Der Architektur-Aufreger: Wien Mitte und darunter

Wien hat versäumt Weltstadt zu werden: Architektonisch vor allem auch im Untergrund.

(c) imago stock&people (imago stock&people)

Mehr als einmal muss man wirklich nicht Weltstadt werden. Wien hat das ja schon hinter sich. So infrastruktur-technisch zumindest. Ab 1898 dampften die Stadtbahnen. Und vieles „Weltstädtische“ seit damals auch regelmäßig an Wien vorbei. Wien blieb zwar Weltstadt. Aber halt von einer Welt, wie sie damals war. Die Welt drehte sich weiter. Wien ein bissl weniger. Obwohl: Architektonisch waren die Ambitionen noch halbwegs ablesbar, als Wien 1978 zum zweiten Mal in derselben Disziplin antrat. Nicht Otto Wagner zwar, aber immerhin von der Architektengruppe U-Bahn so klug angelegt war die Architektur der U-Bahn, dass man bis heute die Design-Versatzstücke von damals in die entlegensten Gegenden der Stadt führen lässt. Wo nicht viel sprudelt außer Thermalwasser. Oder Grundwasser für eine Seestadt. Dort, wo die U-Bahn schon vor der eigentlichen Stadt angekommen ist, hat man noch Platz, die Stationen architektonisch auf das, was da kommen mag in Zukunft, vorzubereiten. Und das sind vor allem: viel, viel, viel mehr Menschen. Im Kernnetz dagegen quetscht man das Wien von heute einfach durch das Wien von 1978: durch jene Längen, Breiten und Höhen, die damals in den Stationen adäquat erschienen.

An manche Stationen haben sich noch dazu ganz andere riesige Infrastrukturen drangehängt: Der Hauptbahnhof etwa an die wuzzikleine U1 Station Südtiroler Platz. Alles nicht so schlimm: In richtigen Weltstädten fahren manchmal auch zwei U-Bahnen gleichzeitig ein, die noch dazu aus dem Takt gekommen sind und deshalb noch mal soviel Fahrgäste gleichzeitig auf die Bahnsteige spülen. Stimmt. Nur haben jene Städte eine Nutzungskultur entwickelt, um mit extremen Bedingungen umzugehen. Doch hier fährt die Wiener Mentalität des Jahres 1978 in einer Architektur, die großteils aus den 1970er stammt, durch das Jahr 2018 spazieren. Das muss sich ja irgendwie reiben mit der Wirklichkeit. Ist die U-Bahn an der Kapazitätsgrenze, auch baulich, wie es mutige Experten schon leise angemerkt haben? Nein, nicht, wenn die neuen Linien fertig sind.

Engstellen

Bis dahin können sich die Wiener Linien ja noch üben im Disziplinieren der Fahrgäste, so wie sie ihnen gerade und immer wieder beibringen, kein Kebap zu essen in der U-Bahn oder höflich aufzustehen. Und achtsam zu sein für alles und überhaupt. Für das Geld, dass die pädagogischen Plakatkampagnen kosten, hätte man wahrscheinlich schon längst einen zweiten Aufzug in der meistfrequentierten U-Bahnstation Wiens installieren können, am Stephansplatz.  Künstliche Verknappung, wie es im Konsumgüter-Marketing funktioniert, klappt nicht bei Massen-Verkehrsmittel. Es macht das Angebot auch nicht interessanter. Auch wenn man es wie am Bahnhof Wien Mitte mit nur zwei Fahrkarten-Automaten versucht. Man fährt nicht lieber nach Hollabrunn, weil man gerade nach dem Schlange-Stehen an einem Limited-Edition Automaten noch ein Ticket bekommen hat. Auch nicht, wenn man daneben von einem Wischzettel der ÖBB verhöhnt wird, der dort klebt, wo früher der dritte Automat war: "Immer mehr Menschen kaufen ihre Tickets online....".

Und man geht auch nicht lieber den Abgang zur U4 hinunten, weil für Schuhgröße 41 gerade noch Platz auf den Stufen ist. Hier bei Wien Mitte, sind die Wiener ohnehin dem Schmäh aufgesessen. Bahnhof Wien Mitte? Nur weil hier zwei Ticketautomaten verloren herumstehen, ist es noch kein Bahnhof. Hier wurde nie ein Bahnhof gebaut. Hier wurde das Prinzip Eisberg frech umgedreht. Das was sich eigentlich tief in den Untergrund erstrecken sollte, hat man hinaus in den Wiener Luftraum gestülpt. So riesig, dass die Architektur rundum schon gar nicht atmen kann. Lieber Michael Häupl, können wir bitte den „Rotznstadl“ wieder zurückhaben?

Der gute alte ´Rotznstodl´ Wien MItte (Zitat Michael Häupl)
Der gute alte ´Rotznstodl´ Wien MItte (Zitat Michael Häupl)
Der gute alte ´Rotznstodl´ Wien MItte (Zitat Michael Häupl) – (c) FABRY Clemens


Die Fahrgäste, sie würden auch ein bissl Luft nach oben brauchen. Aber so wie die U-Bahn und die S-Bahnen dort hat man auch die Decken in den Passagen tiefer gelegt. Die Grand Central Station in New York wäre das, was Wien Mitte in Wien wäre. Nur ist der Bahnhof dort auch Bahnhof. Eine gigantische Halle, die die Menschen reibungslos aneinander vorbei choreographiert. In Wien Mitte ist dagegen nur ein kläglicher Promille-Rest des gesamten Komplexes überhaupt dem Verkehr gewidmet. Und auf den wenigen Quadratmetern werden die Menschenmassen statt aneinander vorbei aufeinander zu choreographiert.

Doch trotzdem: Jetzt wo Wien wirklich Weltstadt wird, also rein vom Wachstum her, könnte man es ja noch einmal versuchen. Im Untergrund zumindest. Denn oberhalb der Erde, da wollte es so oder so noch nicht so gut klappen.

 

 

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Der Architektur-Aufreger: Wien Mitte und darunter

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.