Der Architektur-Anreger: Wasser und Marsch

Entlang der Aquädukte: Ein Wasserleitungsweg in Wien Liesing könnte so einiges überbrücken. Sogar den Wachstumsdruck auf die Stadt-Peripherie.

Über drei Aquädukte könnten die Wiener gehen, wenn man sie ließe
Über drei Aquädukte könnten die Wiener gehen, wenn man sie ließe
Über drei Aquädukte könnten die Wiener gehen, wenn man sie ließe – Christian HOUDEK

Wasser ist in Wien weitgehend unsichtbar. Zumindest das klare, das man schluckt, mit dem man Zähne putzt oder Spaghetti kocht. In Erscheinung tritt es meist erst, wenn man es braucht. Und meist auch nur genau dort, wo man es braucht. An der Bassena, am Wasserhahn, am Brunnen, am Hydranten, am Gartenschlauch. Sonst: Versicherungsschaden. Ok, stimmt schon: Luft ist noch ein bissl unsichtbarer als Wasser. Aber selbst Wiener Luft wurde schon in Dosen verpackt gesehen – in Souvenirgeschäften. Die Wasserwege also, nicht die etwas trüberen, in denen Leihräder, Tretboote und Wiener schwimmen, laufen in Wien eher im verborgenen.

Überdeckelt, verrohrt, überplattet, kanalisiert hat man es – und das Wasser selbst ist daran schuld. Denn in den vergangenen Jahrhunderten ist es zu Regenzeiten in Massen ungebremst auf Wien zugelaufen. Der Wienerwald war eben ein schlechter Schwamm, geologisch gesehen, also die Erde, das Gestein darunter. Kam zuviel Wasser von oben, schickte er es gleich Weiter Richtung Stadt. Mit den Überschwemmungen kam gemeinerweise oft auch die Cholera. Kein Wunder, dass Wien zu seinen Nutzgewässern eher Respekt- oder Sicherheitsabstand suchte.

Die wirklich innige Lieber der Wiener zu Wasser, die hat vor allem erst jene Ära eingeleitet, als Wasser auch trinkbar wurde. Und von weither frisch und klar nach Wien einströmte: Über die zwei Wiener Hochquellwasserleitungen. Und plötzlich war es auch nicht mehr ganz so unsichtbar: Mächtige Aquädukte überspannen dort, wo es sein muss, noch die Stadttopographie der Außenbezirke. Seither kann man ganz super mit dem Wiener Wasser auf der ganzen Welt angeben. Und es neben Wein und Melange zum wichtigsten Wiener Getränk hochstilisieren.

Auch an eher bierlaunigen Abenden mit australischen Weltreise-Kollegen in der Jugendherberge seines Vertrauens. Seit das Wasser so beständig und in höchster Qualität nach Wien fließt, wurden ihm schon ein paar Bücher, Gläser, Karaffen gewidmet. Und sogar spektakuläre Brunnen: Wie der Hochstrahlbrunnen am Schwarzenbergplatz, der das macht, was Gestaltung und Architektur manchmal auch ganz gut können: etwas so richtig feiern. In diesem Fall: die Fertigstellung der 1. Wiener Hochquellenwasserleitung im Jahr 1873. 125 Jahre später wurde wieder gefeiert. Und wieder wurde gestaltet: Der erste Wiener Wasserleitungsweg, ein Wanderweg entlang von Abschnitten der I. Wiener Hochquellenwasserleitung, von Kaiserbrunn über das Höllental bis nach Wien. Paradox nur, dass der Weg, der Wiener Wasser zum Thema hat, endet, bevor Wien ein Thema wird.

Und in der Stadt selbst verhindern nur manche bemerkenswerte Infrastruktur-Bauwerke wie etwa auch der Favoritner Wasserturm, dass das Wiener Wasser aus dem Bewusstsein versickert, bevor es dann wieder aus der Leitung in der Küche kommt. Dabei heißt es doch vernünftigerweise aus den eher visionär angelegten Gestaltungsbüros: Der Infrastruktur muss auch architektonisch mehr gehuldigt werden. Da dürfen dann auch Müllverbrennungsanlagen zu Kathedralen werden, die der Lonely Planet-Reiseführer dann als Top-Sehenswürdigkeit listet.

