Autos müssen draußenbleiben

Die Idee des autofreien Quartiers ist viel älter als deren Umsetzung. Heute interpretieren einige Wiener Bauprojekte die Vision von strikt Kfz-frei bis fahrradfreundlich.

(c) APA/SCHREINER & KASTLER

Fahrradklingeln statt dröhnender Motoren, Fuß- und Radwege statt Gassen und Straßen. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern auch das Portemonnaie. Und das Geld, das in der Wohnsiedlung mangels der Notwendigkeit zur Errichtung von Parkplätzen eingespart werden kann, wird für gemeinschaftliche Einrichtungen und großzügige Grünräume verwendet. Mehr Platz für spielende Kinder, mehr Sicherheit, mehr Ruhe und mehr Zufriedenheit. Alles in allem ein einfaches Konzept, das sicher Anklang finden wird – dachten sich die Grünen 1992 und brachten im Wiener Gemeinderat erstmals den Antrag ein, in den Stadterweiterungsgebieten autofreie Siedlungen zu konzipieren.

 

Eine Wohnung, ein Stellplatz

Ganz so einfach war es dann doch nicht. Vier Jahre dauerte es zunächst, bis der Wiener Landtag die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffte, indem er beschloss, Ausnahmen von der 1:1-Stellplatzverpflichtung (eine Wohnung, ein Pflichtstellplatz) zuzulassen. Erst weitere sechs Jahre später findet im Frühjahr 2000 die offizielle Eröffnung der ersten österreichischen autofreien Wohnanlage in der Nordmanngasse25–27 statt. „Der Prozess war mühsam. Aber mit dem Anklang haben wir recht behalten“, freut sich Wegbereiter Christoph Chorherr retrospektiv: „Die Wohnzufriedenheit ist extrem hoch, eine aktive Gemeinschaft der Bewohner ist entstanden, die Kinderfreundlichkeit wird sehr geschätzt, und die Liste der Anmeldungen für frei werdende Wohnungen ist so lang, dass ein bis zwei weitere Anlagen leicht mit Interessierten zu füllen wären.“

 

Architektur kann Fahrverhalten lenken

Die Mustersiedlung in Floridsdorf hat tatsächlich Nachahmer gefunden. Auch wenn der Begriff der „Autofreiheit“ in Wien mittlerweile etwas aufgeweicht und durch „autoreduziert“, „optisch autofrei“ oder „fahrradfreundlich“ ersetzt wurde, wie das Beispiel der Bike City in der Vorgartenstraße zeigt. 2008 wurde die erste, speziell für Radfahrer konzipierte Wohnanlage fertiggestellt. Anders als in der Nordmanngasse muss hier niemand einen Mietvertrag unterschreiben, laut dem auf Autos gänzlich zu verzichten ist. Auch gibt es Stellplätze in der Garage und Optionen zum Carsharing.

Aber Radgarage, große Lifte und ein im Bau inkludierter Fahrradreparaturservice führen zu einer klaren Dominanz jener Bewohner, die lieber in die Pedale treten, als das Gaspedal zu drücken. „Konsequente Planung kann die Menschen motivieren, mehr zu Fuß zu gehen und mit dem Rad zu fahren. Bei Anwendung von Maßnahmen, die dies erleichtern und den Autoverkehr reduzieren, sinkt die Zahl der mit Pkw durchgeführten Fahrten substanziell. Zweitautos fallen fast zur Gänze weg“, bemerkt dazu Stefan Walter in seinem letztjährigen TU-Masterprojekt „Potenzialabschätzung für ein autofreies Quartier in Wien“.

Inzwischen wurde in der Leopoldstadt mit der Bike & Swim City bereits das Nachfolgeprojekt fertiggestellt. Wie schon beim „Bike“-Modell richtet sich auch diese Anlage auf dem Gelände des ehemaligen Nordwestbahnhofs speziell an jene, die das Fahrrad dem Auto vorziehen. So stehen 515 Fahrradabstellplätze nur 104 Kfz-Parkplätzen gegenüber. Was an Autostellraum eingespart wurde, konnte in Gemeinschaftseinrichtungen, wie beispielsweise einen großzügigen Spa-Bereich im Dachareal, investiert werden. Extra breit dimensionierte Lifte und Gänge tragen dem Wunsch der Anwohner Rechnung, ihr Rad bis vor die Wohnungstür mitzunehmen. Sauna, Schwimmbad und ein Sonnendeck sollen Erholung vom stressigen Alltag beziehungsweise vom körperlich anstrengenden Radeln bringen.

 

Daheimbleiben soll CO2 sparen

In der Bike & Swim City verteilen sich die 231 geförderten Mietwohnungen auf sieben Obergeschoße und ein zurückversetztes Dachgeschoß mit Galerie. Die Wohnanlage umschließt auf drei Seiten einen gärtnerisch gestalteten Innenhof. Die sogenannten „versunkenen Gärten“ (abgesenkte Vorbereiche) und darüber liegende Salettln (hochgestellte Veranden) grenzen die Wohngebäude zur Vorgartenstraße ab. „Je mehr Freizeit man in der eigenen Anlage verbringt, umso mehr trägt man auch zur Umweltentlastung bei. Das bringt weniger Verkehr, weniger CO2-Ausstoß und eine bessere Nutzung der urbanen Infrastruktur“, erklärt Ewald Kirschner, Generaldirektor des Bauträgers Gesiba, und spricht von einem Beitrag zum „urbanen Fair Living“.

 

Thematisch wohnen

Dass kurz nach Fertigstellung bereits alle Wohnungen der Bike & Swim City vergeben sind, spricht für das von Experten prophezeite Potenzial dieser Art von Themenwohnungen. Wer daran Interesse hat, bekommt schon demnächst eine neue Chance. So entsteht am Grenzverlauf des 13. und 14. Bezirks, an der Ecke Mühlbergstraße/Hofjägerstraße, aktuell eine weitläufige, autofreie Wohnhausanlage mit rund 250 Wohneinheiten, 177 davon sind gefördert.

„Die sanierten Wohngebäude sowie Neubauten befinden sich auf dem ehemaligen parkähnlichen Areal der ,Stadt des Kindes‘ – und somit in absoluter Grünlage. Sie bieten dadurch vor allem Familien mit Kindern ein ideales Wohnumfeld“, wird vonseiten der beiden Bauträger Arwag und Wiener Heim für die Anlage vollmundig geworben. Ab Anfang 2013 ist bei den „Stadt des Kindes“-Projekten mit einem Bezugstermin zu rechnen, die Wohnungen befinden sich bereits in Vergabe.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.wohnservice-wien.at, www.gesiba.at, www.arwag.at, www.mischek.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)

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