Geschmacksfrage: Procacci

Heute der schrägste Einstieg für ein italienisches Restaurant mit nettem Chef, "Anbahnungsstätte" und guter Küche.

In meinem liebsten Restaurant auf Zweisterneniveau, dem – Überraschung! – Steirereck, habe ich es schon mehrmals erlebt, und nicht nur dort: Über Jahre haben sich Esser dort den Status „Stammgast“ erarbeitet. Entsprechend individuell ist die Betreuung und Kenntnis der Vorlieben. Im Reservierungssystem sind Gewohnheiten der Stammgäste dem Vernehmen nach sogar vermerkt. Mit den Jahren werden die Eigenheiten ausgeprägter und die Fürsorge nimmt familiäre bzw. psychotherapeutische Ausmaße an.

Manchmal ertappe ich mich beim Gedanken, wie es sein wird, wenn ich auf der Couch im Steirereck liege und der Wein-Schmidt meine Träume analysiert. Oder wenn ich mit Anhang zur Familien-aufstellung zu Walter Eselböck oder zum Beichtgespräch zu Johanna Maier pilgere. Kein Wunder, dass manche Esser nicht nur ihren liebsten Köchen, sondern auch Geschäftsführern vulgo Oberkellnern folgen.

Ein solcher ist Mino Zaccaria, der einst in Mörwalds mittlerweile verblichener Wien-Botschaft im Hotel Ambassador den Maître gab. Nach einem kurzen Zwischenspiel im Süden Wiens im Dienste eines anonymen Konzerns kehrte er nun in die Stadt zurück. Als Geschäftsführer des Procacci leitet er ein Restaurant, das mich tendenziell eher nervös macht: Wenn ich ein Netzwerk will, setze ich mich vor den Computer. Und wenn ich einen Gesprächspartner für nichtprofessionelle Belange brauche, bleibe ich eigentlich zu Hause. Oder versuche zu telefonieren. „Anbahnungsstätte“ nennt es Zaccaria dezent. Aber ich schweife ab.

(c) Julia Stix
Bei früheren Besuchen hat mich die Küche nicht gerade umgeworfen, aber jeder bekommt eine zweite (x-te) Chance. Und siehe da, einige Gerichte beweisen Talent und gutes Handwerk. Eine vergleichsweise banale Lasagne etwa schmeckt gut und ist zu schade, um zum Versuchsfeld für Amateurköche zu verkommen. Dann wird eine Glaubensfrage serviert: Osso bucco. Die Scheibe von der Kalbshaxe mit ordentlich Fleisch wird fast klassisch mit viel Tomatensud und einem kleinen Risotto Milanese serviert. Alles sehr gut, nur ein Detail trennt Zaccaria und mich. Ich hätte es gern weicher, sprich länger geschmort. Er meinte, man müsse noch etwas vom Fleisch schmecken, und ins Altersheim komme ich früh genug. Manchmal schwant mir, da bin ich doch schon.

INFO

Procacci, 1010 Wien, Göttweihergasse 2, Tel.: 01/512 22 11-10, tägl. 11–24 Uhr

 

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