Gesucht: Erdgeschoße auf höchstem Niveau

Ob eine Straße lebt, entscheidet sich im Erdgeschoß der Häuser. Jungunternehmer, Kreative und Architekten versuchen, das "Parterre" zu reanimieren. Doch viele Verordnungen und auch der Straßenraum stehen ihnen dabei noch im Weg.

Gesucht Erdgeschosse hoechstem Niveau
Gesucht Erdgeschosse hoechstem Niveau
Eva Trimmel – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Total unfair. Und doch irgendwie gerecht. Altes Frittierfett oder süßer Duft nach Kuchen – die behördlichen Auflagen machen da keinen Unterschied. Keiner darf einfach so auf die Gasse stinken oder duften. Die Geruchsmoleküle müssen sich artig über den Kamin verziehen, bis ganz nach oben. Auch das musste Eva Trimmel lernen, nur ein winziger Punkt in der Reihe von Selbsterfahrungen mit dem Titel: „Ich eröffne mein neues Kuchenlokal“. Duften darf es nur drinnen, aber nach draußen darf es positiv ausstrahlen ins Grätzel, da hätte die Stadt nichts dagegen. Auch nicht, wenn sich ein Haufen von Neugierdsnasen vor den Vitrinen in der Hollandstraße drängt, gleich um die Ecke vom Karmelitermarkt. Dort schließt Trimmel zuallererst ganz menschliche Versorgungslücken, nicht umsonst heißt ihr Geschäft „Fett und Zucker“. Aber sie füllt auch anderes als Mägen: eine von vielen urbanen Leerstellen, die extra trostlos und extra exponiert im Erdgeschoß schlummern und meist die Straße davor mit einschläfern.

Dort wo die Häuser vertikal in den Straßen verschwinden, dort ist die sensibelste Zone der Stadt. Ein urbanes Zwischenreich quasi, durchlässig im besten Fall wie eine „Membran“, so nennen es die poetischen unter den Architekten. Im Erdgeschoß kann man mühelos zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten hin- und hertauchen. Die „Sockelzone“ soll nach außen beleben und den Stadtraum nach innen mit dem Haus verzahnen – im Idealfall.


Schwellenangst. Doch die Schnittstelle ist oft eher Schwelle, die sich vielen potenziellen Nutzungen, Ideen, Jungunternehmern und auch der Kreativwirtschaft versperrt. Wo Handel und Kleingewerbe gehen, bleiben oft nur verstaubte Fenster zur Trostlosigkeit, hinter denen viel mehr bunte Ideen und Selbstinitiative Platz hätten. „Es gibt nichts Traurigeres als leere Lokale“, meint Trimmer. Im Erdgeschoß wirkt „leer“ irgendwie gleich doppelt so verlassen. Stadt, Kulturinitiativen, Wirtschaftskammer – alle bemühen sich ja redlich um sinnvolle Befüllung. Doch allzu oft sind es die falschen Schrauben, die oberflächlichen, an denen sie drehen. Architektin Angelika Psenner hat die Kreativwirtschaft als potenzielle Nutzergruppe des gründerzeitlichen Erdgeschoßes erkannt. Doch die sozialromantische Vorstellung vom Kreativgreißler, der Ideen und Wurstsemmeln verkauft und mit dem ganzen Grätzel per Du ist, stößt auf zu hohe Mieten, absurde Ablösesummen, horrende Investitionskosten, ermüdende Behördengänge. Und was am schlimmsten ist: bei Eigentümern und Immobilienunternehmen manchmal auf chronische Gleichgültigkeit. „Das Beste, was einer Straße passieren kann, ist doch Diversität“, sagt Trimmel. Schuster, Kebap-Bude, Fleischhauer und Arthouse-Kino, friedlich nebeneinander aufgefädelt, so würde man Urbanität im Bilderbuch zeichnen. Und auch Kuchen kann ein Anfang sein: Trimmel wartete ein Jahr, bevor sie ihr Projekt schließlich ernsthaft begann. Ganz geheuer war es ihr anfangs dann doch nicht, ständig mit dieser Idee von Kuchen im Kopf herumzumarschieren, auch während ihrer früheren Arbeit im Architekturbüro. „Komisch eigentlich, mir war Backen immer zu dogmatisch“, erzählt Trimmel. Rezepte von der Mutter und Feedback von Freunden waren das Erste, was sie einholte. Und als sie wusste, dass der Kuchen auch anderen schmeckte, nahm sie auch gern unternehmerische Ratschläge an. Die Wirtschaftskammer Wien hat viele davon, auf Papier und in Prospekten, aber auch in persönlichen Gesprächen, sie hilft beim Business-Plan und Kalkulieren mit Tipps und Software. Doch spätestens bei der Suche nach dem geeigneten Geschäftslokal ist man wieder so verlassen wie die Flächen, die irgendwo sehnsüchtig auf einen warten.

