Lebensmöbel

Das Bücherregal: der tollste Seismograph des Lebens.

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Regalbetreuer. Die gibt’s nur in Supermärkten. Die kümmern sich darum, dass die Regale schön voll sind oder zumindest schön voll wirken. Dass die Wurst, die am ehesten abläuft, auch ganz vorn liegt. Zuhause ist man selbst der Regalbetreuer. Und im Gegensatz zum Supermarkt ist es eine ganz wunderbare Aufgabe. Auch weil die Beziehung zum Regal meist eine ganz andere ist. Eine lange Zeit der Anbahnung ging da meist voraus. Denn man wusste instinktiv: Das ist womöglich für immer. Das erste Bestücken – die schönste aller Aufgaben. Die kleinen Entscheidungen, welche Bücher liegen, stehen oder schief lehnen dürfen. Die großen Entscheidungen, ob Ordnung zulässig ist. Und dann noch schwieriger: Welche überhaupt? Doch nicht etwa die alphabetische? Die schönste aller Beziehungsphasen mit dem Regal, sie geht meist nach einem Nachmittag zu Ende.

Wenn das Regal voll ist. Mit Büchern, Zeug und Leerstellen. Schön, wenn man es von Zeit zu Zeit wieder löschen könnte wie einen Computerscreen. Um es inhaltich und ästhetisch neu „aufzustellen". Doch eigentlich auch nicht: Denn das Regal ist auch das analoge Display der Lebensphasen, die sich darauf abzeichnen: Die Studentenjahre – ganz deutlich. Die Jahre danach: auch ganz deutlich. Weil sie nicht vorkommen. Die nahe Vergangenheit liegt irgendwo zwischen Cloud und Büroschreibtisch. Und dann plötzlich: deutliche Spuren einer Veränderung. Bücher, die so hoch sind wie Bildbände, aber dünn wie Magazine. Das müssen die Bilderbücher sein. Das Bücherregal: der tollste Seismograph des Lebens.

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