Weingut Kracher: „Wir haben uns immer weit hinausgelehnt“

Das Weingut Kracher wird 60 Jahre alt und von Gerhard Kracher in dritter Generation geführt. Keiner der Krachers hatte je eine Weinbauschule besucht. Alles Autodidakten, alle Visionäre, mutige Unternehmer und radikale Qualitätsfanatiker.

Gerhard Kracher macht längst mehr als Süßwein. (Symbolbild).
Gerhard Kracher macht längst mehr als Süßwein. (Symbolbild).
Gerhard Kracher macht längst mehr als Süßwein. (Symbolbild). – (c) Clemens Fabry

Das Schwarze Kameel ist nicht der ideale Ort, um mit Gerhard Kracher ein längeres Gespräch zu führen. Es vergehen keine fünf Minuten, wo nicht einer zu ihm „Servus“ sagt, Krachers „Griaß di“ ertönt und über Weingeschichten gescherzt wird. Der Winzer aus Illmitz im Seewinkel hält Hof am Hof in der Wiener Innenstadt. Zuhause am Weinlaubenhof macht er das nur während der Weinlese. Da ist er fast jeden Tag dabei. „Obwohl es nicht nötig wäre. Ich habe zwei tolle Kellermeister, die das ohne mich schaffen“, sagt er.

Von den ersten sechs Monaten dieses Jahres verbrachte Kracher vier im Ausland. „Wenn ich länger als ein Monat zuhause bin, werde ich krank“, sagt er. Schließlich sei er seit früher Kindheit gewohnt zu reisen. „Ich muss weg, das hält meine Kreativität am Leben.“

Auf dem Tisch steht eine Flasche Wein. Ziemlich altvaterische Aufmachung. „60 Years Anniversary“ steht auf dem Etikett. „So haben unsere Flaschen ausgesehen, als alles angefangen hat: Im Jahr 1959.“ Damals hat Alois Kracher senior die gemischte Landwirtschaft aufgegeben und sich voll dem Weinbau gewidmet. Während alle anderen Trauben und Fasswein an die Genossenschaft verkauften, füllte Kracher seinen Süßwein in Flaschen ab. „Die Bauern haben gesagt: Der Kracher wird zu Weihnachten auf seinen Flaschen hocken und kein Brot und kein Fleisch haben“, erzählt sein Enkel. Tatsächlich waren die Krachers von Anfang an immer schon mehr Unternehmer als Bauern.

Es gab einen Lastwagen in Illmitz, der brachte die Milch nach Wien. Kracher senior fuhr mit dem Milchwagen mit, ein paar Kisten Wein mit dabei, und klapperte in Wien die Gasthäuser ab. „In Wahrheit hat der Großvater keine Ahnung gehabt, wie er den Wein verkaufen soll.“ Anfangs verschenkte er ihn als Kostprobe. Doch schon bald stellten sich die ersten Kunden ein. Der legendäre Altwienerhof war einer der ersten Abnehmer, bald folgten Meinl am Graben, Schwarzes Kameel und das Steirereck. Mit einem halben Hektar Weingarten hatte er begonnen, in den späten 1970er-Jahren bewirtschaftete der alte Kracher zwölf Hektar, hatte aus dem Schweinestall ein paar Gästezimmer gemacht und war in der heimischen Spitzengastronomie ein Begriff.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2019)

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