Tapeten: Was Wände kleidet

Nackt und weiß war gestern. Wer heute Wände schmückt, der tapeziert. Mit handgefertigten, digitalen, farbenfrohen Kreationen.

(c) www.TapetenDer70er.de/Hans-Peter Bloom

Schlaraffenland der Tapete

2003 gründet Stefan Rohleder „just for fun" sein Unternehmen Tapeten der 70er. Der Entwurf „Veruso" sorgte für Furore in New York, der Trend und das Lebensgefühl der 1970er-Jahre beginnen, die Wohnräume zu durchdringen. „Wir haben mit eigenen Tapetendesigns begonnen, da es von der Indus­trie noch keine passende Ware gab", erinnert er sich. „Die Idee entstand aus der Erinnerung an die Kindheit. In der DDR gab es bis zur Wende Mustertapeten." Jetzt hat Rohleder Entwürfe und Modelle von 50 verschiedenen Designern im Sortiment. Sein Unternehmen betreibt er im Weltort Langenwetzendorf in Thüringen. Das niederländische Designtrio Studio Ditte, die Tapetenmanufaktur Coordonné aus Barcelona, Béatrice Laval, die künstlerische Leiterin des französischen Unternehmens Le Monde Sauvage, oder das italienische Modeimperium Versace zeigen bei Tapeten der 70er ihre Entwürfe. Ob Leder-, Glasperlen- oder Metalltapete – an Fantasie für die Wand in Form und Material mangelt es nicht. Zu den aktuellen Neuigkeiten zählen etwa „Riverana" oder „Mayfair" (siehe Artikelbild). Wirft erstere große Blüten aus Glasperlen an die Wand, prangt mit „Mayfair" barockes Ornament aus edlen Kettfäden im Raum. Angespornt von der Vielfalt geht auch Stefan Rohleder wieder ins Rennen mit einer Eigenkreation. Er setzt auf eine Nische, wie auf die 70er bei der Unternehmensgründung, und hofft, damit den Zeitgeist zu treffen. Details verrät er dazu noch nicht.

www.tapetender70er.de

 

Ovids „Metamorphosen"

Marta Cortese und Anna D’Andrea entwerfen Haute Couture. In ihrem 2016 gegründeten Studio Nerodiseppia, ansässig in Turin, widmen sie sich dem Design von Oberflächen. Möbel, Kleider, Heimtextilien – die Motive von Nerodissepia finden sich vielfältig im Wohn- und Lebensraum. Und eben auch an der Wand, Cortese und D’Andrea realisieren exklusive Designtapeten. Die von ihnen eingekleideten Räume tragen den sogenannten Maßanzug der Tapete, jede Tapete ist als Unikat gedacht und hergestellt.

(c) Formdepot/Sophie Kirchner

Für ihre Kreationen schöpfen sie aus der italienischen Kunst, aus der Geschichte, aus dem Kunsthandwerk. Jedem Entwurf geht ein handgemaltes Bild voraus, bei dem auch Techniken erforscht werden, suggestive Kunstwerke entstehen sollen.

Aktuell entwickelt das Duo in Kooperation mit dem Formdepot im 16. Wiener Bezirk ein neues Designprojekt: die Metamorphosen der Wände (live zusehen kann man den Designerinnen beim Formdepot Salon am 3. März, siehe auch Tipp Seite 38). Inspirationsquell sind die „Metamorphosen" des römischen Dichters Ovid. In seinen Mythen beschreibt er die Entstehung und Geschichte der Welt. Die Designerinnen interpretieren die Sagen mit Pinsel und Farbe in eigenen Bildern. Pflanzen und Tiere erzählen in eindrücklichen Motiven, was Ovid in Worte fasste. Daraus entsteht eine einzigartige Kollektion von Tapeten, die jeden Raum in eine eigene Stimmung taucht. Ganz nach dem Ansatz: Es gibt Wände, die man erzählen soll.

www.nerodissepia-studio.com

 

Vom Computer in den Raum

Philipp Gaedke programmierte einst Computerspiele, virtuellen Räumen gab er individuellen Charakter. Doch das war ihm nicht genug, er wollte real gestalten. In haptisch erfassbaren Räumen. Für wirkliche Menschen. Heute gestaltet der Produktdesigner Wände aller Art mit Motiven, die am Rechner entstehen. Wolkenhimmel, Wiesenlandschaften, oder ganz aktuell: der blühende Kirschzweig, der an der Wand wächst. „Das Motiv ist fröhlich, aber nicht zu laut, asiatisch anmutend, ein bisschen kitschig, dabei reduziert und zurückhaltend", erklärt Gaedke.

(c) Gaedke Tapeten

Es schmückt private Schlafzimmer oder Friseursalons, Arztpraxen oder Cafés. Immer sind die Zweige an die Gegebenheiten im Raum – Fenster, Türen oder Möbelstücke – angepasst, die Hintergrundfarbe adaptiert. Gaedke Tapeten gibt es seit 2007. Die Motive reichen von Fotos, Grafiken und Panoramen bis zu klassischen Mustern. Die wachsende Anzahl an individuellen Designs wird in einer kleinen Tapetenfabrik in Deutschland auf Tapetenvlies gedruckt. Gaedke organisiert auch die Montage der Tapete. Seinem Background als Programmierer ist der Tapeten-Konfigurator zu verdanken. Eine Plattform, die ­Tapetenkünstler und Raumgestalter zusammenbringen soll.

www.gaedke-tapeten.at

 

Metall und Barock

Unendliche Weiten suggerieren die Tapeten von René Roger Schuck. Psychedelische Muster in glitzernder Üppigkeit, in schimmernder Körperlichkeit. Seinen Kollektionen gibt er die Namen „Eleganz", „Monumentalmetall" oder „Palazzo Futuro". In seiner Jugend malt Schuck Gemälde aus Öl. Nach dem Studium der Psychologie und Medienberatung arbeitet er mit dem sozialpsychiatrischen Dienst zusammen. Die Leidenschaft für Bilder und Wände setzt er heute in digitalen Bildwelten um. Er legt Muster aneinander, die gold, silber, rosa oder blau glänzen, die sich brechen, spiegeln, wölben oder vertiefen – oftmals in 3-D-Optik.

(c) Mowade/Shutterstock/Santiago Cornejo

Es geht um Moderne, um Avantgarde, um Opulenz. Sie fließt als Symphonicon über die Wand, wie eine vergoldete Düne (Foto rechts), sie tropft als Splitterreigen an ihr herunter, wie ein lachsfarbener Regen, sie verliert sich als Pyramidenstadt an der Wand, wie ein Labyrinth. Schucks Bilder werden in Erfurt mit extrahoher Auflösung gedruckt, jedes Pixel macht sich sonst bemerkbar und irritiert den Betrachter. Das Material bleibt dabei Vlies, die Wahrnehmung des Metalls ist schlicht auf das Motiv zurückzuführen.

www.mowade.de

Tipp

Formdepot Salon 2019. Vom 1. bis 3.  März gibt es im 16. Bezirk Events rund um Raum, Design, Handwerk – und einen neuen Day-Spa-Showroom.

www.formdepot.at

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