Achille Castiglioni: Designer und Deuter

Achille Castiglioni interpretierte die Codes der Gestaltung in seiner Zeit völlig neu. Heuer wäre er 100 Jahre alt geworden.

Achille Castiglioni. Der Designer ­wäre am 16. Februar 100 geworden.
Achille Castiglioni. Der Designer ­wäre am 16. Februar 100 geworden.
Achille Castiglioni. Der Designer ­wäre am 16. Februar 100 geworden. – (c) Archiv Alessi Giuseppe Pino

Für solch große Begriffe wie „italienisches Design“ wäre ein Vater allein wohl nicht genug. Deshalb gibt es einige, die so apostrophiert werden. Und doch nur wenige, die im Design-Patriarchat auch als „Übervater“ gelten. Achille Castiglioni, auch gern mit dem Attribut „Altmeister“ versehen, gehört dazu. Und wirklich jung wäre er tatsächlich nicht mehr, hätte er den 16.  Februar erlebt: seinen 100. Geburtstag. Ohne Zweifel gehört Castiglioni zu den größten Design-Persönlichkeiten des 20.  Jahrhunderts. Bis zu seinem Tod im Jahr 2002 hat er eine ganze Reihe von Ikonen entworfen, die sich längst vom 20.  Jahrhundert oder – noch spezifischer – von der Dekade ihrer Entstehung gelöst haben und dafür in jenes mysteriöse Form-Zeit-Kontinuum eingetaucht sind, das in der Gestaltungswelt schnurstracks in die Unendlichkeit führt.

Von unten. Die Ästhetik der Deckenleuchte auf dem Boden: „Taccia“.
Von unten. Die Ästhetik der Deckenleuchte auf dem Boden: „Taccia“.
Von unten. Die Ästhetik der Deckenleuchte auf dem Boden: „Taccia“. – (c) Beigestellt


Lichtgestalter. Zu Castiglionis Design­methoden, die ihn berühmt und seine Entwürfe unverwechselbar gemacht haben, gehörte mit Sicherheit das Auf-den-Kopf-Stellen: Am liebsten verdrehte er dabei stereotyp eingelernte Codes und Bedeutungen, mit denen Gestalter gern arbeiten. Mit der Leuchte „Taccia“ etwa brachte er die Deckenleuchte auf die andere Seite des Raums, auf den Boden. Inzwischen bestrahlt sie natürlich mit aktualisierter LED-Technologie von dort den Raum. Der Hersteller Flos, der die Leuchte seit 1962 produziert, gehört zu jenen, die Castiglionis Designverständnis und -vermächtnis nicht nur in die Gegenwart getragen, sondern auch als solide Säulen für die Zukunft in ihre Kollektion eingereiht haben. Auch bei der Mutter aller Bogenleuchten, der „Arco“ mit Marmorgegengewicht, war der Designer und Architekt bemüht, die tradierten Zeichen neu zu deuten: Wie ein Straßenbeleuchtungskörper ragt die Leuchte in die Dreidimensionalität des Wohnraums hinein. Und seit den frühen 1960er-Jahren ebenso in das kollektive Bild zeitlos eleganter Wohnkonzepte.

Neuauflage. Das Besteck „Dry“ von Alessi stammt aus dem Jahr 1982.
Neuauflage. Das Besteck „Dry“ von Alessi stammt aus dem Jahr 1982.
Neuauflage. Das Besteck „Dry“ von Alessi stammt aus dem Jahr 1982. – (c) Alessandro Milani

Schon in den 1950er-Jahren hatte Casti­glioni gemeinsam mit dem Büro seiner Brüder Livio und Pier Giacomo versucht, die Dinge neu zu denken. Auch Geräte des Alltags wie der Staubsauger waren darunter. Das Modell „Spalter“ etwa entwickelte er entlang der Idee, „den Staubsauger vom Boden zu lösen“. Mit einem Ledergurt, mit dem sich das Gerät leicht schultern ließ, gelang ihm das. Auch beim Hocker „Mezzadro“ überbrückte Achille Castiglioni spielerisch Welten, die vor dem Kunstgriff des Designers kaum in Zusammenhang gebracht wurden: Der Traktorsitz stammt ursprünglich aus dem Jahr 1957, der Hersteller Zanotta hat ihn noch heute in der Kollektion. Die Liste der Museen, die das Stück in ihre Sammlung aufgenommen haben, reicht vom MoMa in New York bis zum Vitra-Design-Museum.

Tischkultur. Auch mit dem Hersteller Alessi verband Castiglioni ein intensiver Ideenaustausch. Denn auch kleinere „Pro­blemfelder“, wie der räumlich doch überschaubare gedeckte Tisch, weckten seine Aufmerksamkeit und seine Kreativität. Alberto Alessi hat das ungefähr so in Erinnerung: „Für Castiglioni mussten Objekte stets zwei essenzielle Bedingungen erfüllen. Es sollten kluge funktionale Innovationen sein. Und dabei doch den Geschmack des Publikums treffen.“ Also im Fall von Besteck: gern auch glänzende Metalloberflächen. Das erste Resultat der Zusammenarbeit war Anfang der 1980er-Jahre das Besteck „Dry“. Dieser Entwurf wird nun vom Hersteller anlässlich des 100. Geburtstages des Designers in einer neuen Ausführung aufgelegt.

Traktorsitz. Einen Fixplatz in den Designmuseen hat „Mezzadro“.
Traktorsitz. Einen Fixplatz in den Designmuseen hat „Mezzadro“.
Traktorsitz. Einen Fixplatz in den Designmuseen hat „Mezzadro“. – (c) Beigestellt

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