Lokal-Kolorit: Kann man Biber essen?

Rainer Nowak isst im Mühltalhof.

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Nennen wir es Erfahrungswert plus Zynismus. Nichts jagt mir kulinarisch mehr Angst ein als ein „kreativer, bemühter, experimenteller, junger Koch“ oder ein guidegekröntes Gasthaus oder Hotelrestaurant fern der Stadt. Um hier nicht arrogant „auf dem Land“ zu schreiben. Wie ich zu dieser Einschätzung komme? Entweder ein gutes Dorf- oder Landwirtshaus wird von einem „Kritiker“ entdeckt, für das bodenständige Handwerk gelobt, worauf der Koch dies als Auftrag missversteht, auf mehrgängige Menüs und gewagte Kreationen zu setzen. Oder der Chef der Küche kommt selbst auf die Idee und tobt sich mit Zutaten und Kombinationen aus, die aus gutem Grund noch keiner vor ihm wagte.

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Aber um es positiv zu formulieren, es geht auch ganz, ganz anders: Vorige Woche durfte ich an einen der schönsten Hotelorte dieses Landes. Zumindest für alle, die mit dem Begriff „Understatement“ wirklich etwas anzufangen wissen. Der Mühltalhof steht bei einem aufgestauten Abschnitt der Großen Mühl, man plätschert bei Bedarf selbst und hat vom Restaurant einen großartigen Blick auf ein Stück Naturidyll Flussbar plus Wald, das nur von der einspurigen Mühlkreisbahn mitunter aufgeschreckt wird, da fahren tutend tatsächlich ein, zwei Waggon(s) vorbei und machen das Sommerfrischeklischee perfekt. Wenn dann noch der Biber – „Ist das eine Bachratte?“ – vorbeischwimmt und seelenruhig an seinem Bau bastelt, reibt man sich schon langsam die Augen und fragt sich, ob die Oberösterreich-Werbung ihre Finger im Spiel hat.

Zurück zur Küche – die zum großen Teil äußerst gelungene Inneneinrichtung erwähne ich erst gar nicht, sonst wird das hier zur Hagiografie: In der Küche stehen Vater und Sohn Rachinger, beide haben zu unterschiedlichen Zeiten mit Vater und Sohn Reitbauer im Steirereck gearbeitet: Vater Helmut und Philip zaubern eine aromatische Küche, wie sie selten zu verkosten ist. (Ja, wir haben die schon hier gelobt, aber sie wurden noch besser.) Da wird das Saiblings- wahlweise Reinankenfilet aus dem See des Vertrauens mit geriebener Salzmandel, eingelegten Spargeln – die letzten 2017 – und Marillenmarmelade zusammen ins Rennen geschickt. Ein sensationeller leichter Gang. Ein perfekter Klassiker: Flusskrebs plus Bries plus Karfiol. Einer der beiden Herren – oder beide? – versteht sich aber auch auf die Fleischzubereitung: Das Rehfilet ist zum Weinen gut, präzise am Punkt, das Entrecote hätte eventuell schon ein paar Sekunden früher den Ofen verlassen dürfen. Aber ich bin der, der tatsächlich immer Haare findet. Nicht nur in der Suppe.

Info

Mühltalhof, Unternberg 6, 4120 Neufelden, Tel: 07282/62 58, Restaurant: Mi–Sa, 18–21, Sa–So, 11.30–14 Uhr

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