Urban Sketching: Entschleunigte Eindrücke

Stadt, Stadtraum und Architektur – „aufgezeichnet“ mit den Augen der Illustratoren.

Urban Sketching. Sandra Biskup skizziert eine Szene auf der Mariahilfer Straße.
Urban Sketching. Sandra Biskup skizziert eine Szene auf der Mariahilfer Straße.
Urban Sketching. Sandra Biskup skizziert eine Szene auf der Mariahilfer Straße. – (c) Beigestellt

So weit wie früher die Käfersammler und Universalgenies à la Humboldt muss man heute gar nicht mehr gehen. Zum Forschen genügt oft ein Blick aus dem Fenster. Oder auch ein Spaziergang durch die Stadt. Da werden auch Straßen, die man schon hundertmal gegangen ist, plötzlich wieder zur Terra incognita. Vor allem mit dem Entschleunigungsfilter vor dem Wahrnehmungsapparat. Gerade Illustratoren kalibrieren ihn – werkzeugbedingt – gerne auf analoge Datenverarbeitung.

Mit Hand und Zeichenstift lieber Eindrücke sammeln als Käfer und Daten: Die Zeichner stellen dabei auf ganz andere Dinge scharf als der aktuelle Weltvermesser Google. Nicht nur darauf, was sie sehen, sondern auch darauf, wie sie es sehen: die Stadt, ihre Räume, ihre Formen und Strukturen. Und natürlich all die Menschen, die zwischen all den künstlich geschaffenen Formen und Strukturen nun mal sind, sich bewegen und verhalten. Künstlerische „Streetview“ als Gegenperspektive zu den Blickwinkeln der digitalen Durchdringung. So dürfen Stadt- und Architekturansichten auch gerne richtige „Ansichten“ mittransportieren. Auf jeden Fall eines: die Unschärfe des Gefühls.

In der Architekturdarstellung hat die Emotion ja ohnehin kaum noch Platz. Oder zumindest nur auf Seiten derer, die die Architektur irgendwann in Form von Immobilien kaufen sollen. Ansonsten laufen die Computerprozessoren heiß, rendern und generieren Wirklichkeiten, denen die gebaute Wirklichkeit kaum mehr gerecht werden kann. Ein bisschen aquarellige Verwässerung oder subjektive Verfeinerung per Fineliner kann da der Architekturdarstellung schon guttun.

Weitwinkel. Gerlinde Schweiger lässt sich vom Theseustempel beeindrucken.
Weitwinkel. Gerlinde Schweiger lässt sich vom Theseustempel beeindrucken.
Weitwinkel. Gerlinde Schweiger lässt sich vom Theseustempel beeindrucken. – (c) Beigestellt

Urban Sketchers. Bei Sandra Biskup, Illustratorin und Grafikdesignerin aus Wien, dürfen Erinnerungen und Eindrücke auch mal farbflächig verschwimmen. Zumindest nachdem sie ihren Blick auf die Welt mit Fineliner schwarz auf weiß konturiert hat. Von Reisen wie jener auf die Azoren bringt sie, wie sie sagt, viel lieber einen vollen Skizzenblock nach Hause als eine volle Speicherkarte in der Kamera. Denn in all den Zeichnungen, von Landschaften, Tausendfüßlern und Weinbouteillen, seien die viel wichtigeren Informationen verschlüsselt: die Gefühle. So ist ein gezeichnetes Reisetagebuch auch ihr Gefühlstagebuch.

Auch in Städten wie Wien, durchdringt Biskup gerne das visuelle Dickicht aus Gebautem und Gewachsenem am liebsten mit Skizzenblock und Zeichenstift. Sie ist Teil der Kerngruppe der „Urban Sketchers Vienna“, auch Gerlinde Schweiger und Ida Räther gehören dazu. Eine Community, die sich regelmäßig trifft, ein Netzwerk aus Augen-Offen-Haltern, Aufmerksamkeits-Zuspitzern und künstlerisch motivierten Stadtentschleunigern. „Urban Sketchers“ sind Stadtforscher mit dem Zeichenstift. Forschungsgegenstand: alles. Der Bus, der einen zur Arbeit bringt, genauso wie die Sehenswürdigkeiten der Stadt, die man schon hunderfach gleich gesehen hat aber durch den subjektiven Zeichenstift einer Illustratorin noch nie. Bei den Treffen der „Urban Sketchers“ tauscht man sich aus: über Zeichner-Herzensangelegenheiten, Stifte und Papier. Und dann: Fokus auf die Stadt. Auf das Gebaute und das, was zwischen der Architektur passiert. „Man öffnet die Sinne beim Zeichnen“, sagt Sandra Biskup. Und das auf der ganzen Welt: „Überall gibt es inzwischen Communities und Treffen von Urban Sketchers“.

