Klang der Häuser: Soundcheck im Stadtgebiet

Architektur, Autos, Stimmen. Alle prägen sie den Klang der Stadt. Mit dem akustischen Stadtbild beginnen sich nun Künstler und Planer vermehrt auseinanderzusetzen.

Soundcheck Stadtgebiet
Soundcheck Stadtgebiet
Symbolbild – (c) REUTERS (Damir Sagolj)

Die Klangkulisse der Stadt ist ein akustisches Patchwork aus verschiedensten Quellen: bimmelnde Straßenbahnen, quietschende Bremsen, dröhnende Musik und Motoren. Doch manchmal hört, wer einen gut geschulten Hörsinn hat, durch den urbanen Soundteppich auch ein irritierendes Zirpen. Dann ist man vermutlich Ohrenzeuge von „Sound Tossing“.

Street Art für die Ohren, so könnte man es beschreiben. Entstanden ist „Sound Tossing“ aus der Idee, ein künstlerisches Genre zu entwickeln. das sich mit dem Klang im öffentlichen Raum auseinandersetzt. „Grundsätzlich ist mit Sound Tossing das Klangwerfen gemeint“, erklärt der Initiator Reinhard Gupfinger. Verschiedenste Prototypen kleiner Lautsprecher hat er entwickelt. Und beim „Sound Tossing“ wirft er sie einfach auf Bäume oder Oberkopfleitungen. Dort baumeln sie und senden akustische Signale in den Stadtraum.

Meistens hören die Stadtbewohner allerdings ganz andere Signale. Oder auch die Stimmen der Menschen, die überall im öffentlichen Raum telefonieren. Vor ein paar Jahren mutete es noch beinahe seltsam an, wie die Passanten scheinbar mit sich selbst sprachen. Heute ist das selbstverständlicher Teil des visuellen und auch akustischen Stadtbilds. „Die Stimme ist in den Straßenraum zurückgekehrt. Auf den Plätzen und Straßen wird telefoniert, wir hören so viele Leute wie nie zuvor reden. Das ist ein Schritt in Richtung mehr Vielfalt und Differenzierung“, erklärt der Stadtforscher Peter Payer. Dabei fehle oftmals die Sensibilität und das Verständnis dafür, dass es im öffentlichen Raum immer mehr Zuhörer gibt als nur den Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. Schon Kurt Tucholsky definierte Lärm als das Geräusch der anderen – und eine Steigerung der Lärmbelästigung war für ihn die ungewollte Teilnahme am Leben anderer.


Geräuschtrennung. „Die Diskussion über den Lärm ist nicht neu, es gibt in der Geschichte eine intensive Auseinandersetzungen mit dem Thema“, bestätigt Payer. Um 1900 versuchte man mit schon mit Flächenwidmungs- und sogenannten „Generalregulierungsplänen“, die Städte in Wohn- und Industriegebiete oder in Freizeit- oder Grünräume zu trennen. Und somit auch eine akustische Ordnung von Ruhe- und Lärmzonen herzustellen, so Payer. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschwanden die menschlichen wie auch tierischen Geräusche und Laute zunehmend aus dem öffentlichen Raum. Die technischen und maschinellen Geräusche lösten sie ab.

Jede Stadt klingt anders, hat ihren eigenen Rhythmus. Das liegt am geografischen Umfeld, den sozial- und verkehrspolitischen Entscheidungen, aber auch an den kulturellen Gepflogenheiten und dem Alltagsleben. „Die Frage nach dem Sound der Städte ist eine typische visuelle Fragestellung – man hat dabei Bilder wie die Skyline von New York im Kopf. Klänge funktionieren aber anders“, beschreibt Sam Auinger, Featured Artist der Ars Electronica 2011 und Professor für experimentelle Klanggestaltung an der Universität der Künste in Berlin. „In jeder Stadt gibt es verschiedene städtische Räume, die unterschiedliche klangliche Qualitäten haben“, meint Auinger weiter.


Der Klang der Häuser. Die Architektur bestimmt das urbane Klanggefüge. Denn Gebäude transformieren Klänge und generieren akustische Effekte durch Absorption, Diffusion, Reflexion und Geometrie. In der baulichen und städteplanerischen Praxis wird jedoch meist erst im Nachhinein an einer Lärmreduktion gearbeitet. Und diese orientiert sich an den zwei quantitativ messbaren Kriterien, der Lautstärke (in Dezibel) und der Nachhallzeit im Inneren von Gebäuden (in Sekunden). Wie eindimensional diese technischen Messungen sind und dass sie wenig über die akustische Qualität eines Raums aussagen, illustriert Peter Androsch, Komponist und Leiter von „Hörstadt“ in Linz: „Leise wird in quantitativen Messungen meist als gut interpretiert und laut als böse. Denken Sie jedoch an die Meeresbrandung, die durchaus 90 Dezibel erreichen kann. Menschen, die am Meer leben, fühlen sich dort trotzdem sehr wohl.“ „Hörstadt“ setzt sich mit Fragen zur menschengerechten Gestaltung der akustischen Umwelt auseinander.

„Wir sprechen von der Trinität des Ohrs, weil im Ohr drei existenzielle Sinne vereint sind“, beschreibt Androsch den Gleichgewichtssinn, den Orientierungssinn und den Gehörsinn, die unmittelbar an unserer Positionierung in der Welt beteiligt sind. Das Problem: Die industrielle Bauweise unserer Umgebung produziert durch den Einsatz von Glas, Metall und Beton ganz andere Schallwellen, als das Gehör zur Orientierung in Räumen benötigen würde. „Wir nehmen viel mehr Schallwellen über Reflexion wahr als über Direktschall. Im Grunde sind Architekten und Stadtplaner also die größten Sounddesigner“, sagt Androsch.

In Zukunft werden sich diese der Auseinandersetzung mit dem Klang der Stadt nicht entziehen können, davon ist auch Sam Auinger überzeugt: „Die Städte stehen in einem Konkurrenzkampf, ausgelöst dadurch, dass einige Städte wachsen und andere schrumpfen. In Zukunft wird man sich verstärkt die Frage stellen, was unsere Stadträume unseren Sinnen zu bieten haben.“ Dass die auditive Dimension als Ressource dabei eine immer wichtigere eine Rolle spielen wird, ist naheliegend.

Mehr Hören

Zukunft Stadt: Von Lärmvermeidung bis Akustikdesign
Sounddesigner Sam Auinger hält eine „Sound Lecture“ im Rahmen von „Urbanize!“, dem internationalen Fesitval für urbane Erkundungen: Am 12. Oktober um 19 Uhr, im Radiokulturhaus, Studio 3, in der Argentinierstraße. Anschließend diskutiert Auinger mit Peter Androsch von „Hörstadt“, Uta Graff von der Forschungsgruppe „Auditive Architektur“, und dem Historiker Peter Payer.

Mehr Information unter www.urbanize.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2011)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Klang der Häuser: Soundcheck im Stadtgebiet

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.