Neon: Das Licht mit den runden Ecken

Im Hinterhof in Wien Margareten biegt die Manufaktur von Philipp Knoll das Licht: zu Konturen, Figuren und Buchstaben, die sich ins Stadtbild schreiben – mit Neon.

Neue Generation. Philipp Knoll führt den Traditionsbetrieb Neon Kunze in der Wiener Wehrgasse.
Neue Generation. Philipp Knoll führt den Traditionsbetrieb Neon Kunze in der Wiener Wehrgasse.
Neue Generation. Philipp Knoll führt den Traditionsbetrieb Neon Kunze in der Wiener Wehrgasse. – (c) die Presse (Carolina Frank)

Maisgelb, Froschgrün, Meerblau. Egal, in welcher Farbe die Buchstaben schließlich leuchten. Am Anfang – bevor sie sich überhaupt noch zu Schriftzeichen geformt haben – sind sie fast alle gleich. Das heißt: aus Glas und ziemlich weiß. Wie der Staub, der in den dünne Röhrchen auf der Oberfläche haftet und dem Licht schließlich vorschreibt, in welcher Farbe es leuchten soll. „Fast wie ein Farbfilter funktioniert das", sagt Philipp Knoll, der mit seiner Manufaktur und Mitarbeitern Lichtlinien aus Neon ins Stadtbild schreibt. Der Inhalt der Dose, aus der der Staub kommt, entscheidet, wie das Licht wirkt. Doch zunächst müssen sich die Glaskanäle erst mal biegen. Unter der Hitze des Feuers und erfahrenen Handgriffen. Den der ganze leuchtende Wortschatz, er beginnt als Rohr, aus Glas, ganz gerade. Und eben: weiß eingestaubt.

Der Stoff, aus dem die Wörter werden – die Akronyme, die Firmenlogos, die Unternehmensnamen, die Figuren, die Kunstinstallationen –, ist maximal drei Meter lang. Wie das längste Glasrohr. „Dann muss gestückelt werden", sagt Knoll. Um neonleuchtende Zeichen zu setzen in der Licht- und Stadtlandschaft, für Cafés, Geschäfte und überall dort, wo man auch ästhetisch etwas unterstreichen will. Dass man überhaupt da ist – im Gerangel der Werbebotschaften um Aufmerksamkeit. Oder auch, dass man sich ästhetisch in eine besondere Richtung orientiert, in der Typographie auch mal mit Neon-Leuchtstift dreidimensional nachgezogen werden darf. So entlädt sich, abgesehen von Neon, auch die Stimmung, die durch die Gestaltung der Gegenwart gerade schwingt: dass in Technologien von gestern auch noch heutige Qualitäten stecken können, vor allem ästhetische. Wie wenn man lieber Gas leuchten lässt als LED-Dioden.

Abhängen. Auch eine Kunstinstallation muss sich in der Werkstatt erst mal einleuchten.
Abhängen. Auch eine Kunstinstallation muss sich in der Werkstatt erst mal einleuchten.
Abhängen. Auch eine Kunstinstallation muss sich in der Werkstatt erst mal einleuchten. – (c) die Presse (Carolina Frank)

Feuerstellen. In der Wehrgasse, einer Seitengasse der Margaretenstraße im fünften Bezirk, bleiben im Hinterhof im Winter die Heizkörper kalt. Denn die Glaskörper biegen sich dort ohnehin unter enormer Hitze. Punktgenau, dort, wo etwa die Neon-Buchstaben zum Schwung ansetzen. Die Manufaktur ist hier schon länger zuhause, als es die Neon-Buchstaben gibt: Neon Kunze heißt das Unternehmen zwar heute. Aber begonnen hat man als Schildermacher, erzählt Philipp Knoll, „und auch heute machen wir noch Lichtwerbung und Beschilderung". Die „Gasentladungslampen" sind heute eher nur mehr Randerscheinung, in den Firmenbüchern. Aber zumindest eine, die Gestalter, Künstler, Jungcafetiers und Architekten gern wieder in die Mitte der Aufmerksamkeit rücken. Und auch ins Zentrum der Überlegungen, welches Licht Botschaft und Ästhetik am nachdrücklichsten formt. Auch wenn es ganz banale Mitteilungen sind: wie die Uhrzeit etwa – auch die Linien der Zeiger der Uhr am Wiener Westbahnhof hat Neon Kunze mit Neonröhren nachgezogen. Genauso wie etliche Leuchtbotschaften, die mitsamt ihren früheren Überbringern längst aus dem Stadtbild wieder verschwunden sind.

