Nur nicht verzweifeln

Angriff ist die beste Verteidigung, lautet die Devise in den verdorrten Gärten dieser Tage. Wir sorgen für Schatten, fangen Regenwasser ein und kümmern uns um das leidende Stadtgrün.

Selbst Trockenheitskünstlerinnen wie die Lichtnelke leiden.
Selbst Trockenheitskünstlerinnen wie die Lichtnelke leiden.
Selbst Trockenheitskünstlerinnen wie die Lichtnelke leiden. – (c) Ute Woltron

Letztens traf ich die Nachbarin in ihrem vormals prächtigen Garten. Über uns strahlte die Sonne am makellos blauen Himmel. Rund um uns raschelte fahles Laub im Wüstenwind. Als wir über das Areal schlichen, knisterte es unter unseren Füßen, und wir hatten das Gefühl, kleine Staubfahnen hinter uns herzuziehen. Wir sagten lange nichts.

Ich gebe den Garten auf, sprach die Nachbarin schließlich in ihrer apodiktischen Art, ich kann nicht mehr. Seit Wochen ringe sie mit Schläuchen und Beregnungsgeräten. Umsonst.

Hitze und Dürre seien unbesiegbar, Regen nicht in Sicht, jeder Weg durch den Garten dauere ewig, weil sie sich, den Schlauch in der Hand, von einer verdurstenden Pflanze zur anderen schleppe. Stundenlang, bis zur Dämmerung, auch wenn sie eigentlich nur Schnittlauch für das Mittagessen holen wollte. Der Nachbar seinerseits hält sich derzeit vorwiegend in der Kühle seines Kellers auf. Er schleudert den Honig und ist im Gegensatz zu seiner Frau bester Laune. Die Imme hat mächtig eingetragen. Rekordernte. Auch tut die Hitze den Paradeisern gut, und selbst wenn die Gurkenpflanzen im Glashaus schlapp machen, kommen sie in der Nacht doch immer wieder auf.

Prophylaxe in Planung. Ich für meinen Teil habe ebenfalls noch nicht aufgegeben, plane jedoch für die kommenden Jahre diverse prophylaktische Maßnahmen gegen Hitze und Dürre. Wieder einmal, denn auch ich kann keinen Gartenschlauch mehr sehen. Selbst die robustesten Pflanzen kommen derzeit kaum über die Runden – wie auch, nach wochenlangen Temperaturen jenseits der 30 Grad und keinen nennenswerten Niederschlägen. Die Regentonnen beispielsweise sind längst leer geschöpft, es müssen also viel mehr von ihnen her. Nach dem Prinzip der Vorratshaltung und der kommunizierenden Gefäße wird künftig jeder Sommerregentropfen, der auf das Dach fällt, eingefangen und sorgfältig in die Zisternen geleitet, und zumindest ein Teil des Gartens kann auf diese Weise bewässert werden. Die Farne und Topfpflanzen mögen Regenwasser ohnehin lieber als das sehr kalkhaltige Hochquellwasser.

Für den Gemüsegarten trage ich mich mit einer, wie ich finde, weiteren bestechenden Idee, und möglicherweise befindet sich unter Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, jemand, der einen ähnlichen Geistesblitz bereits früher hatte und über etwaige Erfolge berichten kann: Ich werde versuchen, ihn in wohltuenden Halb-, eigentlich Viertelschatten zu tauchen, und zwar indem ich ihn zumindest teilweise mit einem Hagelnetz überspanne. Die Beete liegen südwestseitig, und ich stelle mir vor, dass die Pflanzen unter dem feinen Gespinst immer genug Licht bekommen, doch nicht von der alles ausdörrenden Sonne niedergestreckt werden.

Über die ideale Befestigung der Netze grüble ich noch, doch wird die Montage in probater Höhe für halbwegs handwerklich Versierte kein gröberes Problem darstellen. Die Netze selbst sind preiswert und als Meterware erhältlich. Ein ähnliches Prinzip, angewandt über dem vollsonnigen, und Mittags praktisch nicht mehr zu betretenden Hof, hat sich in den vergangenen Jahren bestens bewährt. Dort sorgen in luftiger Höhe gespannte Sonnensegel und, das Beste, Tarnnetze für lauschige Laubwaldatmosphäre.

Letztere haben den Vorteil, dass sie auch von kräftigem Wind nicht weggerissen werden, weil die Luft durch die groben Maschen streicht. Es gibt die Tarnnetze in verschiedenen Farben, von militärgrün über wüstensandgelb bis zu schneeweiß. Eine Montage zahlt sich übrigens auch für die Städter unter Ihnen aus. Strategisch klug über Terrassen und Balkonen gespannt beschatten sie gegebenenfalls auch Südfenster und halten die Wohnung als extravaganter außenliegender Sonnenschutz kühl.

Man kann von Krise sprechen. Kurzum, wenn selbst Trockenheitskünstlerinnen wie Lichtnelken verdorren, wenn der Wollige Schneeball verröchelt und sogar die Dirndlsträucher ihre Früchte in schierer Verzweiflung vor Durst abwerfen, kann man durchaus von einer Krisensituation sprechen. Bleibt die Hoffnung, dass die Stadtgärtner sich mit Tankwagen um die noch weitaus ärmeren Stadtbäume und Sträucher kümmern, für manche Birke der Umgebung ist es dafür bereits zu spät.

Diverse Naturschutzorganisationen Deutschlands haben die Zivilgesellschaft bereits dazu aufgerufen, dem Stadtgrün wo auch immer möglich zu helfen. Wenn vor Ihrer Haustüre also Sträucher und Bäume dürsten und Sie die Möglichkeit haben, ihnen einen kühlen Schluck zukommen zu lassen, dann tun Sie es doch bitte.

Lexikon

Hagelnetze. Nicht zu verwechseln mit den wesentlich dichteren und recht hässlichen Schattier- und Sichtschutznetzen. Zu bekommen im Fachhandel mitsamt Spannern, Klemmen, Ankern und allem, was man sonst noch für die Montage benötigt.

Regenwasser. Jeder Spengler montiert Ihnen im Handumdrehen eine Regenklappe an das Fallrohr der Dachrinne. Ein Fässchen darunterstellen, wenn es übergeht, wird die Klappe zugemacht.

Tarnnetze. Vorsicht, es gibt unterschiedlichste Qualitäten, Formate und Größen. Die besten Netze sind jene mit gut verarbeiteten Montageschlingen an den Rändern, andere sind unbrauchbar.


[PNAOF]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2019)

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