Architekten: Wo der Wille, oft kein Weg

Architekten formen die Stadt. Genauso wie Regeln, Normen und Paragrafen. Das zeigt derzeit das Architekturzentrum Wien.

Erfahrung. Oft entscheiden Haftungsfragen die Ausformung: Holz wird rutschig, wenn es nass ist.
Erfahrung. Oft entscheiden Haftungsfragen die Ausformung: Holz wird rutschig, wenn es nass ist.
Erfahrung. Oft entscheiden Haftungsfragen die Ausformung: Holz wird rutschig, wenn es nass ist. – (c) Beigestellt

Der menschliche Wille, der biegt so einiges. Doch noch einmal so eisern wie dieser können die Regeln sein, an denen er scheitert. Städte wie Wien lassen sich nicht nur in architekturgeschichtlichen Epochen lesen, sondern auch in Paragrafen: Länge, Breite, Höhe, Gewicht, Material, vieles in den Entwürfen der Architekten ist seltener gewünscht, als gefordert. Oder: verordnet. Von oberster Stelle. Geformt hat die Stadt so einiges: Geschichte, Mentalität, Baukultur, Weltanschauungen, Religion, Armut, Reichtum, sozialer Wandel, ökonomischer Druck. Oder auch einfach nur der Kaiser. Beim Bau der Wiener Ringstraße hat Franz Joseph das ziemlich deutlich ausgedrückt: Mit „Es ist mein Wille“ hat Wien begonnen, Metropole zu sein. Und die Spuren der ausgesprochenen Machtworte hallen noch heute im Muster des Wiener Stadtplans nach. Genauso wie der monarchische Verordnungsgestus nachzuschwingen scheint: zwischen den Zeilen der Paragrafen, die heute regeln, dass Wien so aussieht, wie es heute aussieht.

Andere Welt. Ein Spielplatz, der heute undenkbar wäre: jener von der WIG 74 im Kurpark Oberlaa.
Andere Welt. Ein Spielplatz, der heute undenkbar wäre: jener von der WIG 74 im Kurpark Oberlaa.
Andere Welt. Ein Spielplatz, der heute undenkbar wäre: jener von der WIG 74 im Kurpark Oberlaa. – (c) Beigestellt

Über all dem Geregelten und Normierten steht natürlich noch ein größerer Wille: jener, dass es allen, die da zwischen und in den Häusern leben, spielen, parken und arbeiten, auch möglichst gut geht. Dass die Kinder, wenn sie fallen, auch weich fallen. Dass die Feuerwehr, wenn’s brennt, nicht zwischen zwei Kastanienbäumen stecken bleibt. Dass jene, die im neu ausgebauten Dachgeschoß in die Ferne schauen, auch im Erdgeschoß eine Perspektive haben: um ihr Auto zu parken. Dafür starren dann eben die Fußgänger auf Garagentore statt in die Schaufenster von Geschäften. Auch so ein Nachhall: Die Reichsgaragenordnung aus dem Jahr 1939 zeichnet Wiens Erdgeschoßzone noch immer mit.

Regeln behüten die Menschen ebenso davor, dass sie neben Schmutz und Lärm frühmorgens auch noch den Duft von frischen Semmeln abbekommen. Spätestens bei solchen Beispielen kippt der gute Wille gern ins Absurde. Und vor allem in die gestalterische Gleichförmigkeit. Eine implizite Herausforderung an Architekten, in waghalsigen „Workarounds“ den höheren Willen doch noch zu ihren gestalterischen Gunsten zu biegen.

Tirana. Dort entstehen manche Häuser, die nicht allzu vielen Regeln folgen. Außer dem ­Denkmalschutz.
Tirana. Dort entstehen manche Häuser, die nicht allzu vielen Regeln folgen. Außer dem ­Denkmalschutz.
Tirana. Dort entstehen manche Häuser, die nicht allzu vielen Regeln folgen. Außer dem ­Denkmalschutz. – (c) Beigestellt

Dickicht. Im Projektalltag der Architekten trifft gern Elastisches auf Rigides: Gedanken auf Vorgaben. So gerät bei allem Recht und bei aller Ordnung auch etwas anderes als das Bauen zur Kunst: etwa, sich elastisch durch die Paragrafen zu lavieren. „Ich habe mich extra für die Vorbereitung der Ausstellung in einen Ziviltechnikerkurs gesetzt“, erzählt Karoline Mayer, die gemeinsam mit Martina Frühwirt und Katharina Ritter die Ausstellung „Form folgt Paragraf“ im Architekturzentrum Wien (AzW) kuratiert hat. Beim Spezialkurs „Ausnützbarkeit“ hat Mayer gelernt, wie Investorenwunsch und Paragrafenwille gemeinsam im Wiener Villenviertel ausufern können, in Form von Erkern und Gaupen. In tief gehenden Recherchen haben die Kuratorinnen für die Besucher eine bislang weitgehend unerschlossene Logik dechiffriert: Warum Bäume manchmal erst weit über der Erde anfangen zu wachsen. Oder warum bei neuen Wohnhäusern gleich neben der Sandkiste auch Wipptiere wohnen, aber selten mehr als eines. Die Ausstellung führt treppauf, treppab in die Höhen und Tiefen von internationalen Stiegenstandards genauso wie in die aufschlussreichen Details des Brandschutzes. Am Weg entzaubert die Schau nebenbei ein paar Mythen, die auch Architekten gern repetieren, wie arg ihnen nicht die Hände und Entwurfsideen gebunden seien.
„Form folgt Paragraf“ zeigt nicht nur, wie Regeln die gebaute Umwelt ausformen, sondern auch, was daran schuld ist: Oft waren es gesellschaftliche Entwicklungen, oft geschichtliche Ereignisse. „Der verheerende Brand im Wiener Ringtheater war ein solches“, erklärt Kuratorin Katharina Ritter. „Heute haben wir in Österreich Brandschutzbestimmungen, die zu den strengsten der Welt zählen.“

Öffentlicher Raum. Auch so manche Plätze in Wien überspannt ein Netz von Paragrafen.
Öffentlicher Raum. Auch so manche Plätze in Wien überspannt ein Netz von Paragrafen.
Öffentlicher Raum. Auch so manche Plätze in Wien überspannt ein Netz von Paragrafen. – (c) Beigestellt

Der Paragrafendschungel wurde dichter als der Stadtdschungel. Als Hausverstand, kurze Kommunikationswege und Tradition plötzlich nicht mehr genügten, die Stadt auszuverhandeln. Spekulation, Migration, hygienische Verhältnisse: Wien musste schließlich ab der Gründerzeit verordnen, wo ein Fenster hinmuss und wie hoch die Räume sein sollen. „Inzwischen aber“, sagt Kuratorin Katharina Ritter, „ist die Wiener Bauordnung von 30 Paragrafen auf 140 angewachsen“.

Tipp

„Form folgt Paragraf“. Ausstellung im Architekturzentrum Wien (AzW), kuratiert von Martina Frühwirt, Karoline Mayer, Katharina Ritter. Bis 4. April 2018, www.azw.at

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