„Da waren einige lange und komplizierte Bankennamen dabei, die es längst nicht mehr gibt", erinnert sich Silvester Schlenz. Seit 1986 biegt er die Röhren bei Neon-Kunze und hat seitdem die Stadt fleißig mitbeschriftet. Doch statt Unternehmen, die sich aus dem Stadtraum ins Onlinegeschäft zurückziehen, poppen Cafés und Geschäfte auf, die ihren Namen gut lesbar in die Abenddämmerung oder in den trüben Herbsttag schreiben wollen.

Heisse Hände. Die Glasröhren der Neon-Buchstaben werden unter Hitze gebogen und geformt.
Heisse Hände. Die Glasröhren der Neon-Buchstaben werden unter Hitze gebogen und geformt.
Heisse Hände. Die Glasröhren der Neon-Buchstaben werden unter Hitze gebogen und geformt. – (c) die Presse (Carolina Frank)

Runde Ecken. Und das beginnt mit einer Vorlage: im Maßstab eins zu eins, geplottet oder gezeichnet auf Papier. Die Linien zeichnen den Weg vor, den Silvester Schlenz mit geübten Handgriffen gehen muss, um Zeichen zu formen, die sich später füllen – mit Gas und Bedeutung. „Ich kann fast alles auf Papier zeichnen", sagt Knoll, „nur scharfe Kanten, das geht nicht". Denn diese gestalterische Kurve kriegt das Glasrohr nicht. Doch wenn die Buchstaben groß genug seien, sagt Knoll, kommt der Glasbieger auch elegant um ganz enge Kurven. Eine spitze Ecke wird trotzdem nie daraus, aber eine runde. „Man muss sich genau überlegen, wie man anfängt und wie ich dorthin komme, wo ich hinwill", wenn aus einem langen Glasrohr ein Wort werden soll. Ist es fertig gekrümmt, dann wird Luft ausgelassen: „evakuiert". Und dann die Form gefüllt mit Gas. Danach: erst mal abhängen. Denn, fast programmatisch als Gegenbewegung zum Blitzlicht sonstiger Werbebotschaften: Neon muss sich erst mal einleuchten. Da hängt dann im „Hochspannungsraum" etwa eine künstlerische Installation an der Wand, bevor sie dann in einem Grazer Foyer von der Decke baumeln darf.

„In der Flächenausleuchtung ist Neon natürlich nicht mehr sinnvoll", da erledigen gerade Röhren oder LEDs, was man von ihnen erwartet: Helligkeit erzeugen. Und das Plexiglas davor bestimmt die Farbe. Oder auch die Diode selbst. „Die Lichtqualität der LEDs wird immer besser", sagt Knoll. Aber den Effekt dreidimensional ausgeleuchteter Buchstaben – „den kann man nur mit Neon erzielen". Auch wenn man nachmal nachbessern muss. Oder nachstauben. In dem exakt selben Farbton aus der Dose. Wenn ein Wort einmal doch seine Wirkung, nämlich jene in der Dunkelheit, verloren haben sollte.

Tipp

Neon Kunze. In der Wehrgasse 3, in 1050 Wien, produziert und montiert Lichtwerbung und Schilder. Und individuelle Neon-Leuchtschilder und -Buchstaben.

(c) Beigestellt

Die Sprache des Lichts

Das Büro BIG rund um den Architekten und Designer Bjarke Ingels ließ zuletzt auch ein paar Ideen leuchten. Etwa, wie man die Welt, außen wie innen, mit Licht beschriftet. Das „Alphabet of Light" entwarf das Designbüro für den Hersteller Artemide. Dabei konzipierte es eine neue Schriftart, die sich aus wenigen geometrischen Komponenten, Linien und Bögen, zusammensetzen lässt. Zu 29 Buchstaben und zehn Zahlen. Die Formen dienen als „Lichtwerkzeug", um Räume zu modellieren, atmosphärisch vor allem, wie das Designbüro verrät. So ziehen sich mit wenig Lichtkomponenten ganze Lichtlinien, geschwungene und gerade, durch die Räume. Oder verbinden sich an Fassaden zu leuchtenden Botschaften. Nachempfunden wurde die Ästhetik den Licht- und Leuchtsituationen aus der Moderne der Büroarchitektur. Und vor allem natürlich der Neon-Anmutung. Doch in diesen Röhren ist kein Gas. Vielmehr steckt aktuelle LED-Technologie darin, um die Neon-Ästhetik zu imitieren.

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