Schlangen mit Runzeln

Eigentlich sollte der Garten gerade Freude machen, insbesondere die heurige Gurkenernte ist knackig und reichlich. Doch angesichts des Weltgeschehens kann einem der Appetit an allem vergehen.

Manche Gurken sind rundlich, andere – wie diese – haben stachelartige Auswüchse.
Manche Gurken sind rundlich, andere – wie diese – haben stachelartige Auswüchse.
Manche Gurken sind rundlich, andere – wie diese – haben stachelartige Auswüchse. – (c) Ute Woltron

Angesichts der Bilder und Nachrichten, die uns dieser Tage aus Amazonien erreichen, fällt es nicht leicht, unbefangen über die Freuden des eigenen Gartendschungels zu schreiben. Angesichts verbrannter Tiere, vernichteter Urwaldriesen und der Anzahl der Brandherde verschlägt es selbst abgebrühten Naturen den Atem.

Seit Jahren hat man davor gewarnt, die Welt hat zugeschaut, doch Brasilien ist weit weg – und erst nach und nach sickert es auch in unsere Köpfe, dass das, was sich derzeit im Regenwald abspielt, ein die gesamte Welt betreffendes Ereignis ist.

Die Bilder der Vernichtung vor Augen schleicht man durch den Garten, versucht es loszuwerden. Vielleicht hilft es, die schwere Ernte von den Tomatenstauden zu pflücken und einzukochen, denn heuer ist zumindest ein recht gutes Paradeiserjahr. Den Kürbispflanzen hingegen war der Mai zu kalt und zu verregnet, im Gegensatz zu den Gurken schwächeln sie, die Ausbeute ist enttäuschend. Drei Pflanzen, vier Kürbisse. Niederlage.

Wieder in Mode. Doch man kann nicht jedes Jahr alles haben. Irgendetwas schwächelt immer. Irgendetwas gedeiht dafür. Heuer zum Beispiel die Gurken. Die gute alte Feldgurke etwa, eine Zeit lang aus der Mode, doch jetzt zum Glück zurückgekommen, trägt, dass es eine Freude ist, und eigentlich schmeckt sie auch besser als die meisten moderneren Züchtungen. Das wahre Gurkenparadies tut sich jedoch im wilden Nordosten Wiens auf, und zwar in den Glashäusern der Spezialgärtnerei Bach.

Die Gurkenzone dort wirkt wie ein Experimentierfeld für Science-Fiction-Ausstatter. Kein Witz. Man wandelt im grünen Dämmerlicht der über Schnüre in luftigen Höhen gezogenen Pflanzen und sieht allerorten die wildesten Früchte herabbaumeln.

Die einen sind rundlich, die anderen haben stachelartige Auswüchse auf der Schale, eine der aufregendsten ist länglich, runzelig und hellgrün wie ein Grasfrosch. Wenn sie reift, färbt sie sich vom Ende her gelb. Es gibt offenbar Gurkensorten und -arten ohne Ende, und einige davon sind so bizarr, dass sie allein wegen ihres Aussehens gezogen werden.

Spendable Pflanze. Apropos: Die normale Salat- und Einlegegurke ist, zumindest für uns Hobbygärtner, eine sehr spendable Gemüsepflanze, wenn sie einen warmen, sonnig- bis halbschattigen Standort hat, an dem die Temperatur auch in der Nacht nicht zu sehr abfällt, und sie stets gut mit Gießwasser und Nährstoffen versorgt wird.

Außerdem will sie in die Höhe klettern, weshalb ihre Ranken eine Kletterhilfe brauchen. Dafür eignen sich gespannte Seile oder Drähte, einfache Gerüste und Gitter. Ein geschützter Standort an einer Mauer oder im Glashaus ist ideal.

Wärme und Feuchtigkeit. Die erwähnten Zutaten sind ausschlaggebend: Gurken lieben die Wärme und einen gleichmäßig feucht gehaltenen Boden. Trocknet dieser etwa in der Blütephase aus, werden die Blüten unter Umständen abgeworfen und die Ernte stockt. Allerdings nur vorübergehend, denn Gurken sind ergiebige Lieferanten von Früchten sonder Zahl. Sie produzieren den gesamten Sommer über so viele Gurken, dass man gut daran tut, die Pflanzen regelmäßig abzupflücken. Mangelnde Wärme und zu wenig Wasser sind auch das Geheimnis, das hinter bitteren Gurkenenden steckt. Haben es die Pflanzen stets warm und feucht, wird es keine bittere Überraschung geben.

Eine Pflanze, die so schnell wächst und so viel produziert, braucht naturgemäß viele Nährstoffe. Achten Sie beim Düngen aber unbedingt darauf, dass kein oder nur sehr wenig mineralischer Dünger mit hohem Stickstoffgehalt eingebracht wird.

Gurken werden leicht mastig, das heißt, sie schießen enorm ins Kraut, und man denkt, man habe eine Superpflanze gesetzt. Doch dieses stickstoffbeförderte Blatt- und Sprosswachstum begünstigt den Befall mit Mehltau und Spinnmilben – die großen Gurkenschädlinge, die man unbedingt verhindern muss.

Der Wald ist die Welt. Für Pflanzen, Tiere, Menschen ist und bleibt der gefährlichste aller Schädlinge der Mensch selbst. Für die indigenen Volksgruppen der Yanomami Brasiliens und Venezuelas ist der Wald die Welt. Sie ist bevölkert von winzigen Geistern, genannt Xapiripë, doch die können nur wenige sehen, und nur sehr wenige können mit ihnen auch kommunizieren. Den Wald und den Boden, in den er seine Wurzeln streckt, verstehen die Yanomami als einziges großes Lebewesen, womit sie viel länger wussten, was neue Forschungen bestätigen. Was sie jedoch auch immer schon wussten: Der Mensch darf dem Wald niemals Gewalt antun.

Lexikon

Gurke. Cucumis sativus, die wahrscheinlich aus Indien stammende Gurke, ist von allen Kürbisgewächsen zwar das kälteverträglichste, doch lieber hat sie es gleichmäßig warm.
Unreif. Der Name der Gurke leitet sich vom mittelgriechischen águros ab, was so viel bedeutet wie grün und unreif. Tatsächlich essen wir die noch nicht reifen Früchte, bevor sie sich gelb färben und nicht mehr schmackhaft sind.
Sorten. Es gibt unzählige Salat- und Einlegegurkensorten in vielen Größen, Formen und auch mit erheblichen Geschmacksunterschieden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2019)

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