Sofas: Inseln und ihre Wellen

Die Evolution des Sofas: Die Geschichte einer inzwischen völlig aufgeweichten Möbel-Typologie.

Living Divani. Auch der italienische Hersteller setzte 50 Jahre lang Meilensteine auf dem Entwicklungsweg des Sofas: Im Bild „Benson“ (1978).
Living Divani. Auch der italienische Hersteller setzte 50 Jahre lang Meilensteine auf dem Entwicklungsweg des Sofas: Im Bild „Benson“ (1978).
Living Divani. Auch der italienische Hersteller setzte 50 Jahre lang Meilensteine auf dem Entwicklungsweg des Sofas: Im Bild „Benson“ (1978). – (c) Beigestellt

Sich selbst so einfach vom Netz nehmen, das klappt nicht so ganz. Irgendeine Beziehung hat man doch immer mit der Welt da draußen. „Niemand ist eine Insel" ist ein Zitat von John Donne, ein Buch von Johannes Mario Simmel und eine Erkenntnis, die man gar nicht so wahrhaben will, hat man sich erst auf seine eigene Insel zurückgezogen. Mehr als die Füße des Sofas braucht man manchmal nicht als Kontaktpunkte zur Welt rundum. Doch die Inseln in der Wohnlandschaft sind auch den Wellen ausgesetzt, die auf sie einbranden. Manchmal haben sie Gesellschaft und Zeitgeist angestoßen. Manchmal haben sie auch die Möbelhersteller selbst geschlagen. Vor allem wenn sie die Wohntopografie fleißig mitmodellieren: mit ihren Ideen, Innovationen, handwerklichen Traditionen und Vorstellungen, wie Inseln so sein sollten. Das heißt inzwischen: eher in Mittel- als in Randlage. Jedenfalls auch von hinten schön. Allmählich auch als Patchwork: aus Oberflächen, Materialien und Nutzungen. Und letztendlich vor allem auch ein Ort, der alles vereint, sämtliche Möglichkeiten des Tuns und Nichttuns.

Minotti. „Pollock“ hob Ende der 1990er-Jahre die Sofa-Ästhetik auf Metallfüße.
Minotti. „Pollock“ hob Ende der 1990er-Jahre die Sofa-Ästhetik auf Metallfüße.
Minotti. „Pollock“ (1999) hob Ende der 1990er-Jahre die Sofa-Ästhetik auf Metallfüße. – (c) Beigestellt

Entwicklungslinie. Manche Hersteller feilen da schon länger an der Sofa-Typologie. Und auch daran, die Definition, was eines ist und sein soll, nicht mehr ganz so streng und eng zu sehen. Jedes Jahr reiht sich eine andere Marke ein in die Liste der Jubilare. Heuer ist es Living Divani, gegründet 1969 von Luigi Bestetti und Renata Pozzoli, sie waren damals 26 und 22 Jahre jung. Heute ist das Unternehmen 50 Jahre alt und hat in der Zwischenzeit fleißig Meilensteine auf die Zeitachse der Sofa-Evolution gestreut. Wie etwa das Sofa „Benson" aus dem Jahr 1978, ein selbstbewusstes Statement in der Ästhetik seiner Zeit. Und seitdem der Designer Piero Lissoni, er stieg 1989 als Artdirector ein, den Design-Output von Living Divani zusammenhält, sind noch ein paar legendäre Stücke dazugekommen. Auch das Modell „Extrasoft" etwa, das Piero Lissoni 2008 entworfen hat und das Leben auf dem Sofa tatsächlich wie aus weichen Bausteinen versteht.

„Extrasoft“ von Living Divani (2008).
„Extrasoft“ von Living Divani (2008).
„Extrasoft“ von Living Divani (2008). – (c) Cesare Chimenti

Im letzten Jahr war bereits der italienische Hersteller Minotti dran mit den Jubiläumseskapaden. Auch er hat gleichermaßen auf die Evolution des Sofas im Lauf seiner 70-jährigen Geschichte reagiert wie auch die DNA des Sofa genetisch verändert. Vor allem auch in den letzten zwei Dekaden, in denen Rodolfo Dordoni als Chefgestalter die gestalterische Linie verantwortete. Da hat sich etwa das Modell „Pollock" schon Ende der 1990er-Jahre ästhetisch abgehoben von anderen, vor allem auch sprichwörtlich: mit einem hohen Metallfuß. Dordoni hat die Prinzipien von damals inzwischen längst aktualisiert.

Gelandet. Auf der Insel angekommen, freut man sich auch über die eine oder andere freundliche Geste. Auch über Umarmungen, in die man sich fallen lassen kann. Eine solche formuliert gestalterisch etwa „Vuelta Lounge Island" von der österreichischen Möbelmanufaktur Wittmann. Eine ausladende Geste, die zugleich stumme Einladung ist: sich zurückzuziehen in den geschützten Raum eines weichen Rückens. Hier hat der Designer und Künstler Jaime Hayon das Ausklinken aus dem rauschenden Stimuli-Meer der Dinge und Beziehungen rundum gestalterisch forciert und ausgepolstert.

Wittmann. Sich fallen lassen: in eine Um­armung. Mit „Vuelta Lounge Island“ (2019).
Wittmann. Sich fallen lassen: in eine Um­armung. Mit „Vuelta Lounge Island“ (2019).
Wittmann. Sich fallen lassen: in eine Um­armung. Mit „Vuelta Lounge Island“ (2019). – (c) Beigestellt

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