Aber wenn in Wien-Liesing etwa das Wasser der Berge schon so erbaulich auf spektakulären Bauwerken auf Wien einfließt: Dann lasst doch auch die Wiener dem Wasser entlang wandern, schlugen die Grünen in Liesing schon einmal vor. Auf einem Pfad der topographischen Erleuchtung, von dem man seinen Bezirk plötzlich aus ganz neuen Perspektiven betrachtet: von einem Aquädukt etwa mit Blick auf das Liesingtal, das es überbrückt. Ein Blick auf einen Bezirk, der besonders stark unter den Wachstumsschmerzen Wiens stöhnt. In dem sich das Patchwork aus Gewerbe, Industrie, Genossenschaftbauten und etwas noblerem Wienerwald-Rand stark verdichtet. Und in dem dadurch grün eher als Vogerlsalat im Großgrünmarkt übrig bleiben könnte, wenn das Schloss Erlaa nicht doch seinen riesigen Garten für alle öffnet.

Oder der Campingplatz Wien Süd nicht doch dereinst tatsächlich zum Park wird, wie sich viele wünschen. Liesing, ein Konstrukt, in dem die Achsen - jene des Verkehrs besonders ächzen. Während innerstädtisch von Fußgänger-Highways fabuliert wird, ist der Fußgänger in der Peripherie fast noch ein wenig unterprivilegierter. Ok, mehr Bäume, dafür mehr Gewista-Tafeln und Straßenkilometer, die nur auf eines geschaltet haben: auf Durchzug.

Hier in Liesing ist der ideale Ausweg aus der Geh-Tristesse – abgesehen von allen Wienerwald-Pfaden natürlich - schon längst gelegt: Drei ansehnliche Aquädukte überspannen Teile von Liesing. Über sie und vor allem auch dazwischen könnte der Wiener Wasserleitungsweg, der wienerischte aller Wiener Wasserleitungswege, Perchtoldsdorf südlich von Wien mit dem Rosenhügel verbinden, wo ein imposanter Wasserspeicher angelegt wurde. Einer, der sich auch an der Oberfläche architektonisch kunstvoll äußert. Der Wasserleitungsweg könnte über die Untere Aquäduktgasse, über das Aquädukt über die Breitenfurterstraße, über die Rechte Wasserzeile, den Alma König Weg, über das Viadukt Endresstraßeführen – so schlägt es Cordula Höbart vor, sie ist Anwohnerin der Hochquellwasserleitung und auch Klubobfrau der Liesinger Grünen.

Doch so leicht wie einbetonierte Flüsschen – dazu gehörte auch die Liesing, die eines der Aquädukte überbrückt – lässt sich der Umgang mit guten Ideen seitens der Stadtverwaltung nicht renaturalisieren. Wasser findet immer seinen Wege. Gute Ideen verirren sich dagegen gerne im komplexen System von vorgezeichneten Sackgassen. Auf einen Antrag der Grünen Liesing zur „Errichtung eines Wanderweges im Bereich Liesinger Hochquellwasserleitung“ reagierte die zuständige Stadträtin Uli Sima ablehnend. Mit Begründungs-Versatzstücken aus dem 08/15-Begründungskatalog für Vorhaben, Ideen und neuen Zugängen, mit denen man sich eigentlich nicht so richtig auseinandersetzen will. Etwa: Sicherheitsbedenken (Geländer). Verpachtungen (Leitungskanaldämme), Haftung (überhaupt). Aber nichts, was sich nicht technisch oder rechtlich lösen ließe. 2019 soll das Aquädukt von Perchtoldsdorf über das Liesingtal renoviert werden. Eine Möglichkeit, das Bauwerk für eine gefahrlose Begehung gleich zu mit zu adaptieren.

 

 

 

 

 

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