Warum wir die Landwirtschaft romantisieren

Während die Zahl der Landwirte sinkt, wächst die Sehnsucht nach kleinbäuerlichem Idyll – und mit ihr die Kluft zwischen Vorstellung und Realität. Warum eigentlich?

Schwein
Schwein
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Es gibt Geschichten, die sind nur gut, weil sie ein Open End – oder gar kein Ende haben. Die Geschichte der Landwirtschaft ist derzeit so eine. Denn würden wir das Bild, das wir von der Landwirtschaft haben, zu Ende denken, würden wir diese Geschichte plötzlich nicht mehr hören wollen. Alle wollen zurück zur Natur, in Omas Kräutergarten, rauf auf die Almen, hin zu alten Obstbäumen, deren Früchte nach etwas schmecken, und zurück zu glücklichen Tieren, denen es gar nichts ausmacht, ihr Leben für uns zu lassen, weil sie es ohnehin genossen haben. Die Menschen, die solche Lebensmittel erzeugen, sind für uns wahre Helden: selbstständig, autark, ohne Vorgesetzten, der ihnen sagt, wie sie ihre Arbeit zu tun haben oder gar Machtspielchen mit ihnen treibt, dafür aber eingebettet in einen harmonischen Familienverband, der sie erdet.

Dem Schwein das Messer ansetzen

So oder so ähnlich wird die Landwirtschaft – auch jene, die nach biologischen Richtlinien arbeitet – derzeit gern präsentiert. Gut ist, wer klein ist. Verdächtig sind die anderen, die Großen. Wer aber dieses idyllische Bild weiter denkt, stößt schnell einmal an dessen Grenzen. Was, wenn wir tatsächlich auf den Milchbauern angewiesen sind, der die Milch in der großen Kanne via Pferdewagen liefert? Der ist bekanntlich meist nicht in der Nähe, wenn der Kaffee gerade fertig ist – schon gar nicht in der Stadt. Was, wenn es heuer eben einmal keine Erdäpfel gibt, weil die Natur nicht bei Laune war? Und nicht auszudenken, wenn wir tatsächlich einem sprechenden, lustigen Schwein das Messer ansetzen müssten, nur weil heute Schnitzel auf dem Speiseplan steht. Nein, weiter gedacht macht diese Geschichte keinen Spaß. Dennoch ist sie da – und sehr beliebt. Aber warum? Eine Spurensuche.

Dass sich unser idyllisches Bild von der realen Landwirtschaft entfernt hat, hat zunächst damit zu tun, dass wir uns von der Landwirtschaft entfernt haben. Die bäuerlichen Betriebe werden immer weniger, dafür größer. „In den 1930er-Jahren hat noch ein Drittel der österreichischen Bevölkerung in landwirtschaftlichen Betrieben gearbeitet, in den 60ern waren es 21 Prozent und heute sind es weniger als vier Prozent. Dadurch entsteht ein gewisses Unwissen. Die Leute haben kein praktisches Bild mehr davon, was Unkrautbekämpfung, Schlachtung oder Feldarbeit bedeutet“, sagt Franz Windisch, Präsident der Wiener Landwirtschaftskammer. Und: Durch die Arbeitsteilung werden Produkte anonymisiert.

Zeitgleich mit der Entfremdung der Bevölkerung von der Landwirtschaft hat sich diese aber enorm weiterentwickelt. Wenn Landwirte weniger werden, die Bevölkerung aber wächst, muss die Landwirtschaft effektiver, die Produktivität höher werden. Das wissen vielleicht die Landwirte, deren Kunden denken weniger daran. Denn vermittelt wurde das in den letzten Jahren oder Jahrzehnten kaum. Das Bild, mit dem die Landwirtschaft, deren Vertreter und auch der Handel wirbt, orientiert sich immer noch gern an alten, vertrauten Mustern.

Auf der anderen Seite passt das Bild vom kleinbäuerlichen Idyll perfekt in unsere Zeit. Die Sehnsucht nach naturnahen Lebensmitteln ist, wenn man so will, die ideale Gegenbewegung zum modernen, schnellen und stark technisierten Alltag. Auch Windisch muss zugeben: „Wir fahren auch beim Erntedankfest mit den Nostalgiefahrzeugen vor.“ Und noch ein Faktor spielt mit: In einer Gesellschaft, in der Individualität wichtig ist, verkaufen sich Produkte, die besonders sind, eben besser als Massenware. Wer sich etwas gönnen will oder von den anderen abheben möchte, der wird beim Biobauern, der all seine Liebe in die Herstellung eines Produkts steckt, eher fündig als beim Diskonter.

