Andrea Branzi: Im Universum der kleinen Dinge

Für Andrea Branzi, Designer und Urbanist, sind die Architekten das Problem der Architektur. Und Städte sollten neben freundlichen Bewohnern noch ganz andere Qualitätenhaben.

Andrea Branzi Universum kleinen
Andrea Branzi Universum kleinen
Branzi – (c) Clemens Fabry

Die „Charta von Athen“, formuliert 1933 von Le Corbusier, hat die Stadtplanung der Moderne geprägt. Andrea Branzi, Mitbegründer der Gruppe Archizoom und bedeutender Vertreter des italienischen „Radical Design“ der 1960er-Jahre, skizziert das städtebauliche Manifest nun neu. Die Ausstellung „The Weak Metropolis: für eine ,Neue Charta von Athen‘“ im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) zeigt seine Ideen, wie die Städte die Herausforderungen im 21. Jahrhundert bewältigen können. Im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ erklärt Branzi sein Verständnis von Design, welche Schwächen die „Weak Metropolis“ hat und welche urbanen Visionen es zu stärken gilt.

 

Sie sind Designer, Architekt und Urbanist. Wie sieht Ihr persönlicher Zugang zum Design aus?

Andrea Branzi: Es geht mir nicht darum, den formalen Aspekt einer ästhetischen Sprache zu entwickeln, sondern Werke zu entwerfen, die eine Seele besitzen. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass zwischen den Menschen und den Objekten eine Beziehung stattfindet, die gleichzeitig komplex ist, aber auch mysteriös. Dabei müssen die Objekte eine immanente Vitalität, Lebenskraft und Lebendigkeit ausstrahlen. Das kann eine poetische, aber auch eine dramatische Vitalität sein. Dafür gibt es keine Formel, nichts, was man den Objekten rational hinzufügen kann. Die Vitalität entsteht im kreativen Prozess – es ist ein Geschenk, den Objekten etwas hinzufügen zu können.

 

In der Ausstellung „The Weak Metropolis“ zeigen Sie urbane Visionen. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Qualität der Stadt im Lauf der Zeit verändert?

Der gebaute Ausdruck hat sich verändert – aber nicht wegen politischer, sondern aufgrund ökonomischer Entwicklungen. Noch vor einem Jahrhundert wurde die Stadt interpretiert als Konglomerat von Architekturen, als ein Zusammensein von Schachteln. Unter dem Einfluss der Globalisierung hat sich diese Eigenschaft komplett verändert. Die Stadt ist jetzt ein Zusammenspiel von Informationen, Objekten, menschlichen Aktivitäten und Dienstleitungen.

 

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die planerischen und entwerfenden Disziplinen?

Die Qualität des Raums ist eigentlich von kleinen Dingen geprägt. Darauf müssen Architekten und Designer reagieren, indem sie weniger starre Strukturen und dafür mehr fluide und veränderbare Objekte entwerfen. Wie leben in einem Universum von Mikroaktionen, die eigentlich immateriell sind, die gemeinsam eine Stadt entwerfen. Früher hat man in den Bereichen der Architektur, des Designs, der Politik und der Wirtschaft Makroprojekte realisiert – die Dinge wurden immer unbeweglicher, immer spezialisierter, immer rationalisierter und immer desaströser. Jetzt haben wir eine andere Strategie. Ich erwähne hier gerne das Beispiel des Nobelpreisträgers Mohammad Yunus, der mit der Vergabe von Mikrokrediten die intimsten, kleinsten hauswirtschaftlichen und alltäglichen Ökonomien erreicht. Ebenso verändert sich die Architektur der große Entwürfe zu einer Gestaltung der kleinen Dinge. Deswegen hat sich heute auch der Einfluss der Designer bis ins alltägliche Leben hinein erweitert und hat eine große Bedeutung.

 

Sie geben zehn bescheidene Empfehlungen für eine „Neue Charta von Athen“ ab.

Le Corbusier definierte mit der Charta von Athen in den 1930er-Jahren das Bild der perfekten, funktionalen Stadt, bestehend aus dem Zusammensein von spezialisierten Bereichen, als rationalen Mechanismus mit politischen und sozialen Sicherheiten. Aber diese Art von Wirklichkeit existiert heute nicht mehr – man kann überall alles machen.

 

Wie kann man den aktuellen Entwicklungen in der Stadt des 21. Jahrhunderts gerecht werden?

Wir sollten alle Veränderungen als positive Gelegenheiten erkennen, um die aktuelle Gesellschaft zu interpretieren. Unsere Gesellschaft muss sich ständig selbst reformieren, um zu überleben. Deswegen geht es mir dabei nicht um rigide Lösungsvorschläge, sondern um dynamische Annäherungen. Eine Motivation für die zehn bescheidenen Empfehlungen ist es, zu verdeutlichen, dass sich Stadt nicht mehr aus dem Zusammensein von Architekturen konstituiert, sondern eigentlich aus einer Aneinanderreihung von Computern besteht (lacht) ...die zeitgenössische Metropole ist eine Architektur des Moments.

 

In den 1970er-Jahren widmete sich Ihre Gruppe Archizoom dem urbanen Raum mit dem Projekt „No Stop City“. Dabei wurde der urbane Raum als ein Produkt marktwirtschaftlicher Kräfte formuliert. Damals erschien das als Utopie, heute zeigt es sich als Realität.

„No Stop City“ war keine Utopie, sondern ein sehr realistisches Projekt – wir haben die Welt gesehen, wie sie ist. Die eigentlichen Utopisten waren die Rationalisten und Funktionalisten, die die Stadt eben nicht so gesehen haben, wie sie ist. Es ist nichts Negatives, dass sich die Welt schließlich anders entwickelt hat, als diese es gern gehabt hätten.

 

Welchen Einfluss hat Ihre Arbeit auf das Konzept „Weak Metropolis“?

Die „Weak Metropolis“ ist aus der Idee heraus entstanden, dass alles flüssig und beweglich ist. Es geht mir dabei weniger um die Architektur, als vielmehr um die Objekte und Informationen, die eine Stadt füllen. Meine Modelle der Urbanisation sehen das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen zwischen Agrikultur und Architektur vor, denn beide sind das Ergebnis derselben Ökonomie. Zurzeit beginnen sich die Grenzen zwischen Natur und Stadt aufzulösen. Es gibt Gebiete, die halb landwirtschaftlich und halb städtisch sind. Das ermöglicht der sich stetig verändernden Natur, in die gebaute Welt einzudringen, und eröffnet gleichzeitig der Architektur neue Optionen. Das große Problem der Architektur sind letztendlich die Architekten. Und so lang sich die Architekten nicht verändern, wird sich auch die Architektur nicht verändern. Aber das Glück der Gesellschaft ist nicht allein abhängig von der Anzahl an Gärten und Parkanlagen, sondern anderen Faktoren: Demokratie, Toleranz, Freundlichkeit – die Freundlichkeit der Bewohner ist überhaupt die eigentliche Hauptqualität einer Stadt.

Die Ausstellung
„The Weak Metropolis: für eine Neue Charta von Athen“, noch bis zum 6. Februar 2011, im MAK Design Space, Stubenring 5, 1010 Wien.

Andrea Branzi ist Architekt, Designer und Theoretiker. Als Designer arbeitete er mit namhaften Herstellern wie Alessi, Artemide, Vitra oder Zanotta zusammen. Als Urbanist und Architekt beschäftigte er sich mit der Gruppe Archizoom schon in den 1970er-Jahren mit dem urbanen Raum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2010)

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