Diagonale Graz: Der Kinosaal ist das Ziel

von Klaudia Blasl (Die Presse)

Die Diagonale in Graz zeigte heimische Film-Highlights. Und nebenher diskutierte die Filmbranche, wie künstlerisch anspruchsvolles Kino überhaupt auf die Leinwand kommen könnte.

Mit einem Happy End muss es ja nicht aufhören. Aber zumindest im Kinosaal vor Publikum sollen das Engagement und die Ideen der Independent-Filmer und -Produzenten doch irgendwann enden. Doch: Der Weg zum fertigen Film und auf die Leinwand ist lang, steinig und kostenintensiv. Sinkenden Einnahmen und schrumpfenden Fördermitteln stehen kontinuierlich steigende Ausgaben gegenüber.

Besonders Arthouse-Filme mit mittlerem Budget suchen nach Überlebensstrategien. Beim zweitägigen Branchentreffen 2012 während der Diagonale in Graz wurden einige davon vorgestellt und diskutiert. „Discussing Diversity in Independent Cinema“ war das Motto. Präsentiert wurden nationale und internationale Möglichkeiten der Finanzierung, Förderung und Verwertung von Spiel- und Dokumentarfilmen.

Hochkarätige Referate. Negative Zukunftsprognosen sollten die Stimmung während der Panels und der Impulsgespräche nicht allzu sehr verdunkeln. Vortragende und Publikum gaben sich zwischendurch immer wieder hoffnungsfroh. Allein die Organisatorin dieser für Österreichs Filmbranche einzigartigen Veranstaltung freute sich nur ganz, ganz leise. Wilbirg Brainin-Donnenberg, Psychologin und Soziologin, fungierte heuer bereits zum dritten Mal als kompetente und engagierte „Entwicklungshelferin“ der heimischen Filmindustrie. Mit einem minimalen Teil des Festivalbudgets der Diagonale schuf die Organisatorin ein Maximum an Wachstumsperspektiven für das Fachpublikum, das sich aus knapp 200 Personen zusammensetzte.

„Uns ist wichtig, die brennenden Fragen der Branche in einem konstruktiven Rahmen mit internationalem Input zu thematisieren und eine anregende Plattform für Lösungsmöglichkeiten zu bieten,“ so Brainin-Donnenberg. Das Ziel ist es, Filmschaffende und Produzenten von der Erfahrung und vom Wissen internationaler Gäste profitieren zu lassen.

Der unermüdliche Einsatz der Organisatorin spiegelt sich in der Liste der prominenten Vortragenden wider, die „ehrenamtlich“ Wort und Mikrofon ergriffen. Denn hochkarätige Gäste waren gar nicht so einfach nach Graz zu bekommen. Eine Zusage kam auf ein Vielfaches an Absagen.

Der Kopf ist voller Ideen, die Börse leer – diese Situation ist nicht nur in Österreich eine vertraute. In Israel, einem potenziellen Koproduktionspartner für Österreich, sieht die Situation der „Fiction Films and Documentarys“ noch weniger rosig aus als hierzulande. Gerade mal „zwischen 600.000 und 800.000 Euro beträgt dort das durchschnittliche Filmbudget“, erklärte Marek Rozenbaum, Gründer und CEO von Transfax Productions, im Zuge seiner Case Study. Dagegen wirken die etwa 1,5 Millionen Euro zur Finanzierung mittelgroßer Autorenfilme in Österreich geradezu üppig. Doch wenn diese Mittel fehlen, stehen hier wie dort die Bilder still. Dann rauchen nur noch die Köpfe, die versuchen, die scheinbar verzwickte Unvereinbarkeit von Kunst und Kommerz irgendwie zu entflechten. Doch in den Kinosaal führen letztendlich doch einige Wege und Hintertüren, mittels alternativer Finanzierungs- und Verwertungsstrategien.

Alternative Finanzierungsmodelle. Israel etwa setzt vermehrt auf Koproduktionen mit Frankreich und Deutschland. Und Andrea Ernst vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) wies während der Diskussion über „International Developments of Co-Production Markets“ auf eine bislang eher unübliche Variante hin: „Zuerst TV-Premiere, danach Kinostart.“ Irina Orssich von der EU-Kommission stellte wiederum die neuen EU-Filmfinanzierungsinstrumente vor. Ab 2014 spannt sich über die Bereiche „Medien“ und „Kultur“ das Dachprogramm „Creative Europe“. Weiters wurde auch das Potenzial des Crowd Funding beim Branchentreffen erläutert. „Wir sind in Österreich, da funktioniert das so nicht“, mahnt ein pessimistischer Zwischenrufer. Nicht jeder „Kulturschaffende“ kann sich mit seiner Rolle als „Wirtschaftsbetrieb“ arrangieren.

Revolution im Blut. „Kann Österreich die Qualität seiner Filme überleben?“ lautete auch der Titel des kontrovers-ironischen Impuls-Talks mit François Yon. Der illustre Mitbegründer des Weltvertriebs „Film Distribution“ ist der Ansicht, dass Kommerz und gehobene Klasse durchaus Hand in Hand gehen können und auch sollen. „Die Qualität hat sich verbessert, aber das Business hat sich verändert“, meinte er lakonisch. Die Filmschaffenden müssten schon selbst die Initiative für das Zustandekommen oder auch den Fortbestand ihrer Werke ergreifen. Ginge es dem französischen Arthouse-Film an den finanziellen Kragen, würde die Branche umgehend auf die Barrikaden steigen, so Yon. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob auch den Österreichern Revolutionen im Blut stecken.“

Positives Resümee. Die Resonanz der Fachbesucher auf das, im Übrigen auch als „Green Meeting Austria“ zertifizierte, Branchentreffen, fiel durchgehend positiv aus. „Das Treffen hat meine Erwartungen mehr als erfüllt“, lobt auch Michael Reisecker, Dokumentarfilmer und Produzent. „Es war einfach auch eine tolle Chance, einmal zahlreiche Größen der Branche kontaktieren zu können,“ findet er. Die Case Studies hätten ihn ungemein motiviert, selbst etwas zu bewegen, denn „letztlich haben wir in Österreich eine gute Finanzierungssituation, die es zwar zu verbessern gilt, die man aber prinzipiell nicht schlechtreden darf“.

Das Branchen-Meeting als Projektionsfläche und Problemlösungsplattform der Filmbranche hat sich jedenfalls bewährt. Auch im nächsten Jahr sollen die brennendsten Fragen der Filmwelt während der Diagonale wieder zur Debatte stehen.

Die Filmbranche diskutiert
Branchentreffen-Diagonale
In diesem Jahr widmete sich die Veranstaltung, die von Creativwirtschaft Austria, Part of Evolve, einer Initiative des Wirtschaftsministeriums, unterstützt wurde, dem Thema „Discussing Diversity in Independent Cinema“.
Unter anderem wurden alternative Finanzierungsmodelle vorgestellt, wie etwa Crowd Funding, aber auch neue Filmfinanzierungsinstrumente auf europäischer Ebene, die spätestens ab dem Jahr 2014 auf die Filmschaffenden zukommen könnten.

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