Erst nach der Sophie

Viele Gemüsepflanzen wie Tomaten oder Gurken vertragen selbst Temperaturen unter zehn Grad Celsius schlecht, auch wenn man ihnen das mitunter auf den ersten Blick nicht ansieht.

Welche Temperatur ein Gemüse mag, ist sehr unterschiedlich.
Welche Temperatur ein Gemüse mag, ist sehr unterschiedlich.
Welche Temperatur ein Gemüse mag, ist sehr unterschiedlich. – (c) Ute Woltron

Die Bauernregel zum heutigen Tag, dem zweiten der gefürchteten Eisheiligen, lautet: „Wenn's an Pankratius gefriert, so wird im Garten viel ruiniert.“ Leider ist die Binsenweisheit, wie wir Gartenmenschen wissen, erfahrungsgemäß wahr. Der lästige Kälteschock, der sich im Mai nach den ersten warmen Wachstumsphasen fast immer über die Gärten senkt, muss unbedingt abgewartet werden, bevor empfindlichere Pflanzen ins Freie übersiedeln.

Doch die Ungeduld ist eine der größten Untugenden des Gärtners, und deshalb sah man in der vergangenen Woche bei abstürzenden Temperaturen allerorten Leute mit Anzuchtkistchen, halbwüchsigen Paradeiserpflanzen und überwinterten Kübelpflanzen in die schützenden Wohnungen zurückeilen. Die Gespräche kreisten meist um Kälteschutzvliese und Wärmelampen für Glashäuser, und der Diskussionen über die Temperaturverträglichkeit diverser Gemüsepflanzen schien kein Ende. Optimismus ist zwar gut, doch Vorsicht ist noch besser.

Denn alles ist hinlänglich erforscht, so etwa, dass jede Pflanze ihr eigenes ideales Temperaturspektrum hat, in dem sie gedeiht, wächst, Blüten treibt, in dem die Bestäubung problemlos funktioniert und in dem sie ihre Früchte ausreifen lassen kann. Im Falle von Paradeiserpflanzen beispielsweise kommt es unter 13 Grad Celsius nur unvollständig zur Befruchtung, da die Kälte dem Pollen abträglich ist. Das Resultat sind kernlose, unansehnliche Früchte mit harter Schale.

Auch wenn ein kurzfristiger Temperaturabfall von den Tomaten recht gut vertragen wird, so werden sie doch geschädigt, wenn die Temperatur für längere Phasen unter 15, schlimmstenfalls unter zehn Grad sinkt. Die Idealtemperatur für die Südamerikanerinnen liegt bei 18 bis 25 Grad. Sind sie jedoch einmal nachhaltig verkühlt, so erholen sie sich nicht mehr vollständig, sie werden krankheitsanfälliger, als Paradeiserpflanzen ohnehin schon sind, und auch der Ertrag lässt zu wünschen übrig.

Gurkenpflanzen, vor allem die Schlangengurken, sind gar noch empfindlicher. Unter zwölf Grad stellen sie ihr Wachstum ein, und müssen sie noch niedrigere Temperaturen erdulden, sind die Pflanzen oft bis in ihre Wurzeln verkühlt und erholen sich nicht mehr. In solchen Fällen ist es besser, gleich neue Pflanzen zu ziehen oder zu kaufen. Eine etwaige Wachstumsdifferenz gleichen gesunde, in der Wärme gedeihende Pflanzen locker aus. Der Sommer kommt ja erst, und er dauert hoffentlich lang.

Paprika und Chili wiederum wachsen sehr langsam heran, und auch sie wollen auf keinen Fall zu früh in die Kälte gebracht werden. Schon bei Temperaturen unter 15,5 Grad werden sie, wie die Tomaten, nicht mehr ausreichend bestäubt, was wohl oft der Grund dafür ist, dass man sich zwar über fesche, scheinbar gesunde Pflanzen freut, doch trotz reicher Blüte vergebens auf die Früchte wartet.

Apropos Blüten: Kürbisse, Zucchini und Gurken, die bekanntlich männliche und weibliche Blüten an einer Pflanze entwickeln, haben die eigenartige Angewohnheit, bei unangenehm niedrigen Temperaturen nur noch männliche Blüten zu treiben. Insbesondere Gurken sind bis in ihre empfindlichen Wurzeln so kältescheu, dass sie an warmen Sommertagen sogar von zu kaltem Gießwasser geschockt und geschädigt werden. Diese Erfahrung dürfte so mancher Glashausgärtner bereits verinnerlicht haben, der seine Gurken an Hitzetagen erfrischen wollte. Der Kälteschock verstört die Gurkenwurzeln im Ernstfall so sehr, dass sie kein Wasser mehr aufnehmen können und die Pflanzen verwelken.

Auch manche Kräuter wie das Basilikum sind ausgewiesene Wärmeliebhaberinnen. Unter 14 Grad stellt das Königskraut sein Wachstum ein und zeigt sich beleidigt, auch, was das Aroma seiner köstlichen Blätter anbelangt. Dieser Duft braucht Sonne und Wärme, um sich in ausreichendem Maß zu entwickeln. Zuletzt noch zu den Stangen- und Buschbohnen: Sie keimen am besten, wenn die Bodentemperatur zumindest zehn Grad hat. Deshalb lautet eine weitere ungeschriebene Bauernregel: Lege Bohnen erst ab Mitte Mai, es sei denn, es handelt sich um Feuerbohnen, denn diese sind deutlich widerstandsfähiger.

Kurzum: Robustes wie Feldsalat, Kohlrabi, Karotten, Radieschen und dergleichen mehr kann im Gegensatz zu den Exoten jetzt ohne Zaudern angebaut oder ausgepflanzt werden. Für die oben genannten Empfindlichen gilt jedoch: „Pflanze nie vor der kalten Sophie.“ Sie hat ihren Tag am 15. Mai.

Lexikon

Tomaten. Auch wenn diese Pflanzen Kältephasen scheinbar recht gut überstehen, so lässt der Ertrag der Tomaten später dann doch zu wünschen übrig. Die Ursache dieses Effekts: Bei Temperaturen unter 13 Grad erfolgt kaum mehr eine Befruchtung.

Gurken. Neben den extrem kälteempfindlichen Melonen sind auch Gurken schnell geschädigt, und das leider dauerhaft. Geschockte Pflanzen am besten entsorgen und mit neuen glücklich werden.

Bohnen. Sie wachsen ohnehin so schnell, dass man sich mit der Aussaat im Freien nicht beeilen muss. Bei Bodentemperaturen ab zehn Grad, also ab etwa Mitte Mai, kommen die Bohnenkerne dann endlich in die Erde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2019)

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