Auf der Plattform www.freielokale.at sind Angebote, viele mit Fotos und – endlich – auch mit Mietpreisen gesammelt. Sonst, meint Trimmel, müsse man „aufmerksam durch die Stadt streifen“. Ein bisschen Detektivarbeit investieren, ein paar Blicke ins Grundbuch werfen. Ein paar Anrufe, ein paar Absagen später kam dann der Zufall. „Eigentlich wollte ich ja in die Margaretenstraße“, erzählt Trimmel. Doch dann entschied sie sich für eine Straße, in der sie Pionierin ist, nicht Nachzüglerin. Was gerade im „Fett & Zucker“ der Hollandstraße entsteht, wird auf alle Fälle „nicht zu stylish sein“. Den improvisierten Prozess, den Platz zum Wachsen soll man dem Kuchenprojekt noch ansehen. Die Grätzelnachbarn sind schon neugierig und klopfen regelmäßig an, doch bis zum Eröffnungstag, dem ersten Juli, riecht es noch nach frischer Farbe statt nach Kuchen.


Suchen und finden. Manchmal sind ambitionierte Jungunternehmer wie Pfadfinder beim Geländelauf. Die Wirtschaftskammer Wien drückt ihnen am „Tag der Geschäftslokale“ einen Zettel in die Hand, darauf sind die einzelnen Stationen verzeichnet. Und dann schwärmen sie aus, die Suchenden, in jedem freien Erdgeschoßlokal warten Informationen, Makler oder Eigentümer. Dazu gibt's Förder- und Kreditberatung. In einem besonders hübschen Lokal in der Alserbachstraße gaben sich zuletzt die Interessenten die leicht abgewetzte Klinke in die Hand. Und jedesmal flackerte kurz ein anderes Zukunftsszenario auf. Vielleicht wird's ein Atelier für die Strickdesignerin? Ein Studio für den Architekten? Obst und Gemüse wie zuvor wird hier wohl keiner mehr verkaufen. Eher die eigenen selbst geschnitzten oder selbst gestrickten Ideen und Entwürfe. Ja, die Kreativwirtschaft klopft im Erdgeschoß an.

„Das Erdgeschoß hat noch immer ein Imageproblem“, meint Architektin Angelika Psenner. „Es geht darum, die Werte dieses besonderen Stadtraums wieder zu zeigen. Das sind ja Räume, die einiges können.“ Den Kreativen muss man das nicht extra erklären. Sie wissen diese Qualitäten schon zu schätzen, meint Psenner, die sich seit Jahren mit dem gründerzeitlichen Erdgeschoß beschäftigt. Die bauliche Flexibilität, die hohen Räume, das Potenzial zur hybriden Nutzung. Aufgrund all dieser Vorteile ortet sie Interesse bei den Kreativen: „Gerade junge Kreative sind oft gewillt, diese Räume zu besetzen und zu bespielen.“ Schon sind einige Architekturbüros, Designstudios und Werbeagenturen in passende ebenerdige Räume geschlüpft. In vielen Erdgeschoßkokalen mischen sich bereits die Nutzungen, eine Art„Cross-over-Läden“ entsteht. Dann, wenn Kreative meinen, dass Grafikdesign auch zwischen Hotdogs mit Sauerkraut und Hamburger Astra-Bier seinen Platz hat, wie etwa beim „Hafenjungen“ in der Wiener Esterházygasse. Oder auch in der Burggasse, in der „Sellerie“, in der sich Grafikdesign und Verkauf vermischen. Für viele Einkaufsgrätzel sind das willkommene Farbtupfer im monoton uniformierten Handelseinerlei. Geradlinig und eindimensional sind ja auch die Biografien und Berufswege der Geschäftsbetreiber nicht mehr.

