Wo Schatten, da Licht: Warum in Berlin mehr Nachtigallen brüten

Wenn der Mensch die Natur nicht übermäßig zähmt, erholt sich auch die Fauna schnell, wie das Beispiel der Berliner Nachtigall weniger anschaulich als akustisch unter Beweis stellt.

Die Nachtigall: In Berlins verwilderten Parks findet sie ideale Bedingungen vor.
Die Nachtigall: In Berlins verwilderten Parks findet sie ideale Bedingungen vor.
Die Nachtigall: In Berlins verwilderten Parks findet sie ideale Bedingungen vor. – (c) Dikky Oesin/Pixabay.com

Seit einigen Jahren bemerken schlaflose Berliner, dass die Frühsommernächte in ihrer schönen Stadt immer lauter werden. Vor allem nach Mitternacht geht es draußen zu wie in einem Open-Air-Opernhaus. Es wird gesungen, was viele kleine Kehlen hergeben. In den dunkelsten Stunden der kurzen Nächte, zwischen zwei und vier Uhr früh, sind in den Alleen und Parks Berlins die Nachtigallweibchen unterwegs. Die Damen selbst halten sich nicht mit Singen auf, sie sind vielmehr auf Männersuche. Der Gesang kommt von den gefiederten Herren. Die haben ihre Reviere bereits im Frühjahr abgesteckt, sie warten jetzt auf eine Dame und machen durch virtuoses Gezwitscher, Trillern und Flöten auf sich aufmerksam.

An die 260 Strophen, jeweils zwei bis vier Sekunden lang und kunstvoll miteinander kombiniert, beherrscht ein geübter Sänger. Die Weibchen sind still, dafür wählerisch. Sie flattern kapriziös mehrere Reviere ab, bevor ein Nachtigallerich an ihnen Gefallen findet. Sind die beiden einmal verpaart, darf er dann durchschlafen. Ab nun singt er hauptsächlich in der Morgendämmerung und unter Tags, beruhigt und sieht zu, dass damit das Reviermarkieren nicht ganz vernachlässigt wird.

1300 bis 1700 Paare. Warum in Berlin mehr Nachtigallen brüten als in jeder anderen europäischen Hauptstadt, nämlich geschätzte 1300 bis 1700 Paare, erklärt sich, davon gehen die Vogelkundler aus, aus der wirtschaftlichen Situation der schuldengeplagten Metropole und aus den Brutgepflogenheiten der Zugvögel. In Berlin muss mächtig gespart werden, und die alte Weisheit, wo Schatten, da Licht, bewahrheitet sich wieder einmal. Viele Grünanlagen und Parks befinden sich aufgrund der Sparmaßnahmen in einem für Vögel, Insekten und andere Tiere wunderbar wilden Zustand.

Den Nachtigallen behagt er offenbar außerordentlich. Die Bodenbrüter finden unter den eben nicht penibel kahlrasierten, einladend dichten Hecken genau die Nistbedingungen, die ihnen entgegenkommen. Sie finden auch ausreichend Nahrung in Form von Spinnen und Insekten, um etwa fünf Küken pro Nest großzuziehen. Erst wird zwei Wochen gebrütet, dann etwa elf Tage gefüttert – und eine neue Nachtigallgeneration ist unterwegs.

Bevor die Vögel im Herbst wieder Richtung Afrika ziehen, fressen sie sich zudem an Beeren satt, um für die lange Reise gerüstet zu sein. Das Gleiche gilt für den kleinen Fitis, das Rotkehlchen und den Zilpzalp, wobei Letzterer nicht ganz so weit fliegt. Er überwintert im Mittelmeerraum. Unter den bodenbrütenden Singvögeln, die lokal überwintern, profitieren unter anderem der Zaunkönig und die Goldammer von der zumindest zonenweise herrlich in Ruhe gelassenen Natur.

Wir, die wir in einer an ökologischen Hiobsbotschaften leider zurecht überfrachteten Zeit das Ende der Welt nahen fühlen, in der das Insektensterben, der Untergang der Schmetterlinge und Bienen und die Verpestung der Weltmeere endlich breit thematisiert werden, sollten eines auf keinen Fall tun: An der Situation verzweifeln. Die Natur ist stark. Sie kann sich recht schnell erholen, wenn wir menschlichen Raubmörder sie zumindest zonenweise möglichst in Ruhe lassen.

Ein Beispiel: An der spanischen Küste wurde vor einigen Jahren ein Pilotprojekt gestartet, um herauszufinden, wie sich ein grausam leer gefischtes Areal entwickelt, wenn es denn eine Zeit lang sich selbst überlassen bleibt. Eine Meeresbiologin von Greenpeace hat wöchentlich mehrere Tauchgänge durch die kartografierte, der Fischerei entzogenen Unterwasserwelt, unternommen. Sie zählte und notierte alles an Leben, das sie vorfand. Anfangs gab es hier außer viel zu vielen Seeigeln, die mangels natürlicher Feinde alles kurz und klein raspelten, nichts. Eine Unterwasserwüste. Doch innerhalb weniger Jahre erholte sich das Biotop, und das erfreulicher- und überraschenderweise wesentlich schneller als erhofft.

Die Fische kehrten zurück, der Seeigelbestand reduzierte sich, der Bestand an Unterwasserpflanzen erholte sich. In ufernahen Unterwassergärten wiederum leben die Jungfische, bevor sie groß genug sind, um die Weltmeere zu erobern. Auch größere Fische gesellten sich wieder dazu, denn mit dem Pflanzenwachstum stieg das Nahrungsangebot. Kurzum, bereits nach wenigen Jahren menschlicher Absenz war alles wieder gut und im Gleichgewicht.

Das mag nun einerseits traurig stimmen, denn es zeigt, wie räuberisch die Spezies Mensch auf diesem herrlichen Planeten wütet. Andererseits liegt hier die Hoffnung begraben. Nicht alles ist verloren, man muss die Sache nur in Angriff nehmen, und zwar jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Lexikon

Nachtigall. Das nur sperlinggroße Vögelchen ist unscheinbar, doch berühmt aufgrund seines kunstvollen Gesanges, der ihm auch den Namen verleiht. Gal bedeutet auf Althochdeutsch Gesang. Sie ist also der Nachtsänger.

Brutpflege. Das Weibchen ist für den Nestbau zuständig, doch die Brut wird von beiden Vögeln gemeinsam großgezogen. Auch nachdem die Jungen das Nest verlassen haben, kümmern sich die Eltern noch etwa zwei Wochen um die Jungvögel.

Vorkommen. In Österreich kann man dem Nachtigallgesang vor allem im Gebiet um den Neusiedlersee, insbesondere im Nationalpark Seewinkel, ihrem wichtigsten Siedlungsgebiet, andächtig lauschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2019)

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