Es wird scharf gegessen – auch wenn Brüssel das nicht will

Sortenvielfalt. Wenn es um die Aufteilung der Pfründe geht, kennen Saatgutproduzenten und Lobbyisten kein Pardon. Wir Gärtner aber auch nicht.

Chilischoten
Chilischoten
Chilischoten – (c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)

Lucius Annaeus Seneca sagt: „Ist der Staat zu verdorben, um ihm noch aufzuhelfen, ist er eine Beute der Schurken, dann wird sich der Weise nicht vergeblich ins Zeug werfen und nutzlos opfern.“ Und verkürzt weiter: „Er wird den nach seiner sicheren Überzeugung ungangbaren Weg nicht einschlagen, so wenig wie er ein leckes Schiff den Wogen anvertrauen würde. [...] Denn was vom Menschen verlangt wird, ist dies, dass er den Mitmenschen nütze, womöglich recht vielen, wo nicht, wenigen, wo nicht, den nächststehenden, und wo auch dies nicht möglich, sich selbst.“ Kein Schelm, der die 2000 Jahre alten Aussagen des Römers, durch das Licht heutiger Tage gefiltert, als durchaus brauchbar betrachtet.

Unlängst saßen wieder einmal die nach Brüssel gesandten Vertreter mehr oder minder verdorbener europäischer Staaten in Beratungsrunden zusammen. Es ging um die Erneuerung der sogenannten Saatgutverordnung. Entschieden wurde noch nichts, denn so etwas dauert in den Brüsseler Hallen, wenn es nicht gerade um Banken geht.

 

Wovor will man uns schützen?

Doch könnte, wenn einmal mehr die bekanntlich ebenfalls zumindest zum Teil von Schurken bevölkerte Industrie anstelle der Volksvertretung das Sagen hat, im Frühjahr beschlossen werden, dass beispielsweise die Samen seltener Gemüsesorten und auch rare Obstsorten nur dann gehandelt und sogar getauscht werden dürfen, wenn ein aufwendiges und selbstredend kostspieliges Zulassungsverfahren das gestattet.

Was dahintersteckt, ist klar: Die zu bestellenden Äcker und Felder werden jetzt von denen, die daran verdienen, fürsorglich abgesteckt. Die eigene Ernte Pecunias soll maximiert, der lästige Schrebergarten von Erhaltern alter Sorten eliminiert werden. Denn wovor will man den viel zitierten „Verbraucher“ eigentlich schützen, um den es schließlich gehen sollte? Vor Ochsenherzparadeisern etwa? Vor altbewährten, doch selten gewordenen knackig-gschmackigen Feldgurkensorten? Vor dem knapp vor dem Aussterben geretteten und für das Sauerkraut idealen Spitzkraut, das sich auf den Äckern der Agrarindustrie nur deshalb nicht hielt, weil seine Form nicht den für Kugeliges konstruierten Erntemaschinen entsprach? Soll ich jetzt die über Jahrzehnte erhaltenen Bohnensorten von der Uroma verwerfen, weil Europa langsam, aber zunehmend vom Schwachsinn regiert wird? Es ist nun der Punkt erreicht, an dem ich öffentlich verkünde, dass ich, wenn dem dereinst so sein sollte, in die Kriminalität abtauchen und alles, was an alten Sortensamen zu ziehen und zu ernten ist, anderen Verbrechern zur Verfügung stellen werde. Wir Gemüsegärtner werden uns zu einer Art Mafia zusammenschließen und damit einen gemeinsamen Weg weitergehen, den wir schon vor langer Zeit eingeschlagen haben. Die Tauschbörse experimentierfreudiger und des Sorteneinheitsbreis müder Gartenmenschen hat gerade in den vergangenen Jahren zunehmend an Beliebtheit gewonnen. Glaubt wirklich jemand in Brüssel, wir ließen uns das jetzt noch wegnehmen?

Niemals. Mit verdeckten Codes würden wir agieren, Samensäckchen würden unter den Tischen die Runde machen. Eingeweihte würden es flüstern hören: Ochsenherzsamen da, Chilitomatensaatgut dort. Und wir würden all die prächtigen alten Sorten weiter ziehen, weiter vermehren, weiterhin über die Zeiten retten.

 

Vor Chili aus dem Senegal?

Auch Brigitte P. wäre, wenn die geplante Saatgutverordnung bereits in Kraft gewesen wäre, als sie mir ganz besondere getrocknete Chilis überreichte, gefährlich knapp am Rande des Kriminals gewandelt. Diese hier hatte sie aus dem Senegal mitgebracht und als die schärfsten je gekosteten gepriesen. Da Chilis ganz einfach zu ziehende Pflanzen sind, setzten wir die Samen ein. Die Pflänzchen gediehen gut und lieferten, so überraschend kleinwüchsig sie auch waren, eine Menge kurzer, laternenförmiger Früchte. Die reiften von Grün zu Gelb und waren so scharf, dass uns vor Vergnügen und Capsaicin die Augen tränten.

 

Vor seltenen Tomatensorten?

Wir verwendeten jeweils nur wenige Millimeter dieser diabolisch-köstlichen Früchte, um damit die berühmten Gemüse-Pickles der Brigitte P. zu schärfen. Die kochten wir unter anderem aus selbst gezogenen Zucchini und Melanzani. Später experimentierte ich mit ebenfalls aus dem Garten geholten raren Physalissorten und anderen künftig eventuell illegalen Gemüse- und Obstsubstanzen weiter. Demnächst kommen noch die nicht ausgereiften, gefährlich seltenen Tomatensorten in die Chutneys.

Seneca sagt: „Mein Vaterland, des bin ich gewiss, ist die Welt, und seine Vorsteher sind die Götter; sie stehen über mir und umgeben mich als Richter meiner Taten und Worte.“

AUS DER GARTENLAUBE

Petition. Wer mehr über die Saatgutverordnung und deren "Perfektionierung" erfahren will, kann auf der Website der Umweltschutzorganisation www.Global2000.at mehr darüber erfahren. Unter www.freievielfalt.at - einer Kampagne von Global gemeinsam mit der Arche Noah - kann eine Petition zum Schutz derselben unterzeichnet werden. Mehr als eine Viertelmillion Menschen haben das bereits getan.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2013)

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