Das babylonische Ringlottenkriecherl

Ob Kriecherl, Ringlotte, Reneklode oder Mirabelle – das ist oft die gar nicht so leichte Frage. Aber wie auch immer die guten Früchte genannt werden, reif sind die jetzt, und das in Massen wie selten zuvor.

Goldgelb mit Bäckchen: die Mirabelle von Nancy.
Goldgelb mit Bäckchen: die Mirabelle von Nancy.
Goldgelb mit Bäckchen: die Mirabelle von Nancy – Ute Woltron

Der Ringlottenbaum hat über Nacht einen Hauptast eingebüßt. Er ist unter der Last der Früchte abgebrochen. Dieser an sich schlichte und den Rest der Welt kaum bewegende Vorgang – ein Ringlottenast bricht ab, na und? – wirft bei genauer Betrachtung viel mehr interessante Fragen auf, als man meinen möchte. Erstens: Warum trägt der Baum heuer zum ersten Mal so schwer, dass er unter seiner eigenen Last zusammenbricht? Antwort: Weil alle Umstände günstig waren.

Dem Baum war durch akkuraten Schnitt über viele Jahre hinweg zu einer luftigen, an allen Aststellen durchsonnten Krone verholfen worden. Das sorgt einerseits für reichlich Blütenknospen und garantiert andererseits, dass die Früchte auch ausreifen können. Zur Blütezeit, die entsprechend berauschend war, herrschte laue Witterung. Die Bienenstöcke des Nachbarn waren dank sorgfältiger Pflege gut über den Winter gekommen, die Imme hatte genug Zeit, in der Frühlingssonne jeder einzelnen Ringlottenblüte volle Aufmerksamkeit zu widmen. Die Spätfröste blieben aus. Nicht so der Regen, der in dieser Gartensaison in nachgerade verschwenderischer Manier für Bodenfeuchte sorgte. Resultat: Die Ringlotten wuchsen und reiften und wurden so fett und schwer, dass der Ast brach.

Der Name der Rose. Die Frage, warum man dem armen Kerl nicht durch Stützen rechtzeitig zu Hilfe eilte, wollen wir hier zerknirscht hintanstellen. Die interessanteste aller Fragen lautet vielmehr: Handelt es sich tatsächlich um einen Ringlottenbaum? Oder doch um ein Kriecherl? Möglicherweise aber auch um das, was die Fachwelt Renekloden nennt? Oder ist es gar ein Mirabellenbaum?

Die babylonische Sprachverwirrung kann aufgelöst werden. Alle zuvor Genannten gehören der Ordnung der Rosengewächse, der Gattung Prunus und der Art der Pflaume Prunus domestica an. Die vielen Zwetschken-, Pflaumen-, Mirabellen- und Reneklodensorten sind engstens miteinander verwandt und verschwägert, sie sind allesamt Unterarten der Pflaume und lassen sich prächtig untereinander kreuzen. Wenn Sie also einen Baum aus einem Kern gezogen haben, ist eine eigene Sorte entstanden. Selbst beim Kreuzen zweier Zwetschkensorten kann das Resultat eine Reneklode sein. Apropos: Der Name Reneklode, gelegentlich auch Reineclaude, hat zwei mögliche Ursprünge. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt er von der alten, bereits im 17. Jahrhundert in Frankreich belegten Bezeichnung „Prunes de la Reine Claude“. Besagte Claudia war Gemahlin des François Ier und damit bis zu ihrem Tod im Jahr 1524 Königin von Frankreich. Eine zweite, weniger wahrscheinliche Möglichkeit ist die Benennung nach dem Pomologen René Claude, der Anfang des 18. Jahrhunderts Obst aller Art erforschte.

Rot, gelb, grün. Von der Reneklode leitet sich die in Österreich gebräuchliche Bezeichnung für Ringlotte ab. Der hierzulande ebenfalls gern verwendete Name Kriecherl stammt wiederum von einer der von Carl von Linné bereits 1753 definierten sieben Pflaumenunterarten, die er Kriechen-Pflaume nannte. Wie aber unterscheiden sich nun die Früchte dieser munteren Familie untereinander? Ganz einfach: Zwetschken und Pflaumen sind fast immer blau, oval oder rund. Renekloden sind immer rund, und es gibt sie in allen Farben von Rot, Gelb bis Grün. Mirabellen sind ebenfalls stets rund, aber immer gelb. Doch Achtung: Gelbe Kriecherln müssen noch lang keine Mirabellen sein! Der kulinarische Unterschied ist zwar wie stets Geschmackssache, doch darf angemerkt werden, dass Sorten wie die uralte Mirabellen von Nancy dem ordinären Kriecherl aromatisch doch um einiges überlegen sind. Die Nancy-Mirabelle ist definitiv eine Klasse für sich. So also die Auflösung der babylonischen Sprachverwirrung in Sachen Prunus.

Was mir bisher allerdings niemand erklären konnte, ist die Sinnhaftigkeit der göttlichen Willkür, den babylonischen Türmebauern die gemeinsame Sprache zu nehmen. Was wäre denn dabei gewesen, sie geeint zu lassen? Das Erste Buch Mose beschreibt die Fundamente allen Übels: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.“

Doch der Herrgott war dagegen: „Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ Um Gottes willen! Angesichts der Geschichte, angesichts der Welt von heute: War das wirklich notwendig?

Lexikon

Prunus domestica.
Ob Zwetschke, Kriecherl oder Mirabelle – alle gehören derselben Art, Prunus domestica, an und sind engstens miteinander verwandt. Neben den bekannten Sorten gibt es regional zahllose Untersorten.

Zwetschke.
Die möglicherweise empfehlenswerteste, weil schmackhafte und alljährlich reich tragende Zwetschkensorte ist die Ersinger Frühzwetschke. Sie ist unvergleichlich: groß, süß, früh reif.

Mirabelle.
Wenn schon Kriecherl, dann am besten Mirabelle. Die seit dem 15. Jahrhundert belegte französische Sorte trägt goldgelbe runde Früchte mit rot überhauchten Bäckchen und ist an Aroma unübertroffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2014)

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