Mut zur Wildnis allerorten

Der neue Biodiversitätsrat warnt nicht nur vor Folgen des Artensterbens, sondern zeigt auch Lösungen.

Auch Hobbygärtner können etwas für die Biodiversität tun.
Auch Hobbygärtner können etwas für die Biodiversität tun.
Auch Hobbygärtner können etwas für die Biodiversität tun. – (c) Ute Woltron

Im November 1972 sagte ein Vertreter der Mohawk in einer Rede an der Harvard-Universität: „Der Tag wird kommen, an dem Präsident Nixon und die anderen Führer der Welt erkennen werden, dass sie, wenn sie den letzten Fisch gefangen, den letzten Baum gefällt haben, all das Geld, das sie auf der Bank horten, nicht essen können.“ 1894 war der heute als einer der einprägsamsten Slogans des Umweltschutzes in die Geschichte eingegangene Satz bereits in ähnlicher Form in einem kritischen Bericht der Fisch- und Wildkommission von North Dakota zu lesen gewesen.

Zahllose Präsidenten und Führer dieser Welt haben seither gewechselt, dennoch sind viele Tier- und Pflanzenarten für immer verschwunden. Es kann überhaupt nicht laut genug darüber geklagt werden. In salopper Abwandlung des Slogans lässt sich feststellen: Erst wenn unsere Nahrung auf den Feldern verdorrt, erst wenn die Weltmeere verdreckt und fast leer gefischt sind, vor allem aber, wenn die Temperaturen in unseren Städten ins Unerträgliche steigen und unser aller Fehlverhalten nicht mehr nur Tiere und Pflanzen betrifft, sondern uns Menschen selbst, kommt diese Botschaft so richtig an.

So ist denn der Klimawandel zu einem zentralen Wahlkampfthema geworden. Doch da man sich auf die Häuptlinge der Politik nur bedingt verlassen kann, wurde vergangene Woche ein Biodiversitätsrat präsentiert, der nicht nur vor den Folgen des Artensterbens warnt, sondern auch Lösungen aufzeigt. Wissenschaftlerinnen und Experten verschiedenster Fachbereiche haben sich zusammengeschlossen, um als engmaschiges Netzwerk dem Artensterben den Kampf anzusagen. Die Politikwissenschaftlerin Alice Vadrot, Universität Wien: „Wissenschaftlich ist bei vielen Problemen klar, welche Schritte gesetzt werden müssen – doch diese Erkenntnisse der Biodiversitätsforschung sind in der Gesellschaft und der Politik noch nicht angekommen.“

Um jeden von Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, in Ihrem Bemühen in Sachen Artenschutz zu unterstützen, hat Ihre Gartenkralle beim Biodiversitätsrat nachgefragt, was wir als Zivilgesellschaft aktiv dazu beitragen können. Sollten auch Bürgermeisterinnen und Bürgermeister unter Ihnen sein, umso besser. Denn die von Ihnen verwalteten Flächen können Goldes wert sein für die Erhaltung einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen.

Extensiv gepflegte, meistenteils in Ruhe gelassene Freiflächen wie Weg- und Straßenränder, Wiesen, Parkflächen, Feldraine, Uferstreifen sind die Oasen der Insektenwelt. Gemäht wird nur zum richtigen Zeitpunkt, siehe www.mahdkalender.at, und vorzugsweise mit dem nicht alles niedermetzelnden Balkenmäher. Einheimischen Baum- und Straucharten ist der Vorzug zu geben.

Wir Gartenpfleger sollten zur Gänze auf chemisch-synthetische Pestizide und Fungizide verzichten und, so Irmgard Greilhuber, Universität Wien, dem „Mut zur Wildnis“ zum Durchbruch verhelfen. Schon ein paar Quadratmeter Wiese bringen den Garten zum Summen. Abgeschnittenes Astwerk und anderes Totholz, an versteckter Stelle liegen gelassen, ist besser als jedes Insektenhotel und gibt Kleinsäugern und anderen Tieren Lebensraum. Trockenmauern aus Steinen und fachgerecht angefertigte und befestigte Nistkästen sind ebenfalls empfehlenswert. Die Gartenbeleuchtung sollte entweder insektenfreundlicher Natur oder lieber abgeschaltet sein.

Laut Zustandsbericht 2019 des globalen Biodiversitätsrats IPBES ist rund eine Million Arten weltweit vom Aussterben bedroht. Beängstigend dabei auch die Geschwindigkeit des Artensterbens in Österreich. „Wenn sich nichts ändert, werden viele Arten sowie wichtige Ökosysteme in den nächsten Jahrzehnten verschwunden sein“, so der Ökologe und Biodiversitätsforscher Franz Essl, Universität Wien.

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Wider das Artensterben

23 namhafte Expertinnen aus mehr als 15 Institutionen haben sich zu einem fächerübergreifenden Biodiversitätsrat zusammengeschlossen, um dem Artensterben entgegenzutreten und die Konsequenzen des dramatischen Artenrückgangs zu verdeutlichen. Gefordert wird auch eine bessere Dotierung der Biodiversitätsforschung sowie ein nationales Forschungsprogramm zum Arten- und Biodiversitätsschutz.

Infos unter www.biodiversityaustria.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2019)

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