Jean-Claude Etegnot

Die Nacht war schon immer eine dunkle Angelegenheit. Doch früher, da war sie noch finsterer als heute. Vor allem auch drinnen, wo nach Sonnenuntergang alles, was heller war als Kerzenschein, der pure Luxus war. Heute lässt sich etwa noch im Schloss Eggenberg bei Graz erahnen, wie düster das „Hell“ von früher war. Bis heute wurden die barocken Räumlichkeiten dort nicht elektrifiziert. Ein paar Lux, das Maß für die Beleuchtungsstärke, viel mehr wirft auch so ein historischer Luster nicht in den Raum. (Die durchschnittliche Helligkeit in Wohnräumen beträgt heute fast 500 Lux.) Doch das Barock wollte ohnehin weniger mit Helligkeit als mit den kunstvollen Objekten glänzen, die da von der Decke baumeln. Zum Teil sind das archetypische Lusterformen, die sich mit den lichtstarken und gleichzeitig energiesparenden Technologien der Gegenwart noch nicht so richtig arrangieren konnten. Doch Designer wie auch traditionelle Hersteller werken daran, die Tradition des Lusters und seinen gestalterischen Glanz in die Gegenwart und womöglich noch weiter in eine gestalterische Zukunft zu tragen.

Doha. Im Hotel baumeln auch Luster von Preciosa im Konzept von Marcel Wanders.
Doha. Im Hotel baumeln auch Luster von Preciosa im Konzept von Marcel Wanders.
Doha. Im Hotel baumeln auch Luster von Preciosa im Konzept von Marcel Wanders. – (c) Beigestellt

Wenn Luster außer Schmucksteine noch etwas anderes trugen, dann eine urmenschliche Aufgabe: Imponiergehabe. Die Schmuckstücke der Adelsarchitekturen hingen in den Palästen, Palais, Palazzi von den Decken. Als wären fantasievolle Zaubergebilde wie verzweigte Bäume wundersam von oben nach unten in die Räume gewachsen. Behangen mit allem, was Licht und seine Effekte noch verstärken konnte, gern auch aus Bergkristall. Etwa mit Pendeloques: Kugeln, Birnen, Rauten, Mandeln, Blättern, Blüten, Zapfen – die Natur hatte genügend Formvorlagen geschaffen.

Noch heute ist der Palast die Architektur der Wahl, in der Luster ihre glanzvollen Auftritte am liebsten auskosten, nicht nur sich selbst zur Schau stellen, sondern auch die Gestaltungs- und Handwerkstraditionen dahinter. Nur dass die Prunkbauten heute manchmal sogar schwimmen oder Paläste sind, die allen offenstehen, die in ihnen Geld verspielen wollen: Jachten, Kreuzfahrtschiffe, Hotels und Casinos füllen die lange Liste der beinahe 400 Projekte im Jahr, die das tschechische Unternehmen Preciosa abwickelt. Zwei Designer dirigieren dabei von Wien aus als Creative Directors die gestalterische Linie genauso wie strategisch-kreative Richtungsentscheidungen: Michael Vasku und Andreas Klug, zusammen als Vasku & Klug.

Sacher Eck. Gestaltet von BWM Architekten, auch mit Lustereffekt.
Sacher Eck. Gestaltet von BWM Architekten, auch mit Lustereffekt.
Sacher Eck. Gestaltet von BWM Architekten, auch mit Lustereffekt. – (c) BWM/Christoph Panzer


