Die Knochen der Erde

Steine sind kein Ärgernis, sie können vielmehr eine Zierde des Gartens sein.

Ein Schweinehund in Steinform.
Ein Schweinehund in Steinform.
Ein Schweinehund in Steinform. – (c) Ute Woltron

Als Bewohner des Steinfelds im südlichen Niederösterreich ist man, was die Krume anlangt, Kummer gewöhnt. Jedes Loch, das zum Zwecke des Setzens eines Gewächses ab der Größe einer Zwergrose gegraben werden muss, gerät spätestens in fünf, höchstens zehn Zentimetern Tiefe zur Herausforderung, weil man auf bis zu metergroße Brocken Konglomerat stößt. Ohne Krampen geht hier gar nichts, und das Schärfen der Spaten ist eine geläufige Übung der hiesigen Gärtnerschaft.

Früher waren in dieser Gegend die Feld- und Grundgrenzen von Steinwällen gekennzeichnet – über Generationen von Bäuerinnen aus den Äckern geklaubt und an den Rand geschlichtet. Heute ist man sehr dem Thema des Steingartens zugeneigt, damit irgendetwas in dieser Schotterhalde blüht und gedeiht, wobei das Anlegen gar nicht so einfach ist, will man nicht den Rest seines Lebens damit verbringen, Unkraut zwischen Steinfugen herauszukitzeln.

Möglicherweise haben wir Steinfeldbewohner deshalb ein besonderes Verhältnis zu Gestein aller Art, was sich im Fall der berüchtigten Steinsammlerin Susi T. folgendermaßen manifestiert: Sie verfügt nicht nur über den hier üblichen steinigen Garten. Sie importiert noch dazu Steine in allen Größen, Farben und Formen. Wohin auch immer die Ferienzeit sie führt, sie stürzt sich mit Ausrufen des Entzückens auf Steinbrocken aller Art, rafft sie an sich und deponiert sie in ihrem Urlaubszimmer, um sie später in Richtung Auto und Heimat zu schleppen.

Zu Hause schichtet sie die Knochen der Erde zu dekorativen Findlingshäufen, beschwert damit Zeitungen und vom Wind bedrohte Blumentöpfe und erfreut sich an ihrem zeitlosen Anblick. Neulich fanden wir gemeinsam ein besonders interessantes Steinexemplar, das, aus der richtigen Perspektive betrachtet, links einem Eber, rechts einem Hund gleicht. Wer diesen Schweinehund bekommt, müssen wir erst ausknobeln, die Heimreise tritt er jedenfalls mit Sicherheit an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2019)

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