Jože Plečnik: Der Architekt und die Idee eines Athen

Unterwegs auf den Spuren von Sloweniens bekanntestem Baukünstler: Jože Plečnik. Der Architekt prägte die Hauptstadt Ljubljana wie kein anderer.

Eine Stadt, geprägt von der Handschrift eines Architekten: Jože Plečnik schuf vieles in Ljubljana, etwa die Arkadenbauten am Fluss.
Eine Stadt, geprägt von der Handschrift eines Architekten: Jože Plečnik schuf vieles in Ljubljana, etwa die Arkadenbauten am Fluss.
Eine Stadt, geprägt von der Handschrift eines Architekten: Jože Plečnik schuf vieles in Ljubljana, etwa die Arkadenbauten am Fluss. – Imago

Er hat hier ganz akribisch aufgeschrieben, wie das Badewasser vorzubereiten ist“, sagt die junge Führerin, auf eine handgeschriebene Liste in Jože Plečniks Badezimmer zeigend, und verweist auf den häufigen Wechsel der Haushälterinnen. Plečnik, der Architekt, dessen Gebäude einem in Ljubljana auf Schritt zu Tritt begegnen, scheint ein Eigenbrötler gewesen zu sein. Dieser Eindruck drängt sich dem Besucher bei der gut einstündigen Führung durch sein Wohnhaus im Süden seiner Geburtsstadt, Ljubljana, auf. Dort hat der unverheiratete Mann bis zu seinem Tod 1957 gelebt.

Brückenbauer

Nichts wurde seitdem verrückt. Auf seinem großen Schreibtisch, von dem aus er den Blick in einen großen Garten schweifen lassen konnte, liegen noch heute Zirkel, Lineal – all das, was er gebraucht hat, um Brücken, Gebäude, Treppen, Plätze sowie die Straßenbeleuchtung zu entwerfen, die zum Wahrzeichen seiner Heimatstadt wurde und bis heute ihr Bild prägt. So wie die Drei Brücken (Tromostovje) über den Fluss Ljubljanica. Da die aus dem 19. Jahrhundert stammende Hauptbrücke zu eng geworden war, schuf er 1929 links und rechts davon jeweils eine Fußgängerbrücke mit steinernen Kugeln, die aus den Geländern sprießen, und oben aufgesetzten milchglasfarbenen Laternen. Doch nicht nur darüber strömen Fußgänger von einer Uferseite zur anderen, sondern auch über die ehemalige Hauptbrücke. Sie ist heutzutage wie die gesamte Innenstadt für den Verkehr gesperrt.

Imago

Grüne Hauptstadt

Ljubljana, Sloweniens Hauptstadt, gibt sich grün und hat dafür 2016 den Titel Umwelthauptstadt Europas oder Grüne Hauptstadt Europas erhalten. Dieser Titel wird jährlich von der Europäischen Kommission an eine Stadt in Europa verliehen, der es gelungen ist, Umweltschutz und wirtschaftliches Wachstum zu verbinden und damit zu einer hervorragenden Lebensqualität ihrer Einwohner beizutragen. Ziel ist es, anderen Städten ein Vorbild zu sein und diese nachhaltig anzuspornen.

In Ljubljana begegnet man diesem Bemühen überall. Hotels werben dafür, besonders grün zu sein: Auf jeder Etage wird dem Gast auf einer Tafel neben dem Aufzug angezeigt, wie viel Energie gespart wird, wenn er statt des Aufzugs die Treppe benutzt. In der gesamten Innenstadt sind Müllinseln mit Recyclingboxen verteilt, denn Ljubljana verfügt über eines der modernsten Recyclingsysteme Europas.

Wer sich auf Plečniks Spuren durch die Stadt begeben möchte, muss dies zu Fuß tun, mit dem Fahrrad fahren oder den kleinen elektrischen Zug durch die Stadt nehmen. Es startet vor dem Rathaus zu einer 50-minütigen Rundtour durch die Innenstadt. Auch wenn Ljubljana mit 280.00 Einwohnern die größte Stadt Sloweniens ist, liegt im Zentrum alles kompakt beieinander, sodass es sich bequem zu Fuß erkunden lässt.