All das wissen natürlich auch jene Menschen, die mit Lebensmitteln ihr Geld verdienen. Denn natürlich gibt es – kleine und große – Produzenten, deren Arbeitsweise unserem idyllischen Bild sehr nahekommt. Aber es gibt eben auch Trittbrettfahrer, die sich ein rot-weiß-rotes Fähnchen anheften und so auf den Regionalitätstrend aufspringen. Oder etwa optisch ungewöhnliches Gemüse plötzlich als Sensation verkaufen und dabei unter den Tisch fallen lassen, dass dieses Gemüse nur deshalb ungewöhnlich geworden ist, weil es von genau denselben Menschen jahrelang verschmäht wurde.

Die Landwirte selbst gehen mit diesem Thema unterschiedlich um. Winzerin Jutta Ambrositsch etwa, die vor zehn Jahren als Quereinsteigerin in den Weinbau eingestiegen ist, meint: „Ich bin an die Sache mit einem sehr realistischen Bild herangegangen. Aber meine Freunde hatten oft ein falsches Bild. Wenn ich gesagt habe, ich arbeite heute im Weingarten, haben sie gemeint: ach, wie schön.“ Dieselben Menschen waren dann bei ihrem Einsatz als Erntehelfer darüber erschüttert, wie viel Arbeit in einer Flasche Wein steckt. Ambrositsch erklärt sich das verklärte Bild damit, dass es sich eben gut verkaufen lässt. „Normale Landwirtschaft kann sich niemand mehr leisten. Also kann man entweder Massenproduktion machen oder eine Nische bedienen.“ Sie selbst zählt mit vier Hektar Weingärten in Wien zur zweiten Gruppe. Wobei auch sie im Lauf der Jahre pragmatischer geworden ist. So hat sie mittlerweile zu den 60 Jahre alten Rebstöcken, die sie sehr liebe, die aber nur einen „homöopathischen Ertrag“ bringen, auch neue Weinstöcke gesetzt.

Enttäuschte Erwartungen

Fragt man bei AMA-Geschäftsführer Michael Blass nach, meint er, dass die Landwirte unter diesem romantischen Bild leiden. „Die haben größtes Interesse an einem realistischen Bild, weil jede Enttäuschung von Erwartungen den Boden für Misstrauen nährt.“ Er selbst denkt nicht, dass so manch idyllisches AMA-Sujet dieses Klischee bedient hat. „Ich gebe aber zu, dass wir in der Vergangenheit eher auf diesen Zug aufgesprungen sind als in meiner Ära.“

Bio-Austria-Obmann Rudi Vierbauch spricht ebenfalls von einem teils überzogenen Bild. „Bei der Biolandwirtschaft klafft der Spagat zwischen Realität und gezeichnetem Bild aber nicht so weit auseinander. Wir können diese Erwartungen am ehesten erfüllen.“ Er ist der Meinung, dass – wäre die Verteilung der Fördergelder eine andere – sich die Biolandwirtschaft, die derzeit bei einem flächenmäßigen Anteil von 20 Prozent liegt, verdoppeln könnte. „Die konventionellen Kollegen sind schon fast zu bemitleiden, wenn man sieht, wie sehr sie strampeln und wie wenige Antworten sie finden.“

Klar ist aber auch, dass diese Kluft zwischen Romantik und Realität ein Wohlstandsphänomen ist. Denn je satter eine Gesellschaft ist, desto mehr kann sie die Produktionsbedingungen infrage stellen. Sie könnte es sich sogar leisten, die Geschichte der Landwirtschaft zu Ende zu denken.

In Zahlen

Landwirtschaftliche Betriebe
Die Statistik Austria zählte zuletzt 2012 österreichweit 173.317 land- und forstwirtschaftliche Betriebe. 1951 waren es 432.848 Betriebe. Die Fläche hat sich von 8.135.744 ha (1951) auf 7.347.536 ha (2010) reduziert.

Biobetriebe
2012 gab es 21.766 Biobetriebe auf insgesamt 536.583 ha. 2000 waren es 19.027 Betriebe auf 429.167 ha.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Warum wir die Landwirtschaft romantisieren

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.