Das weiß auch Heidi Stadler-Wolffersgrün spätestens nach ihrer letzten Abzweigung. In Werbeagenturen wollte sie ihre Wochenenden und Abende nicht mehr verbringen. „Inzwischen muss man sich ja ohnehin den Beruf selbst kreieren“, sagt sie. Und das passende Arbeitsumfeld dazu. „Le Shop“ in der Kirchengasse war die Konsequenz daraus. Statt einmal dieser und einmal jener Idee hinterherzuhecheln, hat Stadler-Wolffersgrün einfach alle gebündelt, auf wenigen Quadratmetern mit großen Auslagenscheiben. Dort macht sie weiterhin Grafikjobs, aber empfängt auch ganz andere Kunden, die sich für ihre selbst gemachten oder zugekauften Geschenksideen interessieren.


Hürdenläufe. Angelika Psenner untersucht, was Erdgeschoße beleben und fördern könnte. Und was sie hemmt. Der Stadtraum und die Gesetzesbücher, in denen die Zeit manchmal stillsteht, machen es ihnen und all jenen, die sie nutzen wollen, nicht ganz einfach. Gerade die Straßenverkehrsordnung steckt noch voller Absurditäten. Vieles davon sei „entstanden in der automobilaffinen Postmoderne, in Zeiten, in denen im Städtebau noch die Trennung der Funktionen praktiziert wurde“, erzählt Psenner. Dieser Geist ist in manchen Verordnungen noch überliefert. Wie etwa in der „anachronistischen Stellplatzverordnung“, so Psenner. Sie besagt, dass bei Neu- und Zubauten pro entstandener Wohneinheit ein Stellplatz zur Verfügung gestellt werden muss. Die gesetzliche Grundlage dafür, das Wiener Garagengesetz, stammt aus dem Jahr 1957. Die Konsequenz daraus: Mancherorts, wo schicke Geschäftsportale waren, sind heute graue Garagentüren. Noch eine Skurrilität kennt Psenner: „Gehsteige werden als immanenter Teil des Straßenraums dem Verkehrsfluss vorbehalten.“ Aufenthaltsqualität auf Gehsteigen sucht man oft vergebens. Warum auch? Der Aufenthalt ist ja nicht vorgesehen. Es sei verboten, „den Fußgängerverkehr durch unbegründetes Stehenbleiben zu behindern“. Aber so weit kommt es meist gar nicht. Die Gehsteige wirken ohnehin wie Trichter: Man beschleunigt unbewusst den Schritt, wenn sie enger werden. Fußgänger werden „Vorbeigänger“. Es sei denn, im Erdgeschoß warten Gründe anzuhalten, wie etwa Fett und Zucker.

New York hat mit durchschnittlich vier Meter Gehsteigbreite klaren Startvorteil. Dafür hatte Wien die Gründerzeit und die Hinterlassenschaft ihrer Häuser. Ihr Vorteil ist die Nutzungsflexibilität, so als wären diese Häuser schon damals für die Notwendigkeiten von heute gemacht worden. Noch immer stammen 20 Prozent des Gebäudebestandes aus dieser Zeit. Genug Potenzial also, das sich aktivieren ließe. „Jetzt müssen wir uns überlegen, wer diese Nutzer sein könnten“, sagt Psenner. Was ihr fehle, seien „abrufbare Daten über den Zustand der Erdgeschoße“. Wohl sei jeder Millimeter öffentlicher Raum erfasst. „Doch was in den Häusern los ist, wissen wir nicht. Es fehlt ein Gesamtgrundrissplan.“

»Tag der freien Geschäftslokale«
Die Wirtschaftskammer Wien veranstaltet regelmäßig in verschiedenen Einkaufsstraßen und Grätzeln Informationstage, an denen Berater, Makler oder Vermieter in den Geschäftslokalen vor Ort sind.

Internet-Plattform
Auf www.freielokale.at können Interessierte einen Blick auf Mietpreise und sonstige Daten und Zahlen von leeren Geschäftslokalen werfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2011)

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