 

Eine der größten Unis Europas

Am besten startet man an der Zmaski most, der Drachenbrücke. Die Jugendstilbrücke wurde 1901 zum 60. Geburtstag des österreichischen Kaisers, Franz Joseph I., errichtet und trägt auf jeder Seite das Stadtwappen von Ljubljana, den Drachen. Dieses Ungeheuer soll einst von Jason getötet worden sein, der griechische Held hat der Legende nach Ljubljana gegründet. Er hat das Goldene Vlies des König Aletes von Mykene geraubt und war auf seiner Flucht bis zur Quelle Ljubljanica vorgedrungen, dem Fluss, der sich durch Ljubljana schlängelt, an dessen Ufer sich heutzutage zahllose Cafés entlangziehen. Dort treffen sich nicht nur Touristen, um sich von ihren Eindrücken zu erholen, sondern auch die Studenten der Stadt.

Rund 60.000 sind an den 22 Fakultäten der Universität inskribiert. Sie ist damit eine der größten Universitäten Mitteleuropas. Wer sich ein Buch ausleihen möchte, der kommt an der National- und Universitätsbibliothek von Plečnik nicht vorbei. Das 1940 fertiggestellte Gebäude mit seiner Fassade aus grauem slowenischen Granit und roten Ziegelsteinen ist mit seinen Dekorelementen charakteristisch für den Stil des Architekten.
Plečnik, 1872 in Ljubljana als jüngstes von drei Kindern eines Tischlers geboren, sollte nach dem Willen des Vaters dessen Handwerksbetriebs übernehmen. Er absolvierte zunächst eine Tischlerausbildung. Da der Vater vorzeitig starb und er noch zu jung war, den Betrieb weiterzuführen, ging er nach Wien. Dort besuchte er die Meisterklasse bei einem der nicht nur damals bedeutendsten österreichischen Architekten, Otto Wagner, und schuf dort zunächst das Zacherlhaus in der Wiener Innenstadt. 1920 holte ihn der tschechoslowakische Staatspräsident, Tomas G. Masaryk, nach Prag, um die Burg umzugestalten.

Ein Jahr später kehrte Plečnik wegen einer Professur in seine Heimatstadt zurück. Er verfolgte den Plan, Ljubljana nach dem Vorbild des antiken Athen zu gestalten, und schuf ein Opus von Schlüsselbauten, die heute noch das mediterrane Flair der Stadt ausmachen.

Fischmarkt unter Kolonnaden

Unweit der Drachenbrücke befinden sich die Markthallen, die Plečnik in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entworfen hat. Sie ziehen sich direkt entlang des Flusses Ljubljanica. Im Untergeschoß gibt es wochentags in den Kolonnaden der Markthalle fangfrischen Fisch, oben vor der Halle verkaufen zahlreiche Imbisse Fischspezialitäten. Gegenüber auf dem Marktplatz, dem Vodnikov trg, stehen Händler und bieten regionale Produkte feil: von frischem Obst und Gemüse bis hin zu eingelegtem Saurem, Käse und Wurst.

Bergbahn zur Burg

Vom Markt aus sind es nur wenige Schritte bis zur Standseilbahn, die hinauf zur Burg von Ljubljana fährt. Im zwölften Jahrhundert erbaut hat Plečnik 1947 einen mehr als 100 m hohen Bau entworfen, der in die Burg integriert Sitz des Parlaments werden sollte. Das Vorhaben wurde nie realisiert. Heutzutage kann der Besucher in der Burg im Zeitraffer die Burg- und Stadtgeschichte in einem virtuellen 20-minütigen Spaziergang erforschen. Viel imposanter jedoch ist bei gutem Wetter die Fernsicht von der Burg. Bis zu den Alpen kann man blicken. Und zu Füßen des Betrachters liegt die kompakte Altstadt mit ihren schönen Bauten. Hier aus der Vogelperspektive lässt sich Plečniks „neues Athen“ in seiner Gesamtheit betrachten und als Idee verstehen. www.slovenia.info, www.visitljubljana.com

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