Beeindruckend. „Die primäre Funktion des Kronleuchters bestand darin, zu zeigen: Ich hab’s drauf“, sagt Michael Vasku. Das Beleuchten? Unerheblich: „Wenn eine Kerze etwa einem Watt entspricht, kommt sechs Meter darunter auch nicht mehr viel davon an.“ Das funktionelle Licht, das kam auch in Tagen der adeligen Repräsentation eher von der Wand, verstärkt durch Spiegel, oder vom Boden. Wie kaum andere Designer in den vergangenen Jahren sind Vasku & Klug eingetaucht in die gestalterische Geschichte des Lusters. Ein Objekt, das heute auch mit ganz neuen Technologien und Möglichkeiten zu beeindrucken weiß: Schon allein, wenn sie sich fast magisch in Hotellobbys von Motoren betrieben rauf- und runterbewegen. Im Mittleren Osten ist inzwischen kaum eine Adelsfamilie nicht in Kontakt mit den kunstvollen Lustern von Preciosa gekommen. Die Entwürfe werden von Vasku & Klug dafür exakt auf den jeweiligen kulturellen und geschichtlichen Hintergrund abgeschmeckt. Dabei kommen von historischen Hotels in Mitteleuropa bis zu Entertainment-Palästen in Fernost ganz unterschiedliche Umsetzungen he­raus.

Bis heute haben sich die Wahrnehmung und der Stellenwert des Lusters genauso verändert wie die Meinung darüber, was hell ist und was schon eher dunkel. Aber auch, was als Luxus gilt. Und ob der Luster nicht auch in anderen Mikrokosmen seinen gestalterischen Platz finden könnte. Doch Imponieren, das war lange dem Adel vorbehalten. Da kam es schon vor, dass der Maler, der die adelige Hochzeit bildlich festzuhalten hatte, bei der Anzahl der Luster nachbessern musste, erzählt Vasku. Und in Weltregionen, in denen Hochzeiten ausgerichtet werden, die so viel kosten wie eine durchschnittliche Wohnhausanlage, muss der Luster auch schon mal überdurchschnittlich spektakulär sein.

Pokale. Patrick Rampelotto nutzte den Glanz für seine „Plantasia“-Objekte.
Pokale. Patrick Rampelotto nutzte den Glanz für seine „Plantasia“-Objekte.
Pokale. Patrick Rampelotto nutzte den Glanz für seine „Plantasia“-Objekte. – (c) Beigestellt

Den Luster zelebrieren. Gut, dass Vasku & Klug zuletzt während der Designwoche in Mailand eine Installation für Preciosa abgeliefert haben, die sich mit technischem Geschick auch hochskalieren lässt: Ein Designbüro aus Dubai will sich die Installation ausborgen, nur doppelt so groß. Schließlich steht da so eine Hochzeit an, die es auszustatten gilt. Dafür ist „Breath of Light“ gerade poetisch und faszinierend genug. Die Besucher in Mailand waren jedenfalls begeistert von der interaktiven Lichtskulptur, die auf Beatmung reagierte. Schon in den Jahren davor hatten Vasku & Klug mit aufsehenerregenden Installationen die technische Expertise samt ästhetischem Gespür des tschechischen Herstellers Preciosa, dessen Wurzeln bis in die 1720er-Jahre zurückgehen, unter Beweis gestellt. Denn ihre Aufgabe als Creative Directors ist es auch, das Licht zu modulieren, in dem der Luster und sein Hersteller wahrgenommen werden. Das Kapitel „Zukunft“ der Kulturgeschichte des Kronleuchters könnte durchaus ein paar neue Interpretationen vertragen, meinen Vasku & Klug.

So tasten sich die Designer erst einmal entlang der Traditionslinien der Lusterproduktion in die Vergangenheit, um von dort aus die Richtung in die Zukunft zu bestimmen. Archetypische Formen haben die Gestalter da herausgepickt, wie das Modell „Maria Theresia“ oder jenes, das Prinz Eugen gern in seinen Schlössern einsetzte: „Eugen 2. „Wir wollen historische Geometrien in zeitgenössischen Farben umsetzen“, sagt Michael Vasku, „dabei etwa die Glaselemente aus gefrostetem Glas herstellen und die Stahlelemente farbig ausführen“. Zusätzlich wurden Designstudios gebeten, „historische Luster gestalterisch ins Zeitgenössische zu übersetzen“. Auf Grundlage der Frage: „Wie würden historische Kronleuchter aussehen, wenn man sie mit heutigen Technologien hergestellt hätte?“

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