Eschi Fiege: Eine Gaststube im Wohnzimmer

Eschi Fiege bekocht in ihrer Altbauwohnung Freunde – und deren Freunde. Jetzt hat sie eine Ode an den Mittagstisch in Buchform herausgebracht.

Eschi Fiege: Eine Gaststube im Wohnzimmer
Eschi Fiege: Eine Gaststube im Wohnzimmer
Eschi Fiege – Brandstätter Verlag

This is not Disney World“, steht auf einem goldenen Schild an der Wohnungstür geschrieben. Und tatsächlich, man muss die Türe gar nicht öffnen, um zu wissen, dass sich hier kein kommerzieller Vergnügungspark für Kinder befindet. Man hört Stimmengewirr, angeregtes Plaudern, Teller klappern, Gläser klirren und Menschen lachen. Hier, in einer großen, schönen Altbauwohnung im dritten Stock mit Blick auf den Wiener Naschmarkt, wird gegessen – im privaten Rahmen. Was die Gastgeberin nicht davon abhält, die Gäste ganz professionell zu bekochen.

Eschi Fiege betreibt hier ihre „Lovekitchen“, wie sie das private Restaurant, bei dem nur Freunde und Freunde von Freunden geladen sind, nennt. „Das hat sich so ergeben, eigentlich dadurch, dass meine Tochter bei ihrer Einschulung die Nachmittagsbetreuung verweigert hat“, sagt Fiege. Und weil sie es sich als Freiberuflerin – „ich schreibe für Magazine, bin Autorin, war beim Film, in der Werbung“ – eben einteilen konnte, hat sie mittags mehr gekocht. „Das ist natürlich gewachsen, ich habe gekocht, es hat jemand angerufen – auch viele meiner Freunde sind freiberuflich – und dann sagt man, ja, komm auch vorbei. Irgendwann war immer jemand da“, erzählt Fiege, während sie gerade die Hauptspeise – ein Kürbisrisotto mit Dillblüten – aus einem großen Topf in einen Teller schöpft. Als Vorspeise wird Tomatenbruschetta mit geschmorten und frischen Tomaten sowie Ziegenkäse kredenzt, als Nachspeise Zwetschkenfleck.

 

Kochbuch statt Roman

Fiege kocht bei ihrer privaten Mittagsverköstigung rein vegetarisch. „Aus Neugierde, ich wollte wissen, was da alles möglich ist. Außerdem ist meine Mutter Italienerin, aus Südtirol, da hat es immer sehr viel Gemüse gegeben.“ Ihre Gästeschar ist mittlerweile gewachsen. „Jeder kann eine Person mitnehmen, die kann sich dann – wenn sie will und wir sie nett finden – in die Liste eintragen, und so wird dann der nächste Termin ausgeschrieben.“

Mittlerweile hat sich nicht nur die „Lovekitchen“ verselbstständigt, sondern Fiege auch ein Kochbuch herausgebracht: „Eschi Fiege's Mittagstisch“. Auch das sei natürlich gewachsen. „Ich wollte immer ein Buch schreiben, eigentlich einen Roman, jetzt ist ein Kochbuch daraus geworden. Das Schöne daran ist, dass ich mir nichts ausgedacht habe. Das ist alles hier passiert und wurde alles hier gekocht“, sagt Fiege, die weder abends noch in einem Restaurant kochen will. Denn zwischen kochen müssen und nur dann zu kochen, wenn man Lust dazu hat, bestünde ein großer Unterschied. Genauso unregelmäßig finden ihre Termine statt.

Vom bewussten Einhalten einer Mittagspause ist die gebürtige Wienerin überzeugt. „Wenn ich könnte, würde ich jedem Menschen eine Mittagspause verordnen. Das muss man sich herausnehmen“, sagt Fiege, die selbst erst mit der Zeit den Wert einer Pause entdeckt hat. „Heute ist es teilweise schon extrem, man hetzt herum und ist nie da, wo man gerade ist. Ich mag dieses Leben, ich bin keine die sagt, früher war alles besser. Aber man muss auch einmal da sein, wo man ist. Das geht beim Essen gut.“ Für Fiege ist ein Mittagessen – gerne mit der Möglichkeit, sitzen zu bleiben – auch „eine kleine Anarchie“. Einen Akt der Rebellion nennt sie es, denkt kurz nach und meint: „Nach dem Mittagessen ist die Welt für einen kurzen Moment ein bisschen besser, wie, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Dann ist sie auch kurz besser.“

Mittlerweile haben sich die Gäste verabschiedet, die Box mit dem Unkostenbeitrag befüllt und sich – mehrmals mit den Worten „Es war köstlich“ – bei der Gastgeberin bedankt. Jetzt dürfen auch die beiden Hauskatzen wieder aus dem Schlafzimmer kommen. Die Tochter der Hauses, mittlerweile 13 Jahre alt, serviert nicht mehr, sondern genehmigt sich mit ihrer Freundin die Reste des Menüs auf dem Balkon, Frau Fiege trinkt einen Kaffee, die Tür wird geschlossen und vor ihr wird es wieder ruhig.

ZUR PERSON



Eschi Fiege
lebt und arbeitet in Wien als Texterin, Journalistin und Autorin. Sie hat Kunst studiert, in der Werbebranche und beim Film gearbeitet. In ihrer Privatwohnung beim Naschmarkt bekocht sie unter dem Motto „Lovekitchen“ regelmäßig Freunde und Bekannte mit einem dreigängigen Menü. Jetzt ist auch ihr erstes Buch erschienen: In „Eschi Fiege's Mittagstisch. Leidenschaftlich vegetarisch“ (Brandstätter Verlag, 208 S., 29,90 Euro) hat sie ihre Rezepte gesammelt. Ab Herbst ist Fiege auch als Private Cook zu mieten. www.lovekitchen.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2014)

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