Die Zuschauer des Neujahrskonzerts im Fernsehen durften in diesem Jahr nicht nur den Philharmonikern auf die Finger schauen, sondern auch Sandra Biskup beim Zeichnen: Sie durfte mit ihrer Hand herhalten, als der Pausenfilm entlang der Bauwerke führte, die Otto Wagner im Stadtbild hinterlassen hat. Und von der sich in der „Story“ eine Kunststudentin skizzenhaft selbst ein Bild machte.

Filzstift. Der Schweizer Ingo Giezendanner legt zeichnerisch urbane Codes frei.
Filzstift. Der Schweizer Ingo Giezendanner legt zeichnerisch urbane Codes frei.
Filzstift. Der Schweizer Ingo Giezendanner legt zeichnerisch urbane Codes frei. – (c) Beigestellt

Erstmal durch die visuelle Dichte der Stadt tauchen und dann ein paar Zwischenschichten aus dem Gesamtbild schälen: So verfährt auch der Schweizer Künstler Ingo Giezendanner. Seit Jahren drückt er in den verschiedensten Städten seine ganz persönliche Aufnahmetaste im Kopf. Für das, was visuell auf ihn so einprasselt. Daraus entstand über die Jahre eine Vielzahl von „Urban Recordings“, so heißt auch eines seiner Bücher. Sein aktuelles Buch, erschienen im Schweizer Nieves Verlag, trägt den Titel „Bücherwald“. Giezendanners Aufnahmegerät: ein Filzstift. Und mit ihm verknüpft der Künstler die analoge Sicht auf die gebaute, urbane Umwelt mit dem Pixeluniversum des Internets.

Auf der Plattform grrrr.net entschlüsselt Giezendanner in einer Art digitalem Atlas auf künstlerische Weise die urbanen Codes von Mitteleuropa bis in den Orient, macht Zeichenebenen sichtbar, die sonst gerne im visuellen Gesamtrauschen untertauchen. „Ich erkunde gerne Städte“, sagt Giezendanner, „das Zeichnen ist eine wunderbare Möglichkeit, Teil des Ortes zu werden“. Und werde noch dazu „viel weniger invasiv empfunden als das Fotografieren“. 

Ausstellung Architekturzeichnung

Blickwinkel. Präzise Instrumente braucht der Architekt. Und manchmal auch ein paar unpräzisere: Wie den Zeichenstift, den er selbst mit der Hand führt. So kommen auch ganz große Ideen auf die Welt. Manchmal sogar auf Servietten und das muss nicht einmal ein Mythos sein. Das Skizzenbuch, das kann auch das visuelle Notizbuch des Architekten sein. Und das Zeichnen, es ist noch immer auf vielen Fakultäten Pflichtteil der Architekturausbildung. „Dabei gibt es künstlerisch begabtere Studenten und welche, die das Zeichnen erlernen müssen wie ein Musikinstrument“, erzählt Christine Hohenbüchler vom Institu für Kunst und Gestaltung an der TU Wien. Sie leitet die Lehrveranstaltung „Zeichnen und visuelle Gestaltung“ für Studierende der InlineBild (d3ff2b55)Architektur. Jedenfalls sei die Zeichnung ein „Kommunikationsmittel“. Und in den vielen Jahrhunderten vor den ersten Computerrenderings durfte es manchmal auch mehr abbilden als nur Architektur: architekturtheoretische Ansichten etwa. Oder auch gesellschaftliche, politische und kulturelle Kontexte. All das zeichnet sich auch in den Architekturdarstellungen ab, die die Wiener Albertina zigtausendfach in ihren Archiven hortet, in ihrer Architektursammlung. Ein Schatz, den derzeit eine Ausstellung vorübergehend in einer Auswahl zutage fördert. Noch bis 25. Februar können Besucher „Meisterwerke der Architekturzeichnung“ in der Albertina begutachten. Darunter Skizzen, Studien und Darstellungen von Gian Lorenzo Bernini, Gottfried Semper, Theophil Hansen, Adolf Loos oder Otto Wagner. Aber auch Zeichnungen mit architektonischem Inhalt sind darunter. Wie Panoramen oder Veduten von Canaletto bis Franz Alt. Im thematischen Schwerpunkt des ersten Teils der Ausstellung (der zweite folgt im September) stehen u. a. die Darstellungsarten der Architekturzeichnung.

Die Ausstellung „Meisterwerke der Architekturzeichnung“ läuft noch bis 25. Februar in der